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Lässt sich Rassismus durch die Schreibweise markieren? | BR24

© Audio: Bayern2 / Bild: Christophe Gateau / dpa Bildfunk

Viele US-amerikanische Medien schreiben "black" jetzt mit großem B. Hilft das, um Rassismus kenntlich zu machen?

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Lässt sich Rassismus durch die Schreibweise markieren?

Viele US-amerikanische Medien schreiben "black" jetzt mit großem B. Hilft das, um Rassismus kenntlich zu machen? Oder verfestigt diese Schreibweise die Trennung in der Gesellschaft? Und wie verhalte ich mich als weiße Deutsche?

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Sein Vater wurde als "Negro" geboren, dann war er "black", und später in seinem Leben – und zu seinem eigenen Unbehagen – wurde aus ihm ein "African-American". Das schreibt Marc Lacey, Herausgeber der New York Times. Es ist der Beginn seiner Stellungnahme, der unaufgeregte Versuch zu begründen, warum Lacey und seine Kollegen fortan das B großschreiben werden, wenn sie über Menschen afrikanischer Herkunft berichten, "people and cultures of African origin".

Die Geschichte von Rassismus und Widerstand

Das große B ist, daran erinnert Lacey mit der Geschichte seines Vaters, eine historische Etappe auf dem unebenen, kurvenreichen Weg, Rassismus offenzulegen und Widerstand gegen rassistische Denkmuster zu leisten. So sieht es auch die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt: "Wenn wir sagen: Wir sind alle gleich, wir sind alle Menschen, dann bleibt nicht erzählt, dass Rassismus Menschen immer noch positioniert. Und deshalb hat sich der Widerstand gegen Rassismus darauf besonnen, von Weißen und Schwarzen zu sprechen. In der Wissenschaft heißt das Racial Turn: weg von Rasse als biologischem Konstrukt, hin zu Rasse als sozialer Position, weg vom N-Wort als biologischem Konstrukt des Rassismus, hin zu schwarz als sozialer Position. Dann wurde aber gesagt: Wir können das jetzt nicht einfach nur als Farbe übernehmen, weil wir dann im kolonialen Diskurs, im rassistischen Diskurs hängen bleiben. Wie können wir in dem Wort schwarz, in dem Wort black, Widerstand markieren?"

Sprache als Post-It gegen Diskriminierung

Das großgeschriebene B kann Widerstand markieren, ein alter Vorschlag, keine Verpflichtung, aus der Gruppe derer, die ihr Leben lang damit umgehen müssen, benannt und wieder umbenannt zu werden. Marc Lacey spricht sich dafür aus, diesem Vorschlag jetzt, in diesem Moment, zu folgen, und macht sich zugleich keine Illusionen: Dies wird sicher nicht die letzte Etappe sprachlichen Wandels sein. Stimmen wie diese helfen, die Debatte zivilisiert zu führen: Es ist kein Alleinstellungsmerkmal unserer Zeit, Begriffe aus politischen Gründen zu verwerfen oder anders zu schreiben, erinnert uns Lacey. Und gleichzeitig leugnet er nicht, dass in diesem Fall Uneinigkeit herrscht.

Auch wenn sich gerade eine beeindruckende Zahl US-amerikanischer Medienhäuser dafür entscheidet, das B großzuschreiben – die Gründe dafür variieren und werden zum Teil scharf kritisiert. Es gehört zu dieser Debatte dazu: unsicher zu sein, fragen, zuhören, ausprobieren zu dürfen. Das gilt im Umgang mit der englischen Sprache genauso wie mit der deutschen: Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo widmete jüngst die Eröffnungsrede des Bachmannpreises dem Thema: schwarz oder Schwarz?: "Wenn Sie nicht verwechselt werden wollen mit einer Person, die Selbstbestimmung für überflüssig hält oder gar mit einer Person, die eine alleinige Deutungshoheit für sich beansprucht, plädiere ich doch dafür, Sprache als eine Post-It Note zu begreifen, als ständige Erinnerung daran, dass Diskriminierung existiert und dass unsere eigene Haltung dazu in der Wortwahl oder der Schreibweise deutlich werden kann."

