BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© Nicolas Economou/Picture Alliance
Bildrechte: Nicolas Economou/Picture Alliance

Neue "Kontroll-Zone" auf Samos für Migranten

    Böhmermann: "Neue Lager brennen garantiert nicht mehr ab"

    Mit großem Aufwand hat die Europäische Union auf der griechischen Insel Samos eine neue Flüchtlingsunterkunft gebaut. Sie soll verhindern, dass sich eine Brandkatastrophe wie in Moria wiederholt. Der ZDF-Moderator sprach von "Gehegen für Menschen".

    Von
    Peter JungblutPeter Jungblut

    "Es ist ein hartes Thema heute, es ist unappetitlich", so Jan Böhmermann, der allerdings vorbeugend ein echtes Kaninchen mitgebracht hatte, das zu den beschaulichen Klängen einer Spieluhr unverdrossen futterte: "Was in den Gehegen passiert, in denen wir in Europa Menschen sperren, das geht uns doch am A… vorbei." Damit richtete der ZDF-Moderator die Aufmerksamkeit auf die Flüchtlingscamps auf griechischen Inseln und erinnerte an die Brandkatastrophe von Moria vom September vergangenen Jahres, wo fast 13.000 Flüchtlinge lebten – statt der einst geplanten 2.800.

    "Dann kommt auch noch Armin Laschet"

    Die Zelte seien überflutet gewesen, trotz Hitze habe es nicht ausreichend Wasser gegeben, Kleinkinder seien von Ratten gebissen worden: „Da leiden die armen Menschen unter Flut, Hitze und Durst, und dann kommt auch noch Armin Laschet vorbei.“ Böhmermann nannte weitere prominente Gäste in Moria: Den Papst, Angelina Jolie und SPD-Politiker Martin Schulz: „Jeder Weltstar, der auf sich hält, hat sich in Moria das Leid der Menschen angesehen, dann kam das Feuer und zerstörte das Lager. Und langsam dämmerte es selbst der EU-Kommission, wir müssen was tun.“

    © Picture Alliance
    Bildrechte: Picture Alliance

    Drohnenaufnahme vom neuen Camp

    Es habe dafür „tosenden Beifall von allen sechs anwesenden EU-Abgeordneten“ gegeben, so Böhmermann ironisch. Dazu waren Bilder aus dem gähnend leeren EU-Parlament während einer Debatte über den Moria-Brand zu sehen: „Die EU hat tatsächlich ihren Worten Taten folgen lassen, und darum die Task Force für Migrationsmanagement gegründet.“ Offizielle Fotos dieser Institution gebe es allerdings nicht. Ihre Aufgabe es sei wohl, „ein neues Moria zu bauen, ohne dass es wie das alte wird“. Sarkastisch fragte der „Magazin Royale“-Macher: „Wie viele arbeiten denn dort? Fünf Humanisten-Bataillone, 35 Psychologen-Geschwader und 2.000 Ärzte ohne Grenzen? Es sind gerade mal acht Leute! Santiano sind schon zu fünft und haben zwei Hunde! Die Task Force arbeitet verdeckt.“

    "Sie hilft den Schwächsten der Schwachen - der griechischen Bürokratie"

    Amtierende Leiterin ist Beate Gminder, die sich 2012 als „Friedensnobelpreisträgerin“ fühlte, weil damals die Europäische Union ausgezeichnet wurde: Das sei ein „Motivationskick“ gewesen, „auch für Mut zur Ehrlichkeit“. In der entsprechenden Pressemitteilung der EU-Kommission anlässlich ihrer Ernennung heißt es: "Die gebürtige Deutsche wird künftig die Taskforce für Migrationsmanagement leiten, um die Arbeit der Europäischen Union in allen strategischen, rechtlichen, operativen und finanziellen Fragen im Zusammenhang mit der Migrationssteuerung zu koordinieren. Beate Gminder hat langjährige Erfahrung in der Kommission. Derzeit ist sie Direktorin für die Migrations- und Sicherheitsfonds und finanzielle Ressourcen und amtierende Leiterin der Task Force für Migrationsmanagement in der Generaldirektion für Migration und Inneres."

