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Wir müssen immer noch drüber reden: der Black History Month

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Black History Month: Emanzipations- oder Opfermonat?

Im Februar wird weltweit der Black History Month gefeiert. Einen ganzen Monat lang stehen der Beitrag der Afroamerikaner an Geschichte der USA, aber auch das Leiden ihres Nicht-Gesehen-Werdens im Zentrum. Aber wie sinnvoll ist solch eine Feier noch?

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Von
  • Barbara Knopf

Auch in Deutschland und in anderen Ländern wird der Black History Month gefeiert, vor allem aber dort, wo er erfunden wurde: in den USA. Die Idee geht zurück auf den amerikanischen Historiker Carter Woodson, der 1916 die "Negro History Week" ins Leben gerufen und das Studium einer afroamerikanischen Geschichte wissenschaftlich überhaupt erst etabliert hatte. Die vier Jahre unter Trump waren für die schwarze Bevölkerung der USA ein Rückschlag auf dem Weg zu Emanzipation und Gleichberechtigung. Barbara Knopf hat mit unserer Korrespondentin Katharina Wilhelm in Los Angeles darüber gesprochen, wie der erste Black History Month nach Trump angegangen wird.

Barbara Knopf: Wie begeht man denn nun, nach dem Machtwechsel und nach vier Jahren Trump, den Black History Month?

Katharina Wilhelm: Als ich glaube, leider so wie man ihn nicht unbedingt begehen wollen würde, nämlich eher im stillen Kämmerlein zuhause in einer digitalen Art. Ich glaube nach diesen vier Jahren Trump wäre vielen – vor allem schwarzen Amerikanern – danach gewesen, auf die Straße zu gehen oder sich zu sehen, in einer großen Gruppe zusammenzukommen. Aber Corona verhindert das eben und deswegen gibt es leider nicht eben diese vielen schönen Feste, die wir sonst haben, sondern es gibt digitale Angebote, es gibt Zoom-Calls, es gibt vor allem viele Museen, die dazu Angebote machen. Dort geht vor allem darum, auch schwarze Geschichte zu lehren, dazu bieten sie zum Beispiel Kurse an. Aber es ist eben alles sehr zurückhaltend, alles ein bisschen weiter weg. Und ein großer Teil des Black History Months findet immer in den Schulen statt, das ist immer ein fester Bestandteil des Curriculums: Man geht nochmal darauf ein, welche schwarzen Wissenschaftler es zum Beispiel gibt, über die man nicht so geredet hat oder welche schwarze Perspektive der Geschichte es gibt, die man erzählen kann. Das findet nach wie vor statt in der Schule – allerdings auch in diesem Jahr meistens eben im digitalen Klassenunterricht.

Das heißt, wenn die Feiern wegfallen, stehen natürlich die Themen im Mittelpunkt. Ich habe zum Beispiel gesehen, dass Microsoft jetzt damit wirbt, People of Colour als Spiele-Protagonisten zu haben. Also da wird schwarze Identität eher kommerzialisiert. Vermutlich gibt es ja viel brisantere Themen, die in den Fokus gerückt werden sollten, oder?

Ja und nein, also ich finde das schon interessant. Klar, man kann sagen, das wird kommerzialisiert. Ich habe jetzt gerade gesehen, Mattel zum Beispiel hat auch eine Barbie herausgegeben, die Maya Angelou nachempfunden sein soll, also eben der Schriftstellerin der Schwarzen, da kann man sich auch fragen, ist das jetzt gut oder schlecht? Ich würde es mal aus der Perspektive betrachten, warum ist das eigentlich notwendig? Und es ist insofern notwendig, als dass man ja immer so schön sagt, "representation matters", also Repräsentierung ist ganz wichtig für alle Gruppen. Und bei den Videospielen ist es genauso wie in vielen anderen Bereichen im Film, aber auch in der Wissenschaft, in der Literatur. Da sind eben Weiße immer noch vorherrschend und deswegen, glaube ich, ist es schon auch wichtig, dass Microsoft diesen Schritt geht und sagt okay, dann bemühen wir uns um mehr Diversität, auch wenn das natürlich mit Sicherheit ein bisschen auch eine Kommerzialisierung ist. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass in der breiten Masse einfach die Sichtbarkeit von schwarzen Menschen da ist. Denn gerade wenn man mit schwarzen Kindern spricht, für die sind Vorbilder ganz wesentlich. Und das mag auch in einem Computerspiel sein, aber sicherlich auch in Filmen, in Serien, in Romanen. Es war sehr lange Zeit so, dass Schwarze da unterrepräsentiert waren und deswegen ist das immer noch ein großes Thema. Aber klar, es gibt natürlich auch noch viele, viele andere Themen und gerade die Black Lives Matter -Bewegung im vergangenen Jahr hat ja gezeigt, wie viel Rassismus noch in der amerikanischen Gesellschaft steckt und wie problematisch der systemische Rassismus ist, gerade wenn es eben um Polizeigewalt geht.

Und hat sich da jetzt schon was verändert im Klima vielleicht oder in politischen Entscheidungen nach dem Machtwechsel und der Regierung Biden?

