Gutrune (Elisabeth Teige) weiß, was sie will

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
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Bling-Bling-Debakel: "Götterdämmerung" in Bayreuth

Bling-Bling-Debakel: "Götterdämmerung" in Bayreuth

Wütende Protestrufe für eine sehr schwache Regie, aber auch für einige Sänger: Dieser "Ring" stieß auf breite Ablehnung des Publikums, kämpfte allerdings mit Widrigkeiten. Das am Serien-TV orientierte Konzept erwies sich als kurzweilig, aber wirr.

Wie nach bisherigen Zuschauer-Bekundungen zu erwarten, wurde der junge österreichische Regisseur Valentin Schwarz am Ende der "Götterdämmerung" mit seinem Team lautstark ausgebuht. Kaum ein Zuschauer konnte sich mit dem anspielungsreichen, aber leider auch sehr wirren Konzept anfreunden. Besonders der letzte Aufzug der "Götterdämmerung" erwies sich szenisch enttäuschend. Schwarz verlegte die Handlung in einen heruntergekommenen Swimmingpool. Brünnhilde besingt den abgeschlagenen Schädel ihres Pferdes Grane, das in dieser Inszenierung als ergrauter Butler auftrat. Das mutete an wie die Schlussszene aus der "Salome" von Richard Strauss, ohne dass der tiefere Sinn deutlich geworden wäre.

Regisseur hielt sich an eine einzige Idee

Es war vor allem die Personenregie, die zunehmend zufällig und unmotiviert wirkte, zeitweise auf grelle Gags setzte, ohne dass diese mit der Handlung zu tun gehabt hätten. Besonders das Finale war keinen Moment ergreifend, sondern im Gegenteil von unterkühlter Gleichgültigkeit. Womöglich war postmoderner Schabernack beabsichtigt, die Kostüme von Andy Besuch erinnerten an abgefahrene Nachtclub-Auftritte, Haute Couture-Schauen oder Jetset-Partys. Ausstatter Andrea Cozzi hatte allerlei Sofa-Landschaften entworfen, die auf Dauer mit ihrer schicken Unverbindlichkeit nervten.

Sehr böse Menschen: Hagen und Brünnhilde

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Schwarz setzt auf eine einzige Idee: Böse Menschen sind unterhaltsam, sehr böse Menschen sind sehr unterhaltsam. Das hat sich bekanntlich in vielen Streaming-Serien bestens bewährt. Dort ist Gewalt längst zur Satire verkommen. Doch in der "Götterdämmerung" werden damit nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse bloßgestellt, wie vom Regisseur wohl beabsichtigt, sondern sein eigenes Konzept lächerlich gemacht. So trinkt Siegfried nicht etwa den "persönlichkeitsverändernden" Zaubertrunk, der ihn von einem Hoffnungsträger zu einem Schurken macht, sondern schüttet ihn kurzerhand Grane über den Kopf, nur um kurz darauf auf dem Schleim (unbeabsichtigt) auszurutschen. Es war wie ein Menetekel auf die Inszenierung, die selten konzentriert und noch seltener anrührend war.

Flut von Gags verläppert sich

Welche Geschichte Schwarz erzählen wollte, außer, dass böse Menschen böse Kinder zeugen, die dann die Welt noch böser machen, blieb auch und gerade in der "Götterdämmerung" völlig unklar. Wagners Text war ohnehin meist nicht zu verstehen, wichtigste Aussagen wurden nebenbei vernuschelt und szenisch überspielt, als ob nichts gewesen wäre, etwa Brünnhildes Verrat, wo Siegfried verwundbar ist, nämlich im Rücken.

Familienknatsch bei den Gibichungen

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Demgegenüber werden starke und durchaus amüsante Zeichen gesetzt, wo es nichts hervorzuheben gibt: Ausrufezeichen ohne Satz davor, sozusagen. Eine Flut von Gags verläppert sich, allerdings mit dem "Vorteil", dass es nur dann richtig leer läuft, wenn es ernst wird, wenn Pathos gefordert wäre. Dann nämlich fällt das offenbar vom Fernsehen abgeschaute Entertainment-Konzept in sich zusammen. Der Untergang einer macht- und geldgierigen Gesellschaft interessiert diesen Regisseur nicht, sondern ausschließlich die damit verbundenen Bling-Bling-Effekte, aus denen sich Funken schlagen lassen.

Regiekonzept fahrig, halbgar, überladen

Gunther, der Anführer der dekadenten Gibichungen, die in ihrer Villa am Rhein residieren, ist offenbar nicht-binär orientiert, so herzlich, wie er mit Siegfried knuddelt, zappelt gern mit ADS-Syndrom durch die Kulisse und verdämmert sogar Weihnachten dösend auf dem Sofa. Seine Schwester Gutrune ist "fashion victim" und gibt sich dem Kokain und ihrem Smartphone hin. Wie die beiden es jemals zu Führungskräften schafften, erschließt sich nicht. Ebenso wenig, warum Brünnhilde und Siegfried zwar ein Kind gezeugt haben, das bei Wagner nicht vorkommt, aber sich trotzdem auseinander gelebt haben. Sie öden sich nur noch an. Das alles ist fahrig, halbgar und überladen.

