Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Do you feel Europa? Bilderbuchs Album "Vernissage My Heart" | BR24

© Timothy Schaumburg

Bekennende Europa-Fans: Die Wiener Musiker von Bilderbuch

Per Mail sharen
Teilen

    Do you feel Europa? Bilderbuchs Album "Vernissage My Heart"

    Geht’s hier um die Liebe – oder um den Brexit? Auf "Vernissage My Heart" liefern Bilderbuch erneut assoziatives Dada. Kombiniert mit lauten Gitarren und 80er-Kitsch entsteht kein Wohlfühlalbum. Aber eines voller Hits und mit moderner Europahymne.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Noch wer ohne Europa-Pass? Jan Böhmermann hat einen, die Sängerin Mine ebenfalls, ach, eigentlich hat das ganze Social Internet inzwischen einen. Sogar Politiker wie Martin Schulz und Heiko Maas haben sich auf einer Online-Plattform einen neuen, europäischen Ausweis kreiert. Einer Plattform, ins Internet gestellt als Promo-Aktion zum neuen, fast zehnminütigen Bilderbuch-Song "Europa 22" und kurz vor Veröffentlichung des neuen Albums "Vernissage My Heart". Die Bandmitglieder rund um Sänger Maurice Ernst waren die ersten, die ihre Pässe teilten, begleitet von der Aufforderung: Be part of the European family.

    Kann es ein größeres Bekenntnis zu diesem Kontinent geben, als einen eigenen Pass zu entwerfen? Bilderbuch stillen die Sehnsucht nach einem offenen Europa, sie gelten spätestens jetzt als hoch politisch. Eine gewaltige Leistung für eine Popband, die so assoziative Songtexte schreibt. Das uncoole Weltretter-Image eines Bono haben sie trotzdem nicht. Denn Bilderbuch sind auf Augenhöhe mit den Hörern.

    Der Hauch eines DIY-Europa

    Auf dieses Standing haben die vier Österreicher hart hingearbeitet. Seit dem Studioalbum "Magic Life" ist klar, dass Europa, dessen Stabilität – oder eben auch Instabilität – ein großes Thema für die Band Bilderbuch ist. Ganz ohne große Textanalyse war das dann auch auf Pressefotos der Band offensichtlich. Auf denen posierten Bilderbuch, um sie herum ein Kreis aus Sternen, dem Europasymbol nachgeahmt. Nur waren die Sterne nicht grafisch akkurat, sondern hingekritzelt. Ein Hauch eines DIY-Europa – konsequent fortgesetzt mit der Pass-Aktion.

    Es folgte auch Kritik, Bilderbuchs Europaliebe wurde als Ausgrenzung verstanden. Dabei stehen Bilderbuch nicht für Abschottung. Auf dem Albumcover von "Vernissage My Heart" steht der Satz "You find yourself in a magical land to perform as many deeds of kindness as possible". Das Glück mit Frieden und Wohlstand aufzuwachsen, sollte nicht zu stolz machen, sondern umsichtig – so lässt sich das lesen.

    Und auch der EU-Pass als solches, obwohl er nicht echt ist, ist keine völlig an den Haaren herbeigezogene Utopie von Bilderbuch. Die Musiker proklamieren nicht die Besiedlung eines anderen Sonnensystems, sondern halten an etwas fest, was doch schon mal da war. Wer die Aktion so gar nicht versteht, hat nicht das Mindset einer Generation, die mit Europa als Konzept und Realität aufgewachsen ist. Vielleicht sind einige der Kritiker, wenn sie aus Europa kommen, einfach – sorry – zu alt.

    © Maschin Records (Universal Music)

    Das Album "Vernissage My Heart" von Bilderbuch

    Ein Spiel mit zwei, drei, vier Textebenen

    Was Europa gerade bewegt, findet seinen Platz auf "Vernissage My Heart". Der Brexit könnte sich in "LED go" verstecken. Led go, let go, gehen lassen und dann die Zeilen „Ich bin so frei, doch frei heißt auch alleine sein“.

