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© Falk von Traubenberg/Landestheater Linz
Bildrechte: Falk von Traubenberg/Landestheater Linz

Vater und Tochter: Herodes und Salome

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Blut, Sekt und Wüste: "Salome" als Endzeitspiel im Nahen Osten

Am Landestheater Linz wird Richard Strauss´ Oper "Salome" zum Stück der Stunde: Diktator Herodes feiert am leeren Swimmingpool seine Macht - und wird am Ende samt Familie erschossen. Reichtum bewahrt nicht vor Terror. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Alleinherrscher haben ja normalerweise weder einen guten Geschmack, noch einen guten Umgang, und schon gar keine guten Manieren, allenfalls gute Leibwächter. Und selbst die taugen bei Herodes nicht viel: Er wird am Ende von den eigenen Leuten erschossen, wie übrigens auch seine sündige Ehefrau Herodias und seine gemütskranke Tochter Salome. Regisseur Marc Adams zeigte am Landestheater Linz eine so moderne wie brutale Diktatoren-Dämmerung - schlechte Menschen in schlechten Verhältnissen haben nun mal schlechte Gewohnheiten.

Irgendwann kommt die Wüste zurück

Das galt bekanntlich für den rumänischen Staatschef Nicolae Ceausescu wie für den irakischen Machthaber Saddam Hussein, und irgendwo dazwischen, also genau im fundamentalistischen IS-Reservat, verortete Marc Adams seinen Herodes. Ausstatterin Annemarie Woods hatte sich für ihr Bühnenbild sowohl von einem Regierungspalast in Bukarest, als auch von einer Villa im Irak inspirieren lassen. Vor einem prächtigen, größenwahnsinnigen Säulen-Gang bröckelt ein Swimmingpool vor sich hin, dahinter wird der Blick frei auf ein paar Sand-Dünen. Irgendwann wird sich die Wüste diesen ganzen Protz zurückholen.

Salome mit Schlangenhaut

Schwer bewaffnete, gefährlich gelangweilte Soldaten in lässigen Shorts und Sandalen lungern herum. Dazwischen Salome, die einsame Königstochter, mit einem Koffer voller Perücken und einer abgeranzten Puppe aus Kindertagen. Unten trägt sie schlangenhautartige, silberne Leggings, oben eine Fantasie-Uniformjacke. Eine total kaputte Existenz, kein Wunder, bei diesen wüsten Eltern. Nähe und Wärme sucht sie ausgerechnet beim Staatsgefangenen Jochanaan, der aber nur an seinem Gott interessiert ist. Dafür muss er büßen: Er wird enthauptet - in der Linzer Inszenierung übrigens auf offener Bühne. Bekanntlich wird inzwischen im Nahen Osten unter Fanatikern wieder geköpft, insofern wirkt diese Opernszene längst nicht mehr so absurd wie noch vor einigen Jahren, vor allem dann nicht, wenn eine Inszenierung so konsequent die totale Verwüstung und Verwahrlosung durch Krieg und Gewalt zum Thema macht.

Flackern und Flimmern

Hier und da haben es Marc Adam und sein Video-Spezialist Paulo Correira optisch etwas übertrieben: Gleich am Anfang sprengen sie alles in die Luft, lassen die Rauchschwaden aufsteigen, später setzen Überblendungen und eingespielte Computereffekte immer wieder aggressive Licht-Effekte - als ob Erdbeben, Meteoriteneinschlag und Heuschreckenschwarm gleichzeitig hereinbrechen. Auch ohne dies monströse Flackern und Flimmern hätte die Inszenierung funktioniert.

Das Stück der Stunde

Herodes trägt wie seine ganze Entourage Anzug und Krawatte und ist mal nicht der Irre auf den ersten Blick, sondern ein äußerst kontrollierter Machthaber. Herodias, seine abgebrühte Gattin, hat eine Pelz-Stola umhängen, die sehr nach einer Schlange aussieht und tatsächlich als solche zum Einsatz kommt, übrigens samt Apfel vom Baum der Erkenntnis. Herodias ist also Inbegriff der Sünde und labt sich am Verfall ihrer Familie. Tochter Salome ist chancenlos: Ihr bleibt nur ein bitterer Kuss von den toten Lippen des Jochanaan und ein blutüberströmtes T-Shirt. So interpretiert ist "Salome" sicherlich das Stück der Stunde in einer Welt, die sich gerade selbst zerlegt und den diversen Aufräumern und Erlösungspolitikern in die Arme wirft.

Dekadenz und Schwulst

Nicht von ungefähr stammt "Salome" aus der Dekadenz-Zeit um 1900, als sich die Kunst am allgemeinen Verfall der Sitten und Gebräuche weidete und sich mit einer wilden Lust am Untergang ins 20. Jahrhundert stürzte. Die Folgen sind bekannt. Dirigent Dennis Russell Davies interessierte sich hörbar mehr für das überladene, orientalisierende Klangbild, auch für den herrlichen Schwulst, als für die peitschende Dramatik. Entsprechend bedächtig ging er vor, entsprechend weich, gedämpft und abgerundet hörte sich manches an.

Swimmingpool ist kein Wert an sich

Astrid Weber als Salome war szenisch überzeugend, stimmlich konditionsstark, aber auch teils überfordert. Karen Robertson gab eine eiskalte Herodias voller Abgründe, Paul McNamara machte aus dem Herodes einen absolut glaubwürdigen Machtmenschen, statt eine Karikatur, wie es sonst oft zu erleben ist. Seho Chang war als Jochanaan von gebremstem Sendungsbewusstsein - sein Auftritt hätte salbungsvoller und pathetischer sein können. So wurde nicht recht deutlich, warum er auf Salome dermaßen anziehend wirkte. Insgesamt ein starker Abend am Landestheater Linz, und eine klare Botschaft: Ein Swimmingpool ist kein Wert an sich.

Noch bis zum 25. März 2017.

© Falk von Traubenberg/Landestheater Linz

Salome denkt nach

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Düstere Gedanken

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Am Swimming-Pool der Leidenschaften

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Im "IS-Lager"

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Kampf um Liebe