Schwarz kommt schon mit den vorhandenen Figuren nicht klar, geschweige denn mit dem Personal, das er aus unbekannten Gründen hinzu erfindet. Da die Statisten keinen Text haben, bleiben ihre Beweggründe im Dunkeln. Viele Andeutungen bleiben ohne Auflösung, doch das war schon das Kennzeichen des letzten Bayreuther "Rings" in der Inszenierung von Frank Castorf, der damit deutlich souveräner umging: Er zitierte abendländische Geistesgeschichte, vorzugsweise der politischen Linken, was anspielungsreich und ein eigenes Vergnügen war, als ob es galt, ein Vexierbild zu entschlüsseln.

So enttäuschend wie zu erwarten war

Geradezu besessen ist Valentin Schwarz von Waffen aller Art. Natürlich ballert auch der dazu erfundene Sohn von Brünnhilde und Siegfried gern mit seinem Wassergewehr. Es wird gewürgt und geschlagen, gezofft und gemeuchelt, allerdings ohne damit auch nur im Geringsten die Beziehungen zwischen den Personen auszuleuchten. Meist stehen sie teilnahmslos nebeneinander, schlurfen auch mal rum, wenn sie gerade nicht dran sind. Der Chor scheint dermaßen irritiert oder auch gelangweilt, dass er lieber den Monitor mit dem Dirigenten im Auge behält oder die Augen über den Bühnenraum schweifen lässt, statt den Kampf der Giganten zu verfolgen.

So wurde dieser "Ring" so enttäuschend, wie von den Rahmenbedingungen her zu erwarten war: Die profilierte Regisseurin Tatjana Gürbaca (49) hatte im Vorfeld abgesagt, weil sie die Probenzeiten für unzureichend hielt. Flugs wurde der völlig unerfahrene, damals 29-jährige Valentin Schwarz verpflichtet. 2020 sollte Premiere sein, was Corona verhindert hat, mit den betrüblichen Begleiterscheinungen: Die Proben zogen sich über zwei Jahre.

Nicht-binäre Orientierung: Hagen, Gunther und Siegfried

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Der Cast wurde vielfach verändert, allein vier (!) Wotan-Sänger waren beteiligt, zwei hatten vor der Premiere abgesagt, einer verletzte sich, ein vierter sprang im dritten Aufzug der "Walküre" ein. Auch bei der Partie der Brünnhilde wurde kurzfristig gewechselt. In der "Götterdämmerung" schließlich konnte Stephen Gould krankheitsbedingt nicht den Siegfried singen, auch sein Ersatzkandidat fiel aus, so dass Heldentenor Clay Hilley einen Tag zuvor aus seinem Urlaub im italienischen Bari herbei telefoniert werden musste, ohne je geprobt zu haben. So türmten sich die Probleme, die schließlich unübersehbar und -hörbar waren.

Hagen als fideler Frührentner

Hilley hatte begreiflicherweise sichtlich Orientierungsschwierigkeiten und war bei weitem nicht so überzeugend wie kürzlich als Siegmund bei den Tiroler Festspielen in Erl. Irene Théorin als Brünnhilde verlegte sich darauf, statt Text nur noch "Vokalisen" zu singen, also Selbstlaute herauszupressen, was ihr ebenfalls Buhrufe bescherte. Michael Kupfer-Radecky als Gunther brillierte stimmlich und schauspielerisch, auch Elisabeth Teige als Gutrune zeigte szenisch, was sie kann. Dieses Duo infernal war der Lichtblick des Abends. Albert Dohmen als Bösewicht Hagen wirkte dagegen wie ein fideler Frührentner, der es sich in irgendeiner Inszenierung gemütlich gemacht hatte. Keine Sekunde nahm man ihm die Rolle ab.

Nicht langweilig, aber schlicht

Dirigent Cornelius Meister (42) war kurzfristig für den erkrankten Pietari Inkinen (42) eingesprungen, auch das ein schwieriger Begleitumstand. Zwar ist Meister nicht nur Wagner-, sondern auch Bayreuth-erfahren, aber so richtig souverän war er bis zur "Götterdämmerung" nicht. Das Klangbild war solide, auch zunehmend emotional, konnte jedoch mangels Probenzeit nicht irgendeine markante Handschrift aufweisen. Hier und da fuhren Orchester und Sänger auch unterschiedliche Geschwindigkeiten, die Lautstärke jedoch war stets stimmenfreundlich. So gefühlsarm war das Finale der "Götterdämmerung" allerdings selten zu hören: Der Rhythmus stand eindeutig im Vordergrund, die "Kopfnote" überwog die "Herznote" bei weitem.

Insgesamt kein langweiliger "Ring", aber ein höchst fragwürdiger mit einer ärgerlich schlichten Botschaft. Da bereits 2026 zum 150. Geburtstag der Uraufführung wohl ein neuer in Planung ist, wird das Publikum nicht viel Gelegenheit haben, diese Version zu erleben.

Wieder am 15. und 30. August bei den Bayreuther Festspielen (Restkarten), weitere Termine in den kommenden Spielzeiten.

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