Symbolbild: Silhouette von zwei Menschen mit hochgestreckten Händen hinter einer trüben Scheibe.

Symbolbild: Silhouette von zwei Menschen mit hochgestreckten Händen hinter einer trüben Scheibe.

Bildrechte: picture alliance
    > Kultur >

    "Bibellehrer" behandelt psychische Krankheiten mit Exorzismus

    "Bibellehrer" behandelt psychische Krankheiten mit Exorzismus

    In Deutschland waren Teufelsaustreibungen in jüngster Zeit kaum ein Thema. Doch in Krisenzeiten steigt mit einem Mal auch hierzulande die Nachfrage. Selbsternannte Exorzisten bieten psychisch Kranken Heilung an. Psychologen warnen davor.

    Es ist kein leichter Weg für Victoria. Mit ihrem Hund geht sie über die Liegewiese in Richtung des Stadtwaldsees in Bremen. Es ist ein warmer Tag, Anfang September, die letzten Badegäste besuchen den See, eine Yoga-Gruppe beginnt mit ihren Übungen. Victoria wirkt nervös und angestrengt. Sie bemüht sich die Fassung zu wahren. "Es ist ein gruseliges Gefühl, wieder hier zu sein", sagt sie.

    Ganz bis zum Wasser könne sie nicht gehen, seit dem, was sie hier erlebt hat. "Ich geh auch nicht mehr schwimmen, ich geh nicht mehr ins Freibad oder ins Hallenbad." Sie zeigt auf einen Baum neben dem See. Hier hätten die Treffen stattgefunden, von Anhängern eines selbsternannten Bibellehrers und Exorzisten, Marcus B., der sich "Nature23" nennt. Er hat mit der Kirche nichts zu tun und interpretiert das Christentum auf seine Weise.

    "Feuerbehandlung" bei psychischen Krankheiten

    In einem Video, das Marcus B. selbst veröffentlicht hat, ist zu sehen, wie er Victoria "therapiert" hat. "Unser Vater, der du bist im Himmel", beginnt der Mann im schwarzen Kapuzenpulli das Vaterunser und spricht danach schnell deutlichere Worte: "Unreiner Geist, verlasse diesen Körper in Jesu Christi Namen!" Victoria liegt in diesem Moment auf einem Bett, festgebunden, fixiert.

    Als die Aufforderungen den "Exorzisten" offenbar nicht zufrieden stellen, geht er einen Schritt weiter. Er droht dem angeblichen Dämon mit Feuer und nimmt eine Schachtel Zündhölzer in die Hand. Als weiterhin nicht das passiert, was Marcus B. vermutlich erwartet, zündet er ein Streichholz an und senkt es auf Victorias Arm. "Aua", sagt Victoria. "Das muss auch weh tun, sonst hilft es nichts", sagt Marcus B.

    Immer wieder wiederholt er das Prozedere. Victoria lässt es mit sich machen. Sie habe dem Ritual zugestimmt, so Marcus B. auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks. Als Beweis schickt er ein Video, in dem er das Vorgespräch mit ihr festgehalten hat. Heute beschreibt Victoria das Geschehen als Folter.

    Wurde Victoria manipuliert?

    Victoria kann sich weder an das Gespräch, noch an die Behandlung erinnern, sagt sie. Und das ist nicht ungewöhnlich, denn Victoria hat psychische Erkrankungen, eine Posttraumatische Belastungsstörung und wahrscheinlich eine Dissoziative Persönlichkeitsstörung, verursacht durch extreme Gewalterfahrung in der Kindheit, wie sie sagt. Menschen, die sich mit diesen Erkrankungen auskennen, können Betroffene unter Umständen manipulieren.

    "Wenn eine Person mit Dissoziativer Identitätsstörung auf eine systemische Art und Weise getriggert wird, kann bei ihr ein Persönlichkeitsanteil in den Vordergrund treten, der die Ohnmacht des traumatisierten Opfers repräsentiert und somit 'alles mit sich machen' lässt", so Dr. Markus Pausch, Oberarzt der Klinik für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie im kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München.

