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Bildrechte: Felix Hoerhager/Picture Alliance

Alte Normalität: Ski-Party 2009 in Ischgl

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    Böhmermann knöpft sich Ischgl vor: "Schmusen in der Gondel"

    Es gibt viel zu erzählen über die Tiroler Après-Ski-Partyhölle: Die Staatsanwälte haben schon 10.000 Seiten Ermittlungsakten zusammengetragen - der ZDF-Satiriker wuchtete sie aufs Pult und plauderte angeregt über "Jägermeister, dem Maggi der Alpen".

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    Von
    • Peter Jungblut

    Für die nächsten Tage ist ja tatsächlich Neuschnee im Nordstau der Alpen angesagt, insofern kommt Jan Böhmermann gerade richtig mit seiner Après-Ski-Sause, die Pistenhelden, Gastwirten und Tourismusmanagern allerdings wohl kaum gefallen dürfte. Seiner Meinung nach beruht das Geschäft mit der Extrem-Party nach der Pistengaudi vor allem auf drei Säulen: Sexismus, Alkohol und triebgesteuertem Neandertaler-Verhalten. „Einen Besuch in Ischgl kann man sich an deutschen Journalistenschulen, wenn ich das richtig verstanden habe, als ‚Bild‘-Volontariat anrechnen lassen, ist wirklich wahr“, so Böhmermann, der nebenbei darauf hinwies, dass es in der Redaktion von Deutschlands größtem Boulevardblatt gerade um „Mobbing und Drogenmissbrauch“ gehe. Wie dort recherchiert wird, bebilderte eine Einspielung, in der sich ein "Bild"-Reporter vor laufender Kamera vergeblich bemühte, aus seinem Handy die neuesten Neuigkeiten raus zu kitzeln, während die ahnungslose Moderatorin verständnisvoll mit den Augen klapperte.

    "Ischgl in der Halbliter-Dose"

    Schnell schaltete Böhmermann jedoch vom Springer-Hochhaus in Berlin rüber ins rasante Ischgl und beruhigte die Zuschauer, dass er selbst großer Fan von Tirol sei: „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, unbegrenzt, solange die Kellertür nicht abgeschlossen ist. Piefkes wie ich lieben Österreich, obwohl von dort ein gemeingefährlicher völkischer Kleinkünstler nach Deutschland kam, um Europa ins Unheil zu stürzen.“ Gemeint war aber nicht der, an den möglicherweise mancher dachte, sondern die eingeblendete Stimmungskanone Andreas Gabalier. Der Sänger, der von Böhmermann am Ende der Sendung persifliert wurde, passt nach Meinung des Satirikers auch besonders gut ins Gletscher-Skigebiet: „Schon das Logo sieht aus, als könne man Ischgl in der Halbliter-Dose kaufen und mit ordentlich Wodka mischen. Was reimt sich auf megacool? Tirol!“

    Allerdings gebe es dort leider auch die meisten Mutationen des Covid-19-Virus, speziell der südafrikanischen Variante: „In Tirol gab es mehr Corona-Mutationen als Getränke, die man mit Jägermeister mischen kann. Und glauben Sie mir, Jägermeister kann man mit allem mischen – Jägermeister ist das Maggi der Alpen.“ Und deshalb hat Ischgl nach wie vor ein Problem, meint wohl nicht nur Böhmermann: „Momentchen mal, gemütlich mit fünf Fremden aus vier verschiedenen Haushalten in der Seilbahn-Gondel schmusen und aus einem im Gebüsch gefundenen Ski-Helm Frittatensuppe schlürfen, mitten in der Pandemie? Was soll denn dabei schiefgehen?“

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    Bildrechte: EXPA/Picture Alliance

    Blick auf Ischgl

    Fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem Ischgl erstmals dichtgemacht wurde, am 13. März 2020, präsentierte der Moderator 10.000 Seiten aus dem Ermittlungsbericht der Innsbrucker Staatsanwaltschaft zu den Vorkommnissen vor dem ersten Lockdown. Dort fanden sich allerlei befremdliche Zitate. Ein Gastwirt wurde zum Beispiel am 25. Februar 2020 mit dem Satz zitiert: „Bis jetzt beruhigen wir anfragende Gäste. Uns wird jedoch kommunikativ eine Agentur unterstützen, sollte sich die Situation verschärfen.“ PR sollte demnach also gegen Infektionen helfen. Die Behörden wollten nach eigener Aussage damals den „Ball flach halten“ und keinesfalls „proaktiv“ handeln, also abwarten, selbst dann noch, als die isländische Regierung am 5. März signalisierte, dass acht Staatsbürger infiziert aus Ischgl zurück gereist seien – das lag nach Ansicht der Tiroler Behörden aber wohl eher am „Rückflug“.

