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Geschüttelt, nicht gerührt: Blue-Note-Klassiker revisited | BR24

© Audio: Bayerischer Rundfunk / Bild: Blue Note Records

Die Londoner Jazz-Szene geht mit Afrobeat auf Sound-Exkursion.

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Geschüttelt, nicht gerührt: Blue-Note-Klassiker revisited

Die legendäre Plattenfirma Blue Note bittet junge Künstler*innen, Klassiker zu interpretieren. Bisher haben sich Beatbastler alte Aufnahmen vorgenommen, auf "Re:Imgained" ist nun Londons junge Jazz-Szene an der Reihe – ein spannender Brückenschlag.

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2020 ist ja das Jahr, in dem im Wochen-Rhythmus verblüffende Jazz-Alben erschienen, die zwischen Jazz und Pop vermitteln. Statt altmodischen Swing verwenden diese Jazzkünstler*innen Afrobeat und Broken Beat, ratternde Rhythmus-Muster aus der Elektronik-Szene. Dass Jazz als Alternative zur Alternative fungieren kann und eine überaus attraktive Option darstellt im Vergleich zu all den programmierten Sounds und am Computer entwickelten Musiken, hat sich offenbar mittlerweile herumgesprochen.

Mit Afrobeat und Broken Beat

Da passt der neueste "Re:Imgained"-Sampler des legendären Jazz-Labels Blue Note perfekt ins Bild. Er versammelt Interpretationen von Jazzklassikern afroamerikanischer Komponisten wie Herbie Hancock, Wayne Shorter, Bobby Hutcherson und Donald Byrd. In London drehen Twentysomethings zur Zeit mächtig am Rad der Improvisationskunst. Die Vorfahren dieser Musiker*innen kommen nicht selten aus Süd- und Westafrika, aus Indien oder Jamaica, aus Gesellschaften also, die mit Kolonialismus zu tun haben oder hatten. In den USA, wo diese neue Welle junger Jazzkünstler*innen ebenfalls gerade anlandet, sind es oft junge Afroamerikaner*innen wie Kamasi Washington, eine der Schlüsselfiguren der Bewegung, die mit und in Improvisationen neues Terrain ausloten.

Querschnitt der jungen Londoner Szene

Jetzt also London Calling: Keyboardzauberer Alfa Mist hat sich "Galaxy" von Eddie Henderson vorgeknöpft. Die gefeierte Saxofonistin Nubya Garcia versenkt sich in "A Shade of Jade" von Joe Henderson, Shabakha Hutchings, Primus inter pares und Vordenker der Londoner Szene, hat sich "Prints Tie" vorgeknöpft, ebenfalls von Joe Henderson, dem Modern-Jazz-Saxofonisten, der in den 70er-Jahren trotz fortgeschrittenen Alters mit E-Pianos und Rock-Rhythmen experimentierte. Die Londoner Künstler*innen haben sich bewusst Kompositionen aus dem Blue-Note-Katalog herausgepickt, die ihrem Ansatz, erfrischend Neues zu integrieren, nahestehen.

Nur Vokalistin Jorja Smith hat sich einen Titel jüngeren Datums gegriffen: Sie interpretiert "Rose Rouge", ein Stück des Franzosen St. Germain von dessen Blue-Note-Klassiker "Tourist" von 2000. Das Rose Rouge war ein legendärer Pariser Jazzclub, in dem unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Juliette Greco und andere Existenzialisten verkehrten. Auch das ein Statement für die Nähe zu Elektronika und Jazz, wie sie der Titel im Original propagiert – und ein Bekenntnis zur romantischen Auffassung des Jazz, die in Paris lange angesagt war.

Brückenschlag zwischen den Generationen

Das Schöne an diesem Album, das als spannender Brückenschlag zwischen den Generationen und den Kontinenten fungiert, ist, dass es sich hier – wie immer bei Blue Note – um kunstvolle Jazzmusik handelt, die nicht nervt, sondern das Publikum mit feinem Zauber betört. Also die perfekte Einstiegsdroge sowohl für alte Jazzfans wie für interessierte Neu-Einsteiger in die aktuelle Londoner Szene, die ja ein Zentrum dieser jüngsten Jazz-Welle darstellt.

"Re:Imagined", der Sampler, den man sowohl nebenbei wie auch hoch konzentriert hören kann, ist bei Decca (Universal Music) erschienen, erhältlich als Doppel-Vinyl-Album, CD und download.

© Decca (Universal Music)

Cover des Sampler "Blue Note Re:Imagined"

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