Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Blut und Dada: "Schade, dass sie eine Hure war" in Düsseldorf | BR24

Audio nicht mehr verfügbar

Dieses Audio konnte leider nicht geladen werden, da es nicht mehr verfügbar ist.

Weitere Information zur Verweildauer

© BR

Theaterkritik: "Schade, dass sie eine Hure war"

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Blut und Dada: "Schade, dass sie eine Hure war" in Düsseldorf

John Fords elisabethanisches Schauer-Drama von 1633 inspirierte den viel gefragten Komponisten Anno Schreier (40) zu einer grellbunten Oper mit Schleiertanz, Hollywood-Folklore und reichlich Leichen. Die Zuschauer waren so verblüfft wie angetan.

Per Mail sharen
Teilen

Na klar, auf einem Kuss unter einem Fliegenpilz liegt kein Segen! Und deshalb weiß der Zuschauer an der Oper Düsseldorf schon nach einer Minute: Das hier wird eine ziemlich giftige, unappetitliche Liebesgeschichte, zumal all die kleinen, weiß gesprenkelten und sehr unbekömmlichen Fliegenpilze, die hier und da durch die Kulisse geschoben werden, verdächtig nach männlichen Genitalien aussehen. Sieben Leichen in gut zwei Stunden, das war so ungefähr der Standard im elisabethanischen Theater zur Zeit von Shakespeare und John Ford, also um 1600. Aber unter all den Erfolgsstücken von damals hat wohl keines einen so grellen und effektvollen Titel wie "Schade, dass sie eine Hure war".

© Hans Jörg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Fröhliche Hochzeiter

Es fließt reichlich Blut

Es geht um eine Inzest-Beziehung zwischen Bruder und Schwester und eine Gesellschaft, die darüber hellauf empört ist. Es fließt reichlich Blut. Kerstin Maria Pöhler machte aus dem wüsten Schauerdrama einen so knappen wie derben Operntext, der viel beschäftigte Komponist Anno Schreier ließ sich dazu die angemessene Musik einfallen. Er selbst legt Wert darauf, keine eignen Stil im engeren Sinne zu haben, sondern sich gern von Kollegen inspirieren zu lassen. Deshalb sind all seine bisherigen Werke, darunter auch eine viel gelobte "Hamlet"-Fassung, recht zitaten- und anspielungsreich, oder, vornehmer ausgedrückt, eklektizistisch. Eine Technik, so Schreier, die auch berühmte Vorgänger wie Mozart und Strawinsky anwendeten. Für "Schade, dass sie eine Hure war" bediente sich Schreier bei allen Stilepochen von der Renaissance bis zu Hollywood.

© Hans Jörg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Ohne unheimlichen Mönch geht es nicht

Lautstark, pomphaft, affektiert

Rein akustisch explodiert bei ihm etwa alle fünf Minuten ein Tankwagen und dazwischen verbreiten die Geigen wohligen Grusel. Die Bläser haben reichlich zu tun, fast wie in einer Bigband-Aufstellung, werden auch als zirkushafte Bühnenmusik gebraucht. Das Schlagzeug dagegen ist vergleichsweise wenig gefragt, was auffällt, weil die heutigen Opern-Komponisten-Kollegen von Anno Schreier neben viel Elektronik gern ein halbes Dutzend und mehr Perkussionisten aufmarschieren lassen. Insofern klang diese Uraufführung "altmodisch", aber nicht altbacken, denn die grelle, lautstarke, pomphafte und affektierte Musik passte hervorragend zu dem ebenso wild bewegten, absurden, aberwitzigen Drama.

© Hans Jörg Michel/Deutsche Oper am Rhein

In den Fängen der Macht

Weniger verwirrend, als es klingt

Das Publikum wusste über weite Strecken nicht: Ist das ernst gemeint? Soll das Satire sein? Und diese Irritation war volle Absicht, wie in bluttriefenden Filmen, etwa von Quentin Tarantino, die Gewalt exzessiv ausstellen und dabei gern offen lassen, ob sie schockieren oder amüsieren wollen. Regisseur David Hermann zeigte das Gemetzel als flotten Rundgang durch 400 Jahre Theatergeschichte. Die Liebhaber treten munter durcheinander in Kostümen des 17., 18., 19. und 20. Jahrhunderts auf, auch die Kulissenteile und die Requisiten zitieren all diese Epochen. Bühnenbildner Jo Schramm und Kostümdesignerin Michaela Barth scheuten da keinen Aufwand. Das alles war weniger verwirrend, als es sich anhört, weil David Hermann sehr starke, eindeutige Sinnbilder fand - den erwähnten monumentalen Fliegenpilz zum Beispiel, unter dem die verliebten Geschwister Annabella und Giovanni ihrer inzestuösen Neigung frönen.

© Hans Jörg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Verbotene Früchte

Dadaistisches Tohuwabohu

Es gibt einen sündigen Schleiertanz, einen typisch britischen Quacksalber mit sehenswerter Reklame-Kutsche, einen unheimlichen Mönch in Nebelschwaden, eine Hexenverbrennung, den Kurzauftritt von Cowboys, reichlich Vergiftungen, Folter und Messerstechereien, kurz, all das, was das Stehplatz-Publikum zu Shakespeares Zeiten für sein Geld erwartete. Das alles ist sehr unterhaltsam, was leider für wenige Opern-Uraufführungen gilt. Es ist humorvoll, spannend, wenn auch nicht sonderlich vielschichtig. Die Programmhefte sind anderswo lesenswerter, aber das kann ja nicht der Sinn von Theater sein. Die Sänger machten diesen Schabernack allesamt hoch motiviert mit, allen voran die Sopranistin Lavinia Dames als Annabella und der finnische Tenor Jussi Myllys als ihr Bruder Giovanni. Hier war teils auch stimmlich der Mut zu dadaistischen Aktionen gefragt, ohne in Kitsch abzugleiten. Dirigent Lukas Beikircher fand offenkundig Gefallen an all dem Tohuwabohu, die Düsseldorfer Symphoniker spielten jedenfalls mit viel Schalk und Hinterlist. Sehr freundlicher, wenn auch nicht überschäumender Applaus für alle Beteiligten.

Wieder am 23. und 27. Februar, weitere Termine im März.