BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Birds of Passage" ist eine Parabel über die Macht der Drogen | BR24

© BR/Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras

Der neue Film des kolumbianischen Filmpaares Cristina Gallego und Ciro Guerra erzählt vom Niedergang eines kolumbianischen Drogenkartells. Klingt nach Klischees, bietet aber ungewöhnliche und faszinierende Einblicke.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Birds of Passage" ist eine Parabel über die Macht der Drogen

Der neue Film des kolumbianischen Filmpaares Cristina Gallego und Ciro Guerra erzählt vom Niedergang eines kolumbianischen Drogenkartells. Klingt nach Klischees, bietet aber ungewöhnliche und faszinierende Einblicke.

Per Mail sharen
Teilen

Gier, Verrat, verletzte Ehre, böse Omen, eine blutige Fehde: "Birds of Passage" klingt wie ein Stück aus Shakespeares Feder. Aber der kolumbianische Gangsterfilm ist eine moderne Parabel über Drogen und deren zerstörerische Macht. Wobei in diesem Fall nicht der Konsument das Opfer ist, das an den Drogen zugrunde geht, sondern ein am Anfang der Beschaffungskette stehendes Familienkartell, das dem Rausch von Macht und Geld erliegt.

Ein Hybrid zwischen ethnologischer Studie und Gangsterepos

Kolumbien und die Drogen – bei dieser Kombination stellt sich automatisch die Frage nach der Klischeekiste. Doch dieser Genrefilm bietet andere Perspektiven: Die porträtierte Familie gehört zu einem indigenen Stamm aus dem Norden Kolumbiens, den Wayúu. Das heute noch existente Volk lebt fernab großer Orte in eher einfachen Verhältnissen und ist sehr auf Traditionen wie etwa eine matriarchalisch geführte Gemeinschaft bedacht. "Birds of passage" erzählt vom schleichenden Verfall dieser fiktiven Wayúu-Familie, hervorgerufen durch illegale Geschäfte, die geführt wurden, lange bevor der Name Pablo Escobar zum Synonym für ein landesweites Problem wurde. Der Film ist dementsprechend ein Hybrid aus ethnologischer Studie und Gangsterepos. Die Einblicke in die fremde Welt mit all ihren sonderbaren Riten sind dabei weitaus faszinierender als die eigentliche Handlung.

Die Macht des Clans

Diese erstreckt sich über einen Zeitraum vom Ende der 1960er bis hinein in die 80er-Jahre und wird in Kapiteln erzählt. Zu Beginn steht eine Brautwerbung: Die junge Zaida, Tochter der mächtigen Wayúu Ursula, hat das heiratsfähige Alter erreicht. In einer großen Dorfzeremonie werben Alte und Junge um ihre Hand. Einer von ihnen ist Rapayet, dessen Onkel bei den Angehörigen der Braut ein gutes Wort für ihn einzulegen versucht. Dialoge wie die zwischen dem Onkel und der Brautfamilie erinnern an Francis Ford Coppolas "Der Pate". Hier wie dort werden bei einer den Film eröffnenden großen Feier wegweisende Gespräche zwischen Clanmitgliedern und Unterhändlern geführt, zwischen Mächtigen und Bittstellern. Nur: In "Birds of Passage" ist es eine Patin, von deren Urteil viele abhängig sind. Sie ist Traumdeuterin und hat Kontakt zu den Geistern.

Der Sog einer mythischen Welt

Die Macht des Traumdeutens, Geister als Verbündete, ein Brautgeld, das sich aus Ziegen, Kühen und Halsketten zusammensetzt – und dessen exorbitante Höhe den Untergang einläutet, weil nur der Drogenhandel den Erwerb der geforderten Güter ermöglicht. Es ist eine unbekannte, eine mystische Welt, die "Birds of passage" zeichnet. Und es ist eine Welt, in die man unbedingt eintauchen sollte, mit ihren Schleiertänzen im Wüstensand, den Totenzeremonien und Reinigungsritualen, den Landschaftsaufnahmen, die den Menschen zum Staubkorn degradieren und der Geschichte vom altbekannten, aber so noch nie gesehenen Sündenfall einst ehrbarer Leute.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!