    Aufgabe von Gminder ist es nun Böhmermann zufolge, „276 Millionen Euro im Sinne der EU einzusetzen: „Mit dem Geld hilft sie den Schwächsten der Schwachen, also den griechischen Behörden.“ Und der Satiriker setzte nach: „Die glänzenden Lederschuhe von Armin Laschet sollen nie mehr woanders im Matsch stehen müssen als in Bad Münstereifel.“ Ein mit Drohnen aufgenommener EU-Imagefilm präsentierte das neue Lager, offiziell das „Closed controlled Access Center of Samos“, wo rund 3.000 Menschen aufgenommen werden sollen.

    © Nicolas Economou/Picture Alliance
    Bildrechte: Nicolas Economou/Picture Alliance

    Eingangsbereich der EU-Einrichtung

    Obwohl die Fundamental Rights Agency der EU (FRA) davon abgeraten habe, Stacheldraht zu verwenden, um die Retraumatisierung von Flüchtlingen zu vermeiden, sei dort „blanker Draht mit Widerhaken“ verbaut worden: „Die Menschen im neuen Moria dürfen zwar raus, aber nur von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, und die nächste Ortschaft ist mehr als eine Stunde zu Fuß vom Lager entfernt, und der Bus ist so teuer, dass ihn sich kaum einer leisten kann. Und wer zu spät zurückkommt, wird zur Strafe für fünf bis zehn Tage eingesperrt.“

    "Es ist vielmehr ein Internierungslager"

    Die prominente Gefängnis-Architektin Andrea Seelich sagte in einem Einspieler: „Meiner Meinung nach handelt es sich nicht um Gefängnisse, denn Gefängnisse haben Insassen, die einer Straftat überführt worden sind und daraufhin zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Das heißt, es ist klar, wie lange sie in der Anstalt bleiben bzw. wann die erste Möglichkeit ist wieder rauszukommen. Ich glaube, dass es sich vielmehr um Internierungslager handelt.“

    © Nicolas Economou/Picture Alliance
    Bildrechte: Nicolas Economou/Picture Alliance

    Viel Sicherheit: Eingangsschleusen auf Samos

    Der griechische Integrationsminister kann nach Böhmermanns Angaben Tag und Nacht von seinem Kommandozentrum in Athen aus das neue Lager samt Unterkünfte überwachen. Wenn sich zu viele dort versammelten, schreite die Polizei ein. Insgesamt sollten fünf derartige Camps gebaut werden, eines davon nahe einer Müllhalde: „Wenn die Kälte kommt mit eisiger Hand“, hieß es in einem Santiano-Song. „Die neuen Lager brennen garantiert nicht mehr ab“, so Böhmermann, der noch bemerkte: „Die EU-Kommission lässt die Überwachungstechnik mit Geld bezahlen, das eigentlich dafür gedacht war, die Wirtschaft anzukurbeln.“ Wer mehr erfahren will, könne das unter dasneuemoria.eu oder, etwas angenehmer, bei mümmelchen.eu, wo die Nutzer dann tatsächlich ein Hasen-Näschen erwartet.

    "Ich bin wahnsinnig progressiver Musik-Gourmet"

    Ab kommender Woche gibt es beim „Magazin Royale“ übrigens wieder Zuschauer. „Ich bin wahnsinnig gut drauf“, verriet Böhmermann denn auch eingangs seines neuesten Auftritts: „Im rechten Ohr ist Helene Fischer und links Coldplay. Ich bin nämlich so ein wahnsinnig progressiver Musik-Gourmet.“ Und der Herbst habe ja auch seine schönen Seiten: „Die Blätter an den Bäumen haben Farben, die sonst nur der Zahnarzt von Alexander Gauland kennt.“

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

    Schlagwörter