    Das wäre aber alles extrem langweilig und zum Abschalten, wenn Bilderbuch nicht immer noch ein, zwei, drei, vier Textebenen einbauen würden. "LED go" kann auch als ein Song über das Ende einer Beziehung verstanden werden. Und "Ich bin so gerne in dir" wäre nicht die erste Zeile aus dem Mund von Maurice Ernst, die nur funktioniert, weil er nicht R. Kelly ist.

    "Memorycard 2", eigentlich eher ein Interlude, erinnert an Timmy Thomas' "Why Can"t We Live Together" und könnte mit "Hey, ich hab was gefunden, auf meiner Memory Card. Mir war, als hätt' ich dich verloren, du auf meiner Memory Card" für alles stehen: ein Computerspiel oder auch dir Urlaubsbilder mit dem Ex-Partner – entstanden auf einem Roadtrip quer durch ein grenzenloses Europa.

    Gitarrengetöse und 80er-Kitsch

    Was wirklich fasziniert: Bilderbuch klingen nicht wie erfolgsverwöhnte Rich Kids und sehen auch nicht so aus. Es ist ein bisschen wie mit Mode: Ohne viel Geld wird ein Fashion-Fan versuchen, mit einfachen Mitteln teuer auszusehen, viel Second Hand shoppen, die Blechohrringe mit Kupferspray einfärben und sagen, das solle so sein. Wer sich dagegen alles leisten kann, wird oft zu einem unkreativen Fashion Victim. Als Bilderbuch so richtig bekannt wurden, waren die Musikvideos glossy, sahen teuer aus ohne es zu sein ("Plantsch", "Maschin"). Jetzt dürfte der Martkwert dieser Band mindestens verzehnfacht worden sein. Und was machen die Musiker? Low-Fi Videos ("Sandwishes") und sie eignen sich einen Stil an, der eher an Sowjet-Kosmonauten erinnert („LED go“): nicht fern von einem Trend, aber dennoch gewagt.

    Obwohl Bilderbuch mal wieder mit Texten spielen, die oft mehr Gefühl als Aussage sind und teilweise sehr schwer zu verstehen – wegen des inhaltlichen Dada, aber auch wegen der lauten Gitarren, dem Getöse drumherum – ist "Vernissage My Heart" kein Wohlfühlalbum, in dem man sich einfach verlieren und die Lyrics ignorieren kann. Trotz 80er-Kitsch und so einigem Hit-Potenzial. Dafür sorgt einerseits eben der erwähnte Krach. Anderseits ploppen immer wieder Sätze auf, die man nicht überhören kann, weil sie zu absurd sind. Etwa wenn in "Frisbee" festgestellt wird, "mir wird wieder klar, meine Erde ist flach". Klar, es könnte wirklich die Frisbee gemeint sein. Aber auch solche sehr banalen Sätze rütteln immer wieder an Grundsätzen.

    Einfach mal keine Meinung diktieren

    Bilderbuch sind schlau und politisch. Also muss wirklich jede Strophe gedreht und gewendet werden, bis die Erlaubnis zum Mitsingen innerlich erteilt werden kann. Ist die Haltung in den Zeilen "Bitcoins sind die Zukunft, ich bin nicht dabei […] Brauch' keine Information, höchstens etwas Lotion" die eines sich abschottenden unreflektierten Zurückgelassenen? Oder findet das lyrische Ich einfach nur eine wohlverdiente Pause von der Selbstoptimierung?

    Bilderbuch sind bei allen politischen Botschaften, doppelten Böden und Sounds, die auch Red Hot Chili Peppers und Pink Floyd Fans gefallen sollten, aber nicht prätentiös. Es geht nicht um political awareness, die mit Zeigefingern und hochgezogenen Augenbrauen neue Jünger akquirieren soll – sondern darum, sich etwas bewusst zu werden, indem man die Augen aufmacht. Und weil 2019 wirklich jede Person sehr schnell zu allem eine Meinung hat, ist es sehr stark, einfach mal keine zu diktieren.

    Bilderbuch "Vernissage My Heart" ist erschienen bei Maschin Records (Universal Music)

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!