    "Bibellehrer": Habe eine "Dämonische Besessenheit" erkannt

    "Häufige Trigger, also Schlüsselreize, sind Geräusche, wie die Türklingel, bestimmte Namen, Kleidungstücke, zum Beispiel, wenn der Täter eine Maske oder Mütze trägt, aber auch Gerüche."

    Victoria habe mit Marcus B. über ihren persönlichen Trigger gesprochen, sagt sie. Der "Bibellehrer" hatte sie auf Facebook angeschrieben. "Er hat sich für meine Erkrankung aus Sicht der Bibel interessiert", sagt Victoria. Dem BR bestätigt Marcus B., dass er bei Victoria eine "Dämonische Besessenheit" erkannt habe. "Ich nenne das Geistwesen, die sich als normale oder die ursprüngliche Persönlichkeit ausgeben - deswegen wurde die Behandlung durchgeführt", so Marcus B..

    Exorzismus - kein Relikt aus der Vergangenheit

    Teufelsaustreibungen sind hierzulande seit dem Tod von Anneliese Michel vor 50 Jahren kaum noch ein Thema. Doch die Nachfrage nach solchen Behandlungen steigt, sagt Diplom-Psychologe Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Der Glaube an Geister und Dämonen sei weltweit stark verbreitet und käme mit der Zuwanderung wieder nach Deutschland.

    "Wir leben in einer Zeit, in der viele Leute nach religiöser Orientierung suchen und auch belastet sind", sagt Utsch. "Selbsternannte Gurus oder Wunderheiler haben im Grunde recht leichtes Spiel, die Notlage anderer Menschen auszunutzen."

    In katholischer Kirche klare Regeln bei Exorzismus

    Auch in der Katholischen Kirche gibt es den Exorzismus noch. Doch hier gelten klare Regeln, so Utsch. "Eine unabdingbare Voraussetzung ist, dass eine Psychologin oder ein Arzt dazu gezogen werden muss. Und bei einer Dissoziativen Identitätsstörung würde kein Kollege oder keine Kollegin zustimmen, so ein Ritual durchzuführen".

    Marcus B., der bei Victoria seine Form des Exorzismus angewandt hat, spricht vor seinen "Austreibungen" allerdings nicht mit Psychologen oder Ärzten. "Ein Psychologe glaubt nicht an Geister, ein Mediziner auch nicht, also daher hole ich mir nicht die Einschätzung von Medizinern und Psychologen herbei in solchen Fällen. Ich mach mir mein eigenes Bild."

    Die Sekteninfo Berlin schätzt die "Exorzistendienste" von Marcus B. als "hochproblematisch" ein. Man befürchte, "dass Menschen mit psychischen Problemen diese Dienste in Anspruch nehmen und zu Schaden kommen."

    Zwangstaufe im See?

    Victoria berichtet über ein weiteres Treffen mit dem "Bibellehrer" am Stadtwaldsee in Bremen, an das sie sich auch nur bruchstückhaft erinnern kann. Sie sei froh, dass ihr dabei nichts ernsteres passiert ist, sagt sie. "Ich stand an der Wasserkante und ab da ist alles weg."

    Später sei sie pitschnass zu sich gekommen. Man habe sie komplett unter Wasser getaucht. Aus ihrer Sicht war es eine "Zwangstaufe", sie habe nicht bewusst zugestimmt. Dass eine "Taufe" an einem See stattgefunden hat, bestätigt Marcus B., "damit die Dämonen nicht zurückkommen."

    Victoria hat den selbsternannten Exorzisten bei der Polizei angezeigt – und sie ist nicht die einzige Betroffene. Mehrere Frauen mit Dissoziativer Identitätsstörung, mit denen B. Kontakt hatte, haben sich zusammengetan. Daten und Chatverläufe von Marcus B. wurde von der Hackerin Nella geleakt und an die Behörden weitergegeben. Inzwischen ermittelt das Landeskriminalamt Berlin.

    Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.