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Blaumachen mit Green Day: "American Idiot" in München | BR24

© BR/ Peter Jungblut

"American Idiot" in München

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Blaumachen mit Green Day: "American Idiot" in München

Das Album verkaufte sich prächtig, das Musical war am Broadway ein beachtlicher Erfolg: Jetzt kam es nach München an die Theaterakademie August Everding. Es geht um das von Drogen und Patriotismus bekiffte Amerika der Bush-Jahre. Eine fetzige Revue.

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Das Beruhigende zuerst: In Amerika hat sich in den letzten fünfzig Jahren wenig geändert. Das Betrübliche daran: Die Vorstädte schwanken immer noch zwischen Heroin und Heroismus, zwischen Betäubung und patriotischem Rausch, zwischen Drogen und Vaterland, oder, anders ausgedrückt, die einen träumen von Amerika, die anderen glauben dran. Das war schon das große Thema im Flower-Power-Musical "Hair", das 1967 bekanntlich ohne jede Handlung auskam und einen Song an den anderen reihte. Es ging nicht um eine Geschichte, sondern um das Lebensgefühl der jungen Generation, was auch für "American Idiot" gilt.

2010 wurde das Musical ein paar hundert Mal durchaus erfolgreich am Broadway aufgeführt, mit der Musik der amerikanischen Post-Punk-Rock-Band "Green Day". Die verkauften das gleichnamige Album, das ein paar Jahre vorher erschienen war, 15 Millionen Mal, weil sie es geschafft hatten, mit ihren düsteren, bitteren, sarkastischen Songs das kaputte Amerika unter George W. Bush zu entlarven.

© Lioba Schöneck/Theaterakademie August Everding

Mensch, sind wir cool

"Scherben meiner Träumereien"

Der 11. September hatte bekanntlich alles verändert, viele fühlten sich bedroht, reagierten mit Hass, flüchteten sich in Verschwörungstheorien und wilde Aggressionen. In "American Idiot" geht es somit um die reaktionäre Provinz, seichte Medien, die Schlachtfelder der Anti-Terror-Kriege, die Hoffnungslosigkeit der Jugend, den "Boulevard of Broken Dreams", oder, in der deutschen Textfassung von Titus Hoffmann für die Theaterakademie August Everding um die "Scherben meiner Träumerei´n".

© Lioba Schöneck/Theaterakademie August Everding

Im Rollstuhl fürs Vaterland

Choreographin Stefanie Erb hatte in diesem Fall wohl mehr zu tun als Regisseur Johannes Reitmeier, der im Hauptberuf Intendant des Tiroler Landestheaters in Innsbruck ist, denn in einem Musical fast ohne Sprechtext wird natürlich viel, eigentlich durchgängig getanzt. Und das machen die Studenten der Akademie im Münchner Prinzregententheater über die gut neunzig Minuten hinweg mit geradezu beneidenswerter Energie. Ausstatter Michael D. Zimmermann steckte alle in schwarz-graue Grunge-Klamotten, den Depri-Look der Jahrtausendwende, zwischen Schmuddelalarm und morbidem Chic. Abgeranzte Sofas und ein Metallgestänge sind dafür die passenden Requisiten.

Nicht ganz so cool wie Johnny Depp

Kein Wunder, dass Hauptdarsteller Johnny gern das Duschen vergisst und mit einem Strick um den Hals unterwegs ist. Edward R. Serban sieht dabei so überschminkt aus wie Johnny Depp in den piratenverseuchten Gewässern der Karibik, ist aber nicht ganz so cool. Muss er auch nicht, sind der Welt, in der er nach Liebe sucht, doch längst die Abenteuer ausgegangen.

© Lioba Schöneck/Theaterakademie August Everding

St. Jimmy verteilt Drogen

Johannes Reitmeier inszeniert diesen Abgesang auf Amerikas Vorstädte sehr rasant - so schnell und bewegt, dass der Abend keinesfalls länger hätte sein dürfen, ohne zu langweilen. Denn die Musik von "Green Day" ist über neunzig Minuten doch sehr einförmig, scheint nur Songs mit und ohne akustische Gitarre zu kennen, wobei die Zahl der Akkorde punktypisch eher begrenzt ist. Da bot "Hair" seinerzeit doch etwas mehr rhythmische Abwechslung. Allerdings spielte die Progressive-Metal-Band Vanden Plas mit überraschend viel melodischer Leidenschaft und durchaus gebremstem Furor, so dass der Punk doch sehr mehrheitsfähig klang (Musikalische Leitung: Günter Werno). Frontmann Andy Kuntz, der auch schon mal als Judas in "Jesus Christ Superstar" auf der Bühne stand, war als drogendealender Heiliger Jimmy besetzt, als "Schutzpatron für Verweigerung" und Rebellion. Leider hatte er bei der Premiere Mikrofonprobleme.

© Lioba Schöneck/Theaterakademie August Everding

Will und Heather machen es sich schön

Stereotype Frauenrollen

So begleiteten die Zuschauer drei Jungs durch ihre turbulenten Leben, beim Blaumachen mit Green Day: Johnny zieht es zur Heroinspritze, Tunny zur Armee, Will in seine kleinbürgerliche Ecke mit Frau und Kind. Und alle fragen sich am Ende, ob es das war, das Leben. Stimmlich, tänzerisch und schauspielerisch gab es im 21-köpfigen Ensemble natürlich durchaus Niveau-Unterschiede und die Frauen kamen in diesem Punk-Rock-Musical nicht so richtig zum Zug, obgleich Marcella D´Agostino und Amber-Chiara Eul sich abmühten, aus ihren stereotypen Rollen als Vamp bzw. Hausfrau herauszukommen. Was die Geschlechterrollen anging, wirkte "American Idiot" doch eher bieder - das Genderthema war vor zwanzig Jahren eben noch nicht so virulent wie heute und ist in Rockbands womöglich immer noch nicht angekommen. Insgesamt begeisterter Beifall für eine melancholisch-fetzige Rock-Revue.

Wieder am 8., 10., 13. und 14. November im Prinzregentheater in München.

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