BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

"Body of Truth": So arbeiten Künstlerinnen mit ihren Körpern | BR24

© Audio: BR24. Bild: Filmwelt/Boerres Weiffenbach

Die Künstlerin Katharina Sieverding in Berlin – sie ist eine der vier Protagonistinnen in der neuen Kino-Doku "Body of Truth"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Body of Truth": So arbeiten Künstlerinnen mit ihren Körpern

"Mein Körper ist mein Werkzeug, mein Instrument" – so sagt es Marina Abramović in dieser Doku. Regisseurin Evelyn Schels stellt darin vier Künstlerinnen vor, die ganz ähnlich arbeiten – und schon mal mit dornengespickten Hula-Hoop-Reifen tanzen.

Per Mail sharen

"Ja, das hat eine kleine Vorgeschichte", sagt Regisseurin Evelyn Schels. "Ich lebe zur Hälfte in Paris und habe sehr viele extreme, avantgardistische Modern-Dance-Performances gesehen. Und da habe ich Frauen gesehen, die unglaublich extrem mit ihrem Körper umgegangen sind. Das hat mich auch zum Teil schockiert. Und nachdem Tanz jetzt nicht so mein Gebiet ist, habe ich mich gefragt: Wie ist denn das in der Bildenden Kunst? Und dann fokussierte sich das relativ bald auf die vier dargestellten Künstlerinnen."

Das Künstlerinnen-Quartett, das Schels in ihrer faszinierenden Doku porträtiert, ist so hochkarätig wie spannend. Der Fokus der vier Frauen ist verschieden:

  • Shirin Neshat: "In meiner Arbeit verwende ich den weiblichen Körper in seiner Sinnlichkeit und politischen Dimension gleichermaßen."
  • Sigalit Landau: "Ich vertraue meinem Körper mehr als meinem Geist."
  • Marina Abramović: "Der Geist kann lügen. Doch der Körper lügt nie."
  • Katharina Sieverding: "Also zu Zeiten der sogenannten Body Art war mein Statement: Auch der Kopf ist Teil des Körpers."

Sieverding wirkt wie die freundliche Schwester Karl Lagerfelds. Mit dunkel getönter Sonnenbrille und streng gezogenem Zopf sitzt sie einem zum Gespräch gegenüber. Sie sei eine 68erin, sagt sie, wütend sei sie eigentlich auf alle gewesen damals. Der Körper hat sie zunächst aus heilkundlicher Sicht interessiert, das Studium der Medizin aber hat sie recht bald aufgegeben zugunsten erst des Theaters, der darstellenden Kunst, und dann der bildenden Kunst.

An Röntgen-Aufnahmen erinnerten ihre Fotografien nicht von ungefähr, erklärt die 75-jährige: "Also dass ich so wie ich meinen Vater als Radiologen kennenglernt habe als Kind, der die Lungen geröntgt hat der Menschen, die unter Tage gearbeitet haben, die sogenannten Steinstaublungen, das sitzt bei mir mehr, so dass ich denke, dass meine Arbeit mehr einen Befund des politisch-gesellschaftlichen Organismus oder der gesellschaftlichen Organismen darstellt."

Wer den Körper einsetzt, darf den Schmerz nicht scheuen

So wie in Katharina Sieverdings Werk die deutsche Geschichte präsent ist, so setzt sich die Israelin Sigalit Landau mit der ihres Landes und ihrer eigenen Familie immer wieder auseinander. Auf durchaus schmerzhafte Weise: Ein dornenbekränzter Hula-Hoop-Reifen umkreist da etwa ihre Hüften. Sigalit Landau spricht ihrer Kunst heilende Wirkung zu. Die Armeezeit der 1969 geborenen Landau, erzählt Evelyn Schels, fiel zusammen mit der Zeit der ersten Intifada: "Also man kann sagen, ein Teil der Politisierung hat stattgefunden durch ihren Militärdienst. Aber sie war ja schon als Kind in dieser hochdepressiven Familie. Da waren Selbstmorde, da war eine schreckliche Stimmung zuhause. Und da war, glaube ich, schon die Idee: Sie tanzte ja, sie machte Ballett und wollte die Familie aufheitern. Sie wollte was Heilendes geben, die Stimmung verbessern. Daher rührt auch ihr Grundgedanke, dass sie sagt: Meine Kunst soll auch eine heilende Funktion haben. Die Klingen vom Stacheldraht werden schön."

© Filmwelt/Börres Weiffenbach

Jetzt kurz mal Pause machen: Marina Abramović und Shirin Neshat bei einer Bootsfahrt auf dem Hudson River

Geschickt verwebt Schels die vier Biographien in ihrer Doku miteinander. "Ich habe dann auch gesehen", erzählt sie im BR-Interview, "dass viele der Verwundungen oder Auseinandersetzungen oder Aneckungen zu tun hatten mit Zeitgeschichte, und die dann transformiert wurden in die Kunst, wo jede ja etwas völlig anderes macht."

Prägend für alle: Heimat, Herkunft, Eltern

Die Zuschauer erkennen Verbindungsfäden in der Auseinandersetzung aller vier mit ihren Eltern und ihrer Heimat – heißt diese nun Israel, Iran oder Ex-Jugoslawien. Shirin Neshat, die sich viel mit von der Religion bestimmten Geschlechterrollen befasst, und Marina Abramović sitzen am Ende dieses Films beisammen. Shirin Neshat sagt zu ihrer Freundin Marina Abramović, was sie an ihr so schätze, sei ihre Verwundbarkeit. Und Marina Abramović erwidert: "Du musst verwundbar sein, um das Herz des Publikums zu erreichen. Die Frau ist das stärkste Wesen unseres Planeten, sie war es schon immer."

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!