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Billy Joel lässt sich von der Klassik inspirieren
© Evan Agostini/dpa
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Billy Joel lässt sich von der Klassik inspirieren

Es ist 1973, ein Song dominiert die Hitlisten dieser Welt. Ein gerade mal 24-jähriger New Yorker fügt den Hymnen der Popmusik, dem "Tambourine Man" von Bob Dylan und dem "Rocket Man" von Elton John den fehlenden Schenkel dieses Dreiecks hinzu: Den "Piano Man". Fortan war Billy Joel ein Begriff. "Der 'Piano Man' ist eigentlich einer dieser Superhelden wie Batman oder Spiderman", erklärt Joel selbst in einem Sketch. "Ich dachte mir, dieser 'Rocket Man' von Elton John braucht einen Partner, um dem 'Tambourine Man' von Bob Dylan ordentlich Paroli bieten zu können."

Inspiration aus klassischer Musik

Da ist einer ganz schön bissig, hat Humor, Chuzpe. Heutzutage würden wir so einen vielleicht "music comedian" nennen, wie hierzulande Helge Schneider oder Stefan Raab, aber William "Billy" Martin Joel ist mehr als das. Er ist einer der erfolgreichsten Songschreiber der Pop-Geschichte, dabei sieht er selbst das völlig anders: "Der Anfang dieses Stückes ist ein Prélude von Chopin! Ihr denkt immer, ich wäre so originell. Das bin ich weiß Gott nicht. Sehr, sehr wenige Künstler, im übrigen, sind wirklich originell. Das hier ist mozartisch, und dann habe ich natürlich viel von Beethoven geklaut. Beethoven ist mein Gott! Beethoven, Beethoven, Beethoven, Beethoven!"

Billy Joel am Konzertflügel

Billy Joel am Konzertflügel

1995 in der Meistersingerhalle Nürnberg: Da sitzen zwei "Piano Men" und klimpern sich beinahe frivol durch einen alten Gassenhauer, "I Got Rhythm". Ja, Billy Joel – 1995 ist er 46 – hat Rhythmus, hat die Chuzpe und den Mut, die Stadt seiner Vorfahren, Nürnberg, zu besuchen anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus. Gemeinsam mit seinem Vater, Helmut Joel, Sohn eines der erfolgreichsten jüdischen Textilversandhändler des frühen 20. Jahrhunderts, verzaubert Billy Joel diesen geschichtsträchtigen Ort im Nu. Die Geschichte der Familie Joel aus Nürnberg kann einen zuweilen an Thomas Manns "Buddenbrooks" denken lassen.

Wie Hanno Buddenbrook

Der Großvater Karl Amson Joel, geboren in der Nähe von Ansbach, musste im Rahmen der Arisierungsgreuel der Nazis seinen Textilversandhandel an Josef Neckermann unter Wert verkaufen, erstritt später in langwierigen Gerichtsverfahren die teilweise Restitution des Vermögens. Der Vater, Helmut "Howard" Joel, kehrte erst spät aus dem amerikanischen Exil nach Franken zurück. Billys Stiefbruder Alexander ist ein renommierter Dirigent geworden, ein hochtalentierter Musikaficionado. Wie Hanno Buddenbrook in den "Buddenbrooks" von Thomas Mann schwelgt auch Billy Joel von einer Tonart in die nächste, rhapsodiert, karikiert bekannte Melodien.

Billy Joel beim Konzert 1995 in Nürnberg

Billy Joel beim Konzert 1995 in Nürnberg

Im Gegensatz zu Hanno Buddenbrook in Thomas Manns Roman aber landet Billy damit Hit um Hit: "Warum habe ich bloß diesen Song geschrieben?" so Joel. "Ich habe halt irgendwann festgestellt, dass ich anfangs, als ich noch Kind war und nur umgeben von klassischer Musik, das Mädchen von nebenan ganz nett fand. Aber dann kam diese Zigaretten rauchende Göre in Netzstrümpfen und mit verschmiertem Lippenstift, und ich war verloren für den Rock 'n' Roll. Vierzig Jahre ging das so, aber jetzt, wo ich älter geworden bin, entdecke ich, dass das Mädchen von nebenan doch sehr hübsch geblieben ist, und ich spiele wieder diese altmodische klassische Musik." Ist mir doch egal, was ihr so alles heute über mich schreibt, ich werde 70, und das ist mein Leben, singt Billy Joel. Recht hat er, alles Gute!

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Autoren

Roland Biswurm

Sendung

kulturWelt vom 09.05.2019 - 08:30 Uhr