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"Fenstergast": So geht Porträtfotografie in Corona-Zeiten | BR24

© Bild: Bianca Taube / Audio: BR

Die Ausgangsbeschränkungen zwingen uns zum Rückzug in unser Zuhause. Fotografin Bianca Taube fängt die Gesichter hinter den Glasscheiben ein.

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"Fenstergast": So geht Porträtfotografie in Corona-Zeiten

Jetzt in Corona-Zeiten sind unsere Fenster wichtiger denn je: Sie verbinden und trennen uns gleichzeitig von und mit der Welt. Die Fotografin Bianca Taube nutzt diese natürliche Schutzscheibe jetzt für Porträtfotos auf Sicherheitsabstand.

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In einem Hinterhof im Münchner Norden. Da grüßen sich zwei, die sich noch nie gesehen haben. Der eine in seiner Erdgeschoss-Wohnung am Fenster, die andere steht mit der Kamera in der Hand im Blumenbeet vor dem Haus. "Wie schön, dass du mitmachst", sagt Fotografin Bianca Taube zu dem jungen Mann.

Zuerst waren es vor allem Bekannte, die sich bei Bianca Taube auf den Aufruf zu ihrem Projekt "Fenstergast" gemeldet haben. Gesucht: Menschen, die im Erdgeschoss leben und Lust haben, sich hinter ihrem Fenster fotografieren zu lassen. Jetzt sind es immer mehr Fremde, die Lust haben, mitzumachen. Hinter den alten weißen Holzfenstern mit dem abblätternden Lack wohnt Janosch Fries. Er wurde über Instagram auf das Projekt aufmerksam: "Das letzte Bild, dass du gepostet hast bei Instagram, da dachte ich mir, die Fenster schauen ziemlich ähnlich aus wie meine."

Janosch ist eigentlich Schauspieler an der Schauburg in München, aber auch die ist natürlich dicht und Janosch zu Hause. Auf den Bildern, die Bianca Taube macht, ist die Glasscheibe immer zu sehen. Wie ein Filter liegt sie über dem Gesicht. Mal ein Filter aus Ästen, mal ein Filter aus einer Häuserfront. Das Auge kann wählen – Fokus auf die Spiegelung oder Fokus auf den Menschen hinter dem Glas. Intensiv sind die Bilder, auch wenn die Emotionen sehr unterschiedlich sind. Schließlich weiß man doch, warum die Menschen hinter Glas sind. Bianca ist hauptberuflich Nachrichtenredakteurin. Nebenbei arbeitet sie als Fotografin, oft macht sie Hochzeitsfotos oder eben Porträts.

Das Fenster zur Welt

"Jetzt gerade dürfen die Leute ja nicht mehr raus", sagt Bianca, "wieso also nicht zu den Leuten kommen, vor allem weil wir alle das Gefühl haben, zu Hause eingesperrt zu sein? Und dann habe ich mir überlegt, ich könnte ja diese Situation festhalten, in der wir uns alle gerade befinden, dieses Gefühl, nicht mehr rausgehen zu können, gefangen zu sein, in seinen eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein. Und dann eben durchs Fenster reinzuschauen zu den Leuten, denn das Fenster ist gerade so das einzige, was einen mit der Außenwelt noch gefühlt verbindet.“

Nicht mal zehn Minuten, und die Fotos sind gemacht. Janosch öffnet wieder sein Fenster. Die letzten Wochen war er nur zu Hause – als festangestellter Schauspieler glücklicherweise im bezahlten Zwangsurlaub. Aber mit dem Nichtstun macht er jetzt Schluss. Denn er hat sich als Freiwilliger bei der Feuerwehr gemeldet, um dort bei einer Hotline am Telefon zu sitzen: "Ich muss ehrlich sagen, ich hab es am Anfang genossen, nichts zu tun, ich hätte das auch noch länger machen können. Ich habe Hosen geflickt, Pflanzen umgetopft, viel saubergemacht und gekocht, und deswegen ist das jetzt auch total ok, wieder 40 Stunden die Woche arbeiten zu gehen. In einem Bereich, der gar nicht meiner ist. Das fühlt sich an wie ein Praktikum." Am Telefon wird er sich dann darum kümmern, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel zu verteilen. Von der Bühne ins Corona-Callcenter.

Corona-Geschichten hinter Glas

Freitagabend: Ein paar Tage und ein paar Porträt-Termine später. Fünfzehn Menschen hat Bianca bereits fotografiert, in ihrer Mittagspause vom Homeoffice oder abends. Solche kreativen Projekte geben Struktur. Endlich wieder ein Termin, den man einhalten muss oder darf. Jetzt geht es ein paar Treppen hinunter ins Souterrain zum Atelier von Eugen Kellermeier. Eugen muss derzeit in seinem Atelier wohnen: "Ich geh zurzeit nicht in meine WG, weil da jemand Coronaverdacht hat, er hat es wohl nicht, aber man weiß nie, ich habe eine Lungenvorerkrankung, da muss ich aufpassen. Gefangen im Atelier, genau, aber es gibt Schlimmeres.“

© Bianca Taube

Gefangen im Atelier

© Bianca Taube

Ein Paar am Fenster

© Bianca Taube

Heimkonzert hinter Glas

© Bianca Taube

Oft verrät nur die Spiegelung, dass sich Model und Fotografin nie direkt getroffen haben.

Alte, bepflanzte Schreibmaschinen, rankende Topfpflanzen und eine Lichterkette verwandeln die zwei Fenster von Eugens Atelier in einen kleinen Garten. Im Hintergrund sind seine Bilder zu erahnen. Da schaut er jetzt heraus und bietet Bianca einen Kaffee an. Gastfreundlichkeit ist eben auch auf 1,5 Meter Distanz möglich. Eugens sichere Einnahmequelle sind Malworkshops, drei sind jetzt schon abgesagt worden: "Das sind 6.000 Euro", erklärt Eugen, "das ist schlecht. Weil ich hab ja nicht so viele Workshops, manchmal hab ich auch keine. Und 6.000 Euro klingt jetzt erstmal viel, aber manchmal muss ich davon fünf Monate leben. Und ich hab jetzt so eine Hilfe beantragt, mal schauen ob es klappt, ich hoffe sehr."

Dann schließt Eugen seine Fenster, und Bianca Taube zückt die Kamera. So hinter Glas, sagt sie, haben die Menschen noch weniger Scheu bei den Fototerminen. Vielleicht, weil sie sich sicher fühlen, vielleicht auch, weil sie sich einfach freuen über diesen Termin und die Interaktion mit einem Menschen. Die Geschichten hinter den Bildern gehören für Bianca genauso zu ihrem Projekt. Gerade veröffentlicht sie jeden Tag ein Bild mit einem kurzen Text zur Person auf ihrem Instagramaccount. Eine Sammlung kleiner Corona-Geschichten hinter Glas.

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