    "Wir stehen da wie Hottentotten"

    1,4 Millionen Übernachtungen gibt es pro Ski-Saison in Ischgl: „Glaubt doch sowieso keiner, dass man sich in Bars, die Kuhstall oder Schatzi-Bar oder Nikos Hexenküche heißen, was anderes holen kann als Lumumba, Bombardino oder Chlamydien.“ Immerhin, dem Seilbahn-Lobbyisten und ÖVP-Politiker Franz Hörl erschien das wilde Treiben in den Clubs rufschädigend. Er schrieb denn auch eine SMS: „Wenn eine Kamera den Betrieb sieht, stehen wir Tiroler da wie ein Hottentotten-Staat und stehen ganz schnell auf der deutschen Liste. Der Imageschaden für Ischgl und Tirol ist unermesslich.“ Hörl selbst wurde später übrigens positiv auf Corona getestet.

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    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    Inzwischen gebe es Ermittlungen gegen den Bürgermeister, Bezirkshauptmann und zwei hochrangige Beamte, so Böhmermann: „Meine Erfahrung mit Österreich sagt mir, eher bekommen alle Yucca-Palmen in Niedersachsen Corona-Impfungen als dass einer der Beschuldigten in Ischgl eine echte Strafe kriegt. In Österreich läuft nämlich immer schon alles ein bisschen anders als anderswo, das hat System.“

    "Melke die Gletscher, solange sie noch kalben"

    Nach der Brandkatastrophe von Kaprun, wo am 11. November 2000 155 Menschen starben, seien ja auch alle Angeklagten freigesprochen worden, weil das „Image des Tourismus“ wichtiger gewesen sei, wie die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" am 31. Oktober 2020 mutmaßte. Dafür habe die österreichische Regierung damals eine Million Euro extra locker gemacht. Böhmermann fragte sein Publikum in „Wer wird Millionär?“-Manier, wofür das Geld wohl ausgegeben wurde: Feuerlöscher, Notrufschalter, Nothammer oder Tourismuswerbung. Die richtige Antwort lag nahe.

    17,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verdankt Tirol dem Tourismus, so ein Experte, jeder dritte Euro werde in der Branche verdient, jeder vierte Arbeitsplatz hänge daran. Kein Wunder, dass es zwei Grundregeln gebe: „Bist über 1000 Meter, sagst nicht mehr ‚Sie‘ zum Peter und stört der Berg die Seilbahn-Clubs, gibst dem Berg einen kleinen Schubs.“ Eine Anspielung darauf, das in Österreichs Skigebieten fleißig gesprengt wird, wenn Pisten und Straßen verbreitert werden sollen. Und Gletscher abtragen sei auch kein Problem: „Für die Ski-Industrie sind die Berge halt Arbeitsmaterial, so wie Steckmoos für Floristen.“ Die Branche „melke die Gletscher, solange sie noch kalben“. Kein Wunder, dass im Gemeinderat von Ischgl erstaunlich viele Mitglieder bei der Seilbahngesellschaft angestellt sind.

    Gabalier-Satire mit den "Fangzauner Schneebrunzern"

    Höhepunkt des „Magazin Royale“ war der Auftritt des neuen Stars „Tommy Tellerlift“ mit seinem Hit „Ischgl-Fieber“, begleitet von den „Fangzauner Schneebrunzern“, ganz im Stil von Gabalier zwischen Mega-Party und sentimentaler Trachten-Folklore. Böhmermann war als Lederhosen-Alpenrocker täuschend echt unterwegs und versicherte, dass seine Verrenkungen auf dem fingierten "Plattencover" wirklich ein „Hakenkreuz“ darstellen sollen – eine Unterstellung, die Gabalier einmal weit von sich gewiesen hatte.

    Bei soviel Ausnahmezustand war es tröstlich, von Böhmermann auch Beruhigendes zu hören: „Korruptionsvorwürfe bei der CDU/CSU? Nach einem Jahr Pandemie endlich wieder ein Stück Normalität!“

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