© dpa/Paul Zinken

Autorin Sharon Dodua Otoo

Ein Ausdruck von Solidarität

Es gehe nicht ums "Müssen", stellte Otoo klar, sondern ums "Dürfen". Jeder darf an seiner Sprache arbeiten, jeder darf die Sprache nutzen, um Solidarität auszudrücken oder Zweifel anzumelden. Hier also mein Zweifel, meine Unsicherheit: Die New York Times, und sie ist nicht allein, entscheidet sich dafür, "black" großzuschreiben, "white" hingegen unangetastet zu lassen. Weiß, so heißt es in der Begründung, beziehe sich weniger auf eine gemeinsame Kultur und Geschichte, auch gäbe es keine Bewegung, die eine Markierung dieses Begriffes vorschlage.

Letzteres ist sicher richtig, nur erscheint es mir äußerst fragwürdig, mit solcher Sicherheit über kulturelle Ähnlichkeit zu urteilen, und ich persönlich – eine weiße Deutsche – kann mir nicht vorstellen, in Zukunft schwarz mit einem Großbuchstaben zu markieren und gleichzeitig weiß ohne Markierung zu belassen. Dieses Unbehagen verdanke ich der Autorin, in deren Tradition Sharon Dodua Otoo schreibt: "Ich schreibe in den riesigen Fußstapfen der Schwarzen US-amerikanischen Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die proklamierte: 'Ich schreibe für schwarze Menschen, ich muss mich nicht entschuldigen'."

Das kleine "weiß" und das große "Schwarz"?

Toni Morrison hat in ihrem Essay "Playing in the Dark" den Satz geschrieben: "Eddy ist weiß, und das wissen wir, weil niemand es erwähnt." Es ging ihr um eine Figur Hemingways, im Kern aber um einen ganzen Literaturmarkt, in dem sich weiße Leser als Norm betrachten und der nicht weiter definierte Charakter deshalb wohl weiß sein wird. Wenn ich jetzt in Texten "schwarz" markiere, als Erinnerung, dies sei eine soziale, keine natürliche Kategorie, und "weiß" unmarkiert lasse, wiederhole ich dann nicht die Schieflage, auf die Morrison in der Literatur aufmerksam gemacht hat?

Suggeriert das nicht, dass "weiß" eine quasi-natürliche, in jedem Fall nicht weiter zu befragende Kategorie ist, während schwarz einer Markierung bedarf? Werde ich, als weiße Deutsche, nicht zu einem unmarkierten Markierer, wenn ich "schwarz" großschreibe und "weiß" so belasse wie zuvor, als habe dieses kleine Adjektiv, "weiß", rein gar nichts mit Rassismus zu tun? Ja, sagt Susan Arndt: "Es muss symmetrisch bleiben, ich muss Weiß-Sein benennen und ich muss es auch brechen, aber nicht mit den gleichen Strategien, mit denen ich im Schwarz-Sein den Widerstand markiere. Das ist das einzige, wo ich eben sagen würde: Ja, beides benennen, aber unterschiedliche Strategien anwenden."

Aus der Empörung entsteht Sensibilität

Kursivieren sei ihre Lösung, so Arndt: "weiß" klein und kursiv, "Schwarz" großgeschrieben. Dies sei vielleicht ein historischer Moment, sagt Arndt, es gäbe immer wieder Zeiten, in denen aus einer Welle der Empörung eine neue Sensibilität hervorgehe. Dieser Sommer könnte so ein Moment sein, glaubt sie. Sprechen wir also über all das, über Rassismus, über Groß- und Kursiv-Schreibung, aber genauso: über die Gründe des Unbehagens, die der eine oder die andere hat.

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