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Bildrechte: Paramount Pictures Corporation/ Takashi Seida

Jazzgröße im Visier des FBI: "The United States vs. Billie Holiday" erzählt vom rassistischen Amerika der 50er-Jahre.

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Biopic über Billie Holiday scheitert am eigenen Anspruch

Politische Jazzgröße: Weil sie den Rassismus in den USA anprangerte, wurde Billie Holiday sogar vom FBI verfolgt. Davon erzählt das Filmdrama "The United States vs. Billie Holiday". Leider nah am Kitsch. Einziger Lichtblick: die Hauptdarstellerin.

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Von
  • Bettina Dunkel

Alles oder nichts: Billie Holiday lebte ihr kurzes Leben so intensiv wie nur möglich. Gerade mal 44 Jahre alt wurde die Jazzlegende. Als sie 1959 in einem New Yorker Krankenhaus an den Folgen einer Leberzirrhose starb, standen Polizeibeamte in ihrem Zimmer. 20 Jahre lang hatten Drogenfahnder der heroinabhängigen Sängerin das Leben noch schwerer gemacht, als es ohnehin schon war. Am Ende nahmen sie ihr auch das letzte bisschen Würde und ketteten den Leichnam an das Krankenbett.

Musikalischer Freiheitskampf

Soweit die Fakten. Im Biopic "The United States vs. Billie Holiday" werden sie etwas freier wiedergegeben. Die tragischen Komponenten werden dabei nicht beschönigt. Der sexuelle Missbrauch im Kindesalter, der offene Rassismus, die toxischen Beziehungen mit Männern, die Holiday nur ausnutzen – all das thematisiert der Film und erklärt so, warum Billie Holiday Zuflucht im Drogenkonsum gesucht hat. Und in der Musik. Denn mit ihren Songs konnte sie aus der Opferrolle heraustreten, konnte die Stimme erheben gegen das Patriarchat, gegen Unterdrückung und soziale Missstände. Ein Song spielte dabei eine besondere Rolle – und auch im Zentrum des Films.

"Strange Fruit" ist die Anti-Rassismus-Hymne von Billie Holiday, ein vertontes Gedicht von Abel Meeropol. Offen verklausuliert werden in dem Song die Lynchmorde in den USA besungen: Seltsame Früchte hängen an den Bäumen in den Südstaaten, der süße Duft von Magnolien mischt sich mit dem von brennendem Fleisch. Das Publikum feierte den Song und seine Interpretin. Regierung und FBI hingegen wollten sie zum Schweigen bringen.

Der Film scheitert am eigenen Anspruch ...

"The United States vs. Billie Holiday" stellt diesen unfairen Zweikampf ins Zentrum der Handlung. Basierend auf dem Bestseller "Drogen – Die Geschichte eines langen Krieges" verfasste Pulitzer-Preisträgerin Suzan-Lori Parks das Drehbuch, Regie führte Lee Daniels. Der auf kontroverse Underdog-Themen spezialisierte Filmemacher wollte Billie Holiday als Bürgerrechtsaktivistin porträtieren, nicht nur als vom Schicksal gebeutelten Junkie.

So perfekt die Ausgangsbasis auch klingt, der Film ist es nicht. Daniels und sein Team scheitern an ihrem eigenen Anspruch. Obwohl es explizit um "Strange Fruit" und das politische Engagement von Billie Holiday gehen soll, erfährt man: nichts. Der Song selbst ist in Gänze erst gegen Schluss zu hören, der Text wird kaum thematisiert, man erfährt nicht, auf welchen Wegen er ins Repertoire der Sängerin gelangte und warum er ihr so viel bedeutete. Was man hingegen wieder und wieder vor Augen geführt bekommt, sind die emotionalen Qualen, die Billie Holiday ihr Leben lang ertragen musste. Entgegen den Absichten des Regisseurs steht das Private im Vordergrund – nicht das Politische. Statt eine tiefgehende Charakterstudie zu liefern, bewegt sich Daniels auch noch knietief im Kitsch. Und zu allem Überfluss ist die Geschichte von einer Romanze mit einem FBI-Spitzel umrankt, die in dieser Form nirgends dokumentiert ist.

... die Hauptdarstellerin überzeugt dennoch

Sehenswert bleibt der Film einzig aufgrund seiner Hauptdarstellerin: Denn Soulsängerin Andra Day, die hier ihr Schauspieldebüt gibt, ist phantastisch. Ihre Nominierung als beste Hauptdarstellerin bei den Oscars 2021 ist hochverdient. In ihrem Gesang lebt Billie Holiday weiter – und wird greifbarer als im Rest des Films.

© Paramount Pictures Corporation/ Takashi Seida
Bildrechte: Paramount Pictures Corporation/ Takashi Seida

Oscarfavoritin: Soulsängerin Andra Day überzeugt bei ihrem Filmdebüt in der Rolle von Billie Holiday.

"The United States vs. Billie Holiday" ist als Video on Demand z.B. bei Amazon Prime, Maxdome oder Rakuten TV verfügbar.

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