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Unser Auge ist ein Wunderwerk. Unter anderem ist es in der Lage, bis zu sieben Millionen Farbtöne zu unterscheiden. Zu entdecken ist das, neben vielem anderen, im Bilderbuch "Sehen" von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw.

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Bilderbuch "Sehen": Plädoyer für die Schönheit des Alltäglichen

Mikroben und Sterne, Kunstwerke und die Seele: Im Bilderbuch "Sehen" nehmen Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw uns mit auf eine Reise mit den Augen. Ein liebevoll gestaltetes Plädoyer für die Schönheit der kleinen Dinge – nicht nur für Kinder.

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Von
  • Niels Beintker

Dieses Buch ist nicht zu übersehen. Es leuchtet in hellem, knalligen Orange, das Format übergroß, beinahe quadratisch. In der Mitte des Covers, in schwarzen Strichen angedeutet, ein Gesicht, dazu eine weiße Brille. Darüber ein schwarzer Hut, eine Melone, versehen mit Brailleschrift. Und darauf wiederum eine Eule im weißen Federkleid, den Kopf leicht gebeugt, die Augen groß und rund. Der Vogel wird, nebst einem Mädchen, zum Begleiter im Bilderbuch von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw. Das leuchtende Orange ebenso.

Eine Geschichte vom Sehen und vom Blick

Als Kinder", erzählt Lessiw im Gespräch, "waren wir neugierig auf das, was uns umgab, etwa in der Natur. Aber wir hatten beide das Gefühl, dass es nicht so viele Bücher gibt, die uns diese durchaus großen Themen auf einfache Weise nahebringen." Und damit sei nicht nur die Natur gemeint, ergänzt Romanyschyn: "Wir beschäftigen uns mit zwei verschiedenen Kategorien. Da ist zum einen das Sehen, eine physische Fähigkeit. Und dort der Blick, in einem eher philosophischen Sinn, der Blick auf das Leben, die Art und Weise, in der wir diese Welt wahrnehmen. Wir haben Augen und können dieselben Dinge sehen. Aber wir haben einen unterschiedlichen Blick."

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Buchcover: "Sehen" von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw

"Sehen" versammelt einen Reigen von aufregend gestalteten Doppelseiten über einen Tag im Leben eines Mädchens, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Es geht um das Auge, um die Farben, um Orientierungsmöglichkeiten für blinde Menschen, um Kunst und Natur. Die Bilder ermuntern zum Blick durch Mikros- und Teleskope und sensibilisieren einfühlsam für die Frage, was es bedeutet, nicht mit den Augen sehen zu können. Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw schlüsseln so den wichtigsten Sinn des Menschen auf. Sie zitieren wissenschaftliche Schaubilder, etwa des Ökonomen Otto Neurath, und ebenso die Kunst des Pointilismus und die Darstellungen optischer Täuschungen.

Hören, Fühlen, Sehen: Den menschlichen Sinnen auf der Spur

Das Thema der Sinne beschäftigt das Künstlerpaar aus dem ukrainischen Lwiw schon mehrere Jahre. Unter anderem haben sie ein Bilderbuch über das Hören veröffentlicht (die deutsche Übersetzung soll im Sommer erscheinen). Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw wollen dabei nicht nur Wissen vermitteln. Ihr Buch ist viel mehr als ein Tafelwerk. Die beiden Grafiker und Buchgestalter erzählen – mit ihren dichten Bildern, aber auch, indem sie ihr Buch als Kunstwerk verstehen und gestalten. Zugleich spiegeln sie das Thema in seiner philosophischen Dimension, etwa indem sie den Blick auf die Dinge lenken, die wir nicht sehen können: die Gedanken und die Seele eines Menschen; oder indem sie ihre Leserinnen und Leser ganz beiläufig daran erinnern, die Schönheit selbst in den ganz alltäglichen Dingen zu entdecken.

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Universeller Sinn: Sehen können auch Tiere, meist besser als wie Menschen

Jetzt, wo Museen und Galerien geschlossen hätten, sei diese Fähigkeit umso wichtiger, meint Romanyschyn: "Auch in der Zeit, die wir gerade erleben, können wir die Gabe fördern, die Schönheit im alltäglichen Leben zu entdecken. Wenn wir über das Sehen sprechen, können wir die Schönheit nicht ausklammern. Denn uumeist nehmen wir Schönheit durch unsere Augen wahr."

Ein Bilderbuch nicht nur für Kinder

Insofern: Augen auf! Die Qualität eines Bilderbuches kann man auch daran erkennen, ob es sich gleichermaßen an Kinder und Erwachsene wendet und dabei alle Altersgrenzen fröhlich ignoriert. "Sehen" von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ist ein tolles Beispiel für diesen weiten Blick. Am Ende ihrer Erkundung der Augen gibt es eine Liste mit Dingen, die man gesehen haben sollte, vom Sonnenaufgang über einen der ersten Zeichentrickfilme bis zu Aufnahmen des Hubble-Teleskops. Das Buch dieses Künstlerpaars gehört unbedingt in diese Reihe.

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Zwischen Nah- und Fernsicht: Die Autoren lassen den Leser durch Mikros- und durch Teleskope blicken

Sehen“ – das Bilderbuch von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ist in der Übersetzung von Claudia Dathe im Gerstenberg-Verlag erschienen.

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