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Black Lives Matter: "Die Macht des Schicksals" in Frankfurt | BR24

© Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

In den Fängen des Ku-Klux-Clan

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    Black Lives Matter: "Die Macht des Schicksals" in Frankfurt

    Die Obamas als Schutzheilige der Suppenküchen, Abraham Lincoln als Zielscheibe von Südstaaten-Soldaten: In Frankfurt macht Tobias Kratzer aus Verdis Oper ein fesselndes Anti-Rassismus-Drama mit Ku-Klux-Clan-Auftritt und "echten" Vietnamesen.

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    Du hast keine Chance, aber nutze sie, scheint die Ouvertüre zu sagen: Gegen das Schicksal kommt keiner an! Aber was ist das überhaupt, Schicksal? Rassismus zum Beispiel, sagte sich der Regisseur Tobias Kratzer, diese unheilvolle Mischung aus Dummheit, Hass und Gewalt, die einfach nicht tot zu kriegen ist, sondern sich von Generation zu Generation durch die Geschichte frisst, wie Rost durch tragende Teile. Ungemein gedankenreich, spannend, handwerklich gekonnt und bildstark machte Tobias Kratzer gestern Abend an der Oper Frankfurt aus Verdis etwas wirrem Vierakter einen so packenden wie beklemmenden Rundgang durch 150 Jahre US-Geschichte, von Sklaverei und Bürgerkrieg über Ku-Klux-Clan und Südstaaten-Fundamentalismus bis hin zum Vietnamkrieg, zu Obamas Präsidentschaft und zur Gegenwart, die einmal mehr geprägt ist von Rassenunruhen, Polizeigewalt und dem Demonstrations-Schlachtruf "Black Lives Matter", das Leben von Schwarzen ist genauso viel wert wie das von Weißen.

    © Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

    Preziosilla (Tanja Ariane Baumgartner) an der Front

    Echte Vietnamesen und Russisch Roulette

    Klar, dass da auch provokante und fragwürdige Bilder dabei waren: Die Oper hatte, wie es im Programmheft heißt, "echte" Vietnamesen als Statisten angeheuert, um das Grauen des Krieges zu illustrieren. Einer von ihnen wird Opfer einer Kugel beim Russisch-Roulette, erschossen von einem afroamerikanischen GI. In einer Pantomime wird gezeigt, wie Richard Nixon eine Asiatin bedrängt, die Soldaten spritzen sich Heroin in die Venen, da drüber knattern die Helikopter. Am Ende knallt ein Polizist einen nur vermeintlich schuldigen Schwarzen ab und legt der Leiche den Revolver in die Hand. Soll ja tatsächlich vorgekommen sein, diese Art Beweis-Klitterung. Geschickt verdoppelt Tobias Kratzer anfangs die Handlung: Während auf der Opernbühne weiße Sänger agieren, ist hinter ihnen auf einer Leinwand dieselbe Handlung in anderer Besetzung zu sehen, mit Schauspielern, darunter auch Schwarze, ein Hausmädchen, ein Sklave, das erinnerte optisch an "Vom Winde verweht", sollte aber deutlich machen, dass natürlich auch Theater Probleme haben mit der "Macht des Schicksals": Nichtweiße Sänger jedenfalls sind immer noch selten.

    © Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

    Martin Luther King predigt

    Die Obamas als Maskottchen bei der "Tafel"

    Ausstatter Rainer Sellmaier hatte starke Bildideen: Eisig und steril sein Südstaaten-Kloster mit lauter Pullunder tragenden, perfekt gescheitelten Grusel-Insassen, grellbunt seine Soldatenkneipe, in der alle auf eine Pappfigur von Sklavenbefreier Abraham Lincoln schießen, klobige Masken und überdimensionale Schlapphüte tragen und somit aussehen wie einstmals "Bill Bo und seine Bande" in der Augsburger Puppenkiste. Über dreieinhalb Stunden fasziniert dieser umstrittene Abend, der am Ende vom Publikum mit vielen Protestrufen, aber auch Beifall quittiert wurde. Gerade weil viele Fragen offen blieben, erschien das Regiekonzept plausibel: Warum wurde nicht Rassismus in Deutschland zum Thema gemacht? Warum mussten die Obamas als Schaufenster-Puppen quasi die Maskottchen bei einer Essensausgabe für Arme, einer "Tafel", spielen? War dieser Präsident wirklich so ein Samariter, oder sollte das Satire sein? Wunderbar, wenn ein Opernabend so fesselnd ist und soviel Diskussionsstoff bietet.

    © Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

    Sezessions-Krieg als Puppenspiel

    Ehern, wie das Schicksal ist

    Nicht von ungefähr gilt Tobias Kratzer derzeit als einer der gefragtesten Regisseure, im Sommer inszeniert er bei den Bayreuther Festspielen Wagners "Tannhäuser". Auch stimmlich war es ein fulminanter Abend. Der armenischer Tenor Hovhannes Ayvazyan war ein kraftvoller Don Alvaro, Christopher Maltman als Gegenspieler Don Carlo di Vargas von intensiver Präsenz, Michelle Bradley eine innige, wenn auch schauspielerisch etwas zurückhaltende Donna Leonora. Der Chor, der etliche Kostüm- und Maskenwechsel zu bewältigen hatte, war mit großem Engagement bei der Sache, der italienische Dirigent Jader Bignamini befeuerte das Ganze so glutvoll wie ideenreich - nichts klang pauschal oder oberflächlich, sondern mitunter ehern, wie das Schicksal nun mal ist.

    Wieder am 31. Januar, sowie 3., 7. und 9. Februar, weitere Termine.

    © Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

    Im Kloster der guten Gewissen