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"Die Rückkehr zu sich selbst – für mich ein lohnendes Ziel." | BR24

© Bild: Andreas Kuhnlein / Audio: BR

In der globalen Krise den richtigen Moment für eine Korrektur erkennen – das ist für Bildhauer Andreas Kuhnlein die Herausforderung dieser Tage

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"Die Rückkehr zu sich selbst – für mich ein lohnendes Ziel."

Höher, weiter, schneller. Das geht in Corona Zeiten nicht mehr. Zum Glück! – findet Bildhauer Andreas Kuhnlein. In der Reihe Corona-Tagebuch schreibt er, wie er die Zeit nutzt, um an sich zu arbeiten.

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Es gibt nicht viele Bildhauer, die von sich sagen können, früher mal als Polizist beim Bundesgrenzschutz gearbeitet zu haben. Genau das aber hat Andreas Kuhnlein aus dem Chiemgau getan, bevor der gelernte Schreiner sich von seinem Beruf verabschiedete. Seit 1983 ist er vor allem als Bildhauer tätig. In der Reihe Corona-Tagebuch hat Andreas Kuhnlein aufgeschrieben, wie er die Krise wahrnimmt. An seinen täglichen Gewohnheiten, meint er, habe sich im Grunde nichts geändert: Nach Frühstück, Buchlektüre und Zeitungsstudium freue er sich wie immer auf die kreative Arbeit. Doch die Vorfreude sei eine andere als vor der Krise...

In der Werkstatt wartet eine 2 Meter hohe Kairos-Skulptur, gefertigt aus einem Baumstamm, bestimmt für einen Ort der Begegnung.

Bei Beginn der Arbeit in Vor-Corona-Zeiten gestaltete sich die Herangehensweise eher routinemäßig. Der Weg zum Arbeitsplatz war gedanklich begleitet von all den Dingen, die der Tag mit sich bringen würde.

Der Shutdown und die offensichtlich freigewordenen geistigen und zeitlichen Kapazitäten haben hingegen eine unverstellte, konzentrierte Sicht auf das Wesentliche zur Folge. Man ist bei der Sache!

Nicht stattfindende Termine auf dem Kalender führen zu einer für mich ungewohnten Verlangsamung des Arbeitsprozesses. Aktivitäten wie Ausstellungseröffnungen, Pressetermine, Künstlergespräche etc. galten vor Wochen noch als unverzichtbar. Und plötzlich sind sie nicht mehr existent.

Man reibt sich verwundert die Augen und stellt fest: Ich lebe dennoch und ja, ich nehme Dinge wieder wahr, die mir irgendwann in der Hektik des Alltags abhanden gekommen sind.

Ohne das übliche Terminkarussell im Kopf mache ich mich daran, die Flügel an die Fersen des Kairos anzupassen. Dasselbe geschieht mit dem Schopf auf der Stirn. Der Hinterkopf bleibt kahl.

Mehr und mehr wird mir klar, dass es sich bei der Skulptur nicht nur um das bloße Abbilden einer Gestalt aus der griechischen Mythologie handelt. Die dahinter verborgene Botschaft bringt mich unweigerlich auf die Spur der aktuellen Situation in unserem Land und darüber hinaus. Die weltweite Krise als Kairos begreifen, für Mensch und Natur, als Chance zur Abkehr von einer zerstörerischen Wachstumsideologie des Höher, Weiter und Schneller.

Auch die Kunst bzw. der Künstler muss hinterfragen, ob ein ausschließlich am Kommerz orientierter Kunstbetrieb den vom Grundgesetz zugestandenen Freiheiten gerecht wird. Es wäre töricht anzunehmen, dass all die Privilegien selbstverständlich und umsonst sind. Die Rückkehr zu sich selbst, das Bestreben des Künstlers, sein Innerstes nach außen zu kehren, für mich ein lohnendes Ziel.

In der globalen Krise den richtigen Moment für eine Korrektur erkennen, die günstige Gelegenheit beim Schopf packen – eine Herausforderung für uns alle.

Die Flügel aber an seinen Fersen mahnen: Kairos wird nicht lange verweilen.

Ach ja, die seit Jahrzehnten von mir getätigten Tagebuch-Eintragungen haben in letzter Zeit erheblich an Umfang verloren, aber keineswegs an Intensität.

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