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Bilder hören, Geräusche sehen: Jean-Luc Godard wird 90 | BR24

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Als Regisseur eine lebende Legende: Jean-Luc Godard

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Bilder hören, Geräusche sehen: Jean-Luc Godard wird 90

Mit dem Roadmovie "Außer Atem" erlebte er 1960 seinen internationalen Durchbruch. Fortan blieb Godard einer der experimentierfreudigsten Vertreter der "Nouvelle Vague" und brachte Stars wie Jean-Paul Belmondo und Brigitte Bardot zu Glanzleistungen.

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Von
  • Moritz Holfelder

Godard, der oft Un- oder Nicht-Verstandene, galt immer als ein aufständischer Erzeuger von Bildern und Tönen. Nie hörte er auf, Avantgarde zu sein – und freute sich immer wieder, wenn er ein großes Publikum erreichte. Wenn er die Menschen dazu brachte, über ihren Blick auf die Welt nachzudenken. Wer sich Jean-Luc Godard, diesem Gott des Kinos und dem wohl wichtigsten Regisseur des zwanzigsten Jahrhunderts, annähern will, der sollte sich die legendäre Dick-Cavett-Show mit ihm auf Youtube anschauen.

Der populäre US-Talkmaster interviewte den Franzosen 1980 eine unfassbare Stunde lang – und verneigte sich vor Godard als einem Genie, einem Bild-Erfinder, der bereits 1960 mit seinem ersten Werk "Außer Atem" die Grammatik des Films nachhaltig verändert hatte: Die hektischen "Bildsprünge" schrieben Filmgeschichte und beschleunigten die Handlung auf ein bis dahin unbekanntes Tempo.

"Ich weiß, ich sehe etwas Gutes"

Konventionen haben Jean-Luc Godard nie interessiert, an Regeln hat er sich nicht gehalten. Seine Drehbücher sind legendär: Din-A6-Heftchen, in die er assoziativ Ideen zu seinen Filmen eintrug. Anfangs ohne Dialoge. Ohne Handlungsanweisungen. Ohne Plot. Eine Sammlung von Worten, Bild-Einfällen und Tönen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erhielten die endgültigen Drehbücher erst bei Drehbeginn. Bisweilen wurden sie noch aufgefordert, sich eigene Sätze einfallen zu lassen und diese an der Rezeption des gemeinsamen Hotels für Monsieur Godard abzugeben.

Für Dick Cavett zog Godard zwei der kleinen Heftchen spontan aus seinem Jackett. Der wunderte sich, dass da gar nicht so viel drinsteht. Man sieht den Regisseur, der immer als wortkarg und unhöflich verschrien war, lachen, grinsen, scherzen sowie seinen Umgang mit Bildern erklären – was Godard wegen großer Unlust, seine Kunst zu erläutern, eigentlich immer zu vermeiden suchte. Zuschauerinnen und Zuschauer sollten gefälligst ihre eigenen Schlüsse aus seinen Filmen ziehen. Doch bei Dick Cavett war Godard ganz zahm. Die Chemie stimmte, vermutlich, weil der Talkmaster ehedem als Drehbuchschreiber für Jerry Lewis gearbeitet hatte und Godard den Komiker immer verehrte.

Die vermeintliche Überforderung eines vom Mainstream verwöhnten Publikums in Filmen von Godard sprach Cavett aber an – und fasste sie so zusammen: "Ich weiß, ich sehe etwas Gutes, habe aber Schwierigkeiten, es zu genießen." Godard konfrontiert seine Zuschauer mit fragmentarischem Erzählen, mit abbrechenden Dialogen, mit Szenen, die scheinbar nicht zur Handlung passen, oder in denen Bild und Ton plötzlich nicht mehr zusammenpassen.

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Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in "Außer Atem"

"Den Bildern zuhören und die Geräusche sehen", ein typischer Godard-Satz, der Seh- bzw. Hörgewohnheiten hinterfragt. In Interviews erklärte der Regisseur immer wieder, warum es für die Dynamik des Lebens und der Kunst so wichtig sei, mit Regeln zu brechen. Die Kunst des Films begriff (und begreift) er als ideales Medium der Auseinandersetzung: "Das Kino erlaubt uns immer noch, zu streiten – und zwar ganz grundsätzlich. Man ärgert sich über gegensätzliche Meinungen viel mehr, als wenn es um Gemälde oder ein Musikstück geht. Man bekommt sofort starke Reaktionen, zum Beispiel wenn ich zu jemandem sage: Es wundert mich überhaupt nicht, wenn Dir der neue Film von Robert Redford gefällt, ich wusste schon immer, dass Du blöd bist."

"Am besten arbeite ich beim Dösen"

Keiner hat das Medium Film so durchdrungen wie Jean-Luc Godard. Für ihn transportiert jede Aufnahme mit der Kamera nicht nur ein Bild, sondern eine Haltung: Der jeweilige Bildausschnitt entspricht auch einer geistigen Haltung, einer "Einstellung". So ist das Kino bei Godard immer politisch. Sein letztes Werk stammt aus dem Jahr 2018: "Bildbuch" – ein wilder, faszinierender Strudel aus Assoziationen, experimentell und verrätselt, ein visuelles Gemenge und Gewoge, mehr ein zorniges Bildgedicht über das Leben und die Schöpfung als ein Film. Immer entlang an der Grenze des Erzählbaren.

Überraschend ist: Erstmals in seiner Karriere hat Jean-Luc Godard einen Film von sich auf Deutsch synchronisiert. Auch im Alter von neunzig beschäftigt er sich noch mit Bildern, mit dem Kino – und denkt über Filme nach: "Am besten arbeite ich, wenn ich in meinem Sessel döse. Ich versuche, die Dinge zu sehen – mit geschlossenen Augen.“

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