Auf den ersten Bildern ist ein Schulgelände zu sehen, ein Basketballkorb in einer Sporthalle – und ein Jugendlicher mit kurzen, zerfransten Haaren und schwarz-rot-weißer Sportjacke. Sein Gesicht ist in einen dicken Schal eingemummt: "Jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, eine bestimmte Person zu sehen."
Taiki Inomata ist zu Beginn des Mangas "Blue Box" 14 Jahre alt und besucht eine auf Sport spezialisierte Mittel- und Oberschule. Er spielt im Badminton-Club und ist verknallt. Seine Bewunderung gilt dem aufgehenden Stern der Mädchen-Basketballmannschaft Chinatsu Kano. Egal wie früh er aufsteht, Chinatsu steht schon in der Halle und wirft Körbe.
Taikis bester Freund Kyo versucht ihm während eines Trainings einzutrichtern, dass er keine Chance habe: "Dein einziger Berührungspunkt sind ein paar Worte beim Frühtraining." Doch Taiki ist mutig: "Ich verstehe ja, was du meinst, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt!"
Eine gesunde Liebesbeziehung
Als Taiki erfährt, dass Chinatsus Familie aus beruflichen Gründen ins Ausland ziehen wird, eilt er aus dem Haus, rennt in die Schulhalle und, versucht, Chinatsu, – die er sich davor kaum anzusprechen traute – anzusprechen, zu überreden, in Japan zu bleiben. Schließlich wolle sie doch mit ihren Klassenkameradinnen bei den Nationalen Meisterschaften antreten. Die flehenden Worte strömen ungefiltert aus ihm heraus. Bis Chinatsu ihn unterbricht: Sie gehe nicht weg. Eine nette Familie habe sich bereiterklärt, sie zwei Jahre lang aufzunehmen. Als Taiki am nächsten Morgen aufsteht, wer steht da wohl in der Küche? "Von heute an müssen Sie es leider mit mir aushalten! Ich bin Chinatsu Kano!"
Die Hauptpersonen in "Blue Box" denken unabhängig und handeln so eigenständig, dass man sie lieben lernt. Aus dem Werk der Mangaka Kouji Miura können auch Erwachsene Lehren ziehen, vor allem darüber, wie eine gesunde Liebesbeziehung aussehen sollte. Taiki und Chinatsu brauchen einander nicht, um glücklich zu sein und Erfolge einzustreichen. "Dank Chinatsu habe ich mir vorgenommen, mich mehr reinzuhängen", sagt Taiki, "aber ich will sie auf gar keinen Fall als Ausrede benutzen, wenn ich verliere. Schließlich ist es ja nicht so, als würde ich nur für sie Badminton spielen."
Seit der Pandemie im Trend
Der Zeichenstil der Mangaka Kouji Miura ist weich und liebevoll, die Körper nicht überzeichnet. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Manga-Reihe "Blue Box" erscheint seit Anfang Mai im Carlsen-Verlag. Der zuständige Programmleiter Kai-Steffen Schwarz erklärt, dass Mangas in Deutschland seit der Pandemie immer beliebter werden: "Da hat sich tatsächlich von 2020 auf '21 der Gesamtmarkt für Manga um 75 Prozent nach oben entwickelt, das ist ein gewaltiger Sprung gewesen. Und von '21 auf '22 nochmal 25 Prozent drauf. Und auf diesem Niveau bewegen wir uns auch im aktuellen Jahr."
Ähnliche, wenn nicht gar stärkere Wachstumsraten beobachtet man in vielen anderen westlichen Ländern. In Frankreich etwa wurden im vergangenen Jahr fast sieben Millionen Bände verkauft – und das nur von der Piratengeschichte "One Piece". Damit ist der Manga-Hype aus Japan endgültig auch in der europäischen Populärkultur angekommen.
Zeichner haben Knochenjob
Über die Zeichnerinnen und Zeichner, die sogenannten Mangaka, ist in vielen Fällen nichts bekannt. Sie scheuen die Öffentlichkeit, konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Sie haben einen Knochenjob. Wöchentlich müssen sie ein knapp 20 Seiten langes Kapitel zeichnen, auf fast jeder Seite mehrere Bilder. Nur, damit dieses Kapitel in den wöchentlich erscheinenden japanischen Magazinen abgedruckt wird. Viel mehr als drei Stunden Schlaf sind nicht drin. Viele zeichnen sich ihre Handgelenke kaputt, erkranken an Diabetes oder Bluthochdruck.
Manche bleiben anonym, so auch die Mangaka von "Blue Box", Kouji Miura, was ein Pseudonym ist. Es ist nur bekannt, dass sie eine Frau und 28 Jahre alt sein soll. Auch wenn sie schon im Schulalter zeichnete und Preise einheimste, sind bei Recherchen keine Fotos zu finden. Miura lebt wohl genauso zurückgenommen und unaufdringlich wie sie zeichnet. Umso erstaunlicher, wie Künstlerinnen und Künstler wie sie Werke erschaffen können, die so liebevoll sind und so voller Lebensweisheiten.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Der erste Band von "Blue Box" von Kouji Miura erscheint in der Übersetzung von Antje Bockel am 02.05.2023 bei Carlsen, 198 Seiten, 7,50 Euro.
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