Ich würde ja gerne sagen ja, natürlich, ganz toll, der Regenbogen ist ausgepackt und scheint über Amerika! Aber es geht natürlich nicht so schnell. Die Biden-Regierung ist ja erst im Prinzip wenige Tage im Amt, und sie hat bisher, finde ich, vor allem an Symbolcharakter. Einen starken Symbolcharakter mit Kamala Harris, die natürlich als erste schwarze Vizepräsidentin eine ganz starke Symbolfigur ist, und überhaupt, weil es ein sehr diverses Kabinett gibt. Und bei dieser Polizeireform, da geht es natürlich um diese Vorfälle wie eben die Tötung von George Floyd, da kann die Regierung aus Washington oft gar nicht so viel tun, denn Polizeireformen müssen vor Ort stattfinden, entweder in den Städten, in den Gemeinden oder eben in den Bundesstaaten selbst. Und da sehen wir teilweise schon Fortschritte.

Die Frage ist ja auch, was dieser Black History Month bewirkt, also auf die lange Sicht, ob sich die Situation der Schwarzen tatsächlich verbessert. Also mehr Wohlstand, bessere Sicherheit, mehr Aufklärung über rassistische Stereotype. Es gibt ja auch Kritiker des Black History Month in der schwarzen Community, soweit ich das gelesen habe.

Ja, die gibt es auch immer wieder. Auch Politiker, die gesagt haben, nein, wir brauchen einen American History Month, wir wollen uns nicht abgrenzen. Da geht es dann manchmal um das Thema, ist das nicht zu sehr ein Monat, in dem wir den Fokus auf unsere Helden legen, Stichwort Martin Luther King und so weiter und so fort. Einige sagen auch, das ist ein Selbstbemitleidungs-Monat, weil wir immer wieder diese Geschichte nach außen kehren, angefangen von der Sklavenhaltung bis zur Bürgerrechtsbewegung und den vielen Ungerechtigkeiten. Also, es wird durchaus auch kontrovers diskutiert in der schwarzen Community. Aber ich glaube, er hat einfach immer noch einen ganz wichtigen Platz, dieser Black History Month, weil man immer noch wahnsinnig weit weg ist vom Idealbild nämlich, dass wir gar nicht darüber reden müssen, sondern das es eben eine American History gibt. Geschichte, wird von den Gewinnern geschrieben und wir sehen immer noch, dass die Schwarzen einfach lange, lange Zeit rausgefallen sind und dass viele Perspektiven nicht erzählt wurden und immer noch nicht erzählt worden sind. Was ich jetzt zum Beispiel interessant fand, das Sundance-Filmfestival war ja gerade, da wurden viele schwarze Filme vorgestellt, schwarze Filmemacher, die sich um schwarze Themen kümmern. Und da gibt es zum Beispiel einen tollen Film, "Summer of Soul", der das Harlem Cultural Festival beleuchtet hat. Das ist so was wie das schwarze Woodstock, hat im gleichen Monat stattgefunden, hat Tausende schwarze Amerikaner nach New York geholt, um da ein irres Festival zu feiern, mit B.B. King, Nina Simone, ganz ganz viele Stars der schwarzen Szene und darüber ist nie gesprochen worden. Und die Dokumente, also die Filmaufnahmen, sind verschwunden, und man hat darüber nie etwas berichtet, weil es anscheinend nicht interessiert hat. Und jetzt ist dieses Material wieder aufgetaucht, und da ist ein Dokumentarfilm draus geworden. Und das ist ein griffiges Beispiel dafür, wie schwarze Kultur auch lange Zeit verdrängt wurde oder eben nicht wichtig genommen wurde. Und solange es das eben gibt, glaube ich, ist auch dieser Monat noch notwendig.

Und gibt es da auch dann jetzt auch eine Resonanz in der breiten weißen Bevölkerung zum Beispiel für solche Themen?

Ja, ich nehme zumindest wahr, dass das ganze Spektrum Black History oder Black Lives eben anders wahrgenommen wird und das hat natürlich mit dieser Black Lives Matter-Bewegung zu tun, die den Höhepunkt erreicht hat im vergangenen Jahr durch diesen tragischen Vorfall mit George Floyd. Ich merke schon zum Beispiel, wenn ich in meiner Nachbarschaft gucke: ganz, ganz viele hier in Los Angeles haben immer noch ihre Black Lives Matter-Schilder im Vorgarten, dieses Bewusstsein tragen sie sogar bis in ihre Rosenbüsche, sag ich mal. Und ich habe schon das Gefühl, dass in einer bestimmten weißen Schicht zumindest, das Bewusstsein größer geworden ist, um zu sagen, hey, wir können nicht so nebeneinander her leben, wir müssen ein bisschen bewusster leben. Aber das ist ein bestimmter Ausschnitt der amerikanischen Gesellschaft: weiße Liberale, eher Demokraten-Wähler. Es gibt natürlich einen ganz großen Teil auch der amerikanischen Gesellschaft, die das überhaupt nicht relevant findet.

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