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"Beyond States": Eine bemerkenswerte Online-Ausstellung | BR24

© Jacob-Hurwitz-Goodman, Daniel Keller ("The Seasteaders", 2018, Videostill)

Ausschnitt aus dem Film "The Seasteaders": Modell eines schwimmenden Mikrostaats

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"Beyond States": Eine bemerkenswerte Online-Ausstellung

Brauchen wir noch Nationalstaaten und Grenzen? Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen hinterfragt das Konzept von Staatlichkeit. Herausgekommen ist eine faszinierende Online-Ausstellung.

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Von
  • Xaver Scheffer

Fast jeder Ort auf der Erde gehört zu einem Staat, in dem bestimmte Regeln gelten. Ein Schritt über eine Staatsgrenze – und schon ändert sich einiges. Manche Orte stehen auch unter Herrschaft mehrerer Staaten – man nennt sie Kondominium. Ein Beispiel ist der Bodensee, der sowohl zu Österreich, Deutschland und der Schweiz gehört. Wo oder ob dort Staatsgrenzen verlaufen, ist nicht geklärt. Am Bodensee – und zwar eindeutig im deutschen Bereich – liegt das Friedrichshafener Zeppelin-Museum, das sich mit genau diesen Fragen beschäftigt: Was ist eigentlich Staatlichkeit und wo sind dessen Grenzen?

Nationalismus versus Entgrenzung

Anlass der Ausstellung sind die aktuellen ambivalenten Entwicklungen, erklärt Kuratorin Ina Neddermeyer: "Auf der einen Seite: Ein immer stärker werdender Nationalismus. Und gleichzeitig ist natürlich die Globalisierung da, die Digitalisierung, wo man auch das Gefühl hat, dass Grenzen verschwimmen. Dass das, was uns trennt, immer weiter wegfällt und damit auch der Staat sozusagen wegfällt." Daraus resultierten Fragen nach der Weiterentwicklung von Staatlichkeit und Staatsbürgerschaft.

Eine künstlerische Antwort könnte zum Beispiel die Arbeit "Citizen Ex" von James Bridle sein. "Citizen Ex" ist eine Software, ein Browser-Add-On, das sich jeder runterladen kann. Mit der Zeit kreiert es eine persönliche "algorithmische Staatsbürgerschaft" aus mehreren Ländern – je nachdem, von wo aus die Websites betrieben werden, die man besucht. Die Idee dahinter: Auf jeder Internetseite hinterlassen wir Daten und damit ein Stück von uns – aber das könnte uns auch neue Rechte als Staatsbürger geben. Eine Citizen-Ex-Staatsbürgerschaft stellt sich als Tortendiagramm dar: zum Beispiel 40 Prozent deutsch, 25 Prozent US-amerikanisch, 20 Prozent türkisch, 15 Prozent chinesisch.

© Screenshot by Zeppelin-Museum

Ein Beispiel für eine "algorithmische Staatsbürgerschaft", kreiert von James Bridles Anwendung "Citizen Ex"

Schwimmende Mikrostaaten sollen es besser machen

Die Ausstellung "Beyond States – Über die Grenzen von Staatlichkeit" vereint Verschiedenstes: Kunstwerke, historische Objekte und Dokumentationen. Darunter ist auch der halbstündige Film "Seasteaders" von Jacob Herwitz-Goodmann und Daniel Keller. Er handelt von der Idee des "Seasteading Institute", autonome Mikro-Staaten auf im Meer schwimmenden Plattformen zu schaffen, gestaltet mit vielen Wohnhäusern und kleinen Parks. Diese Mikro-Staaten sollen dann, so die Vision, wie auf einem freien Markt um Bürgerinnen und Bürger werben. Ein Konzept, nach dem sich die attraktivsten Staaten am Ende durchsetzen und die anderen eingehen. Kuratorin Ina Neddermeyer hält die Idee zwar für progressiv, aber auch rechtslibertär, denn es ginge den Machern vor allem darum, Steuern zu sparen und den Staat zu umgehen.

© Zeppelin-Museum Friedrichshafen

Das Logo der Ausstellung "Beyond States" im Zeppelin-Museum

© Alexandra Pace

Eine Neuinterpretation des Spielklassikers "Siedler von Catan" durch Simon Denny

© Hannes Woidich

Das Peng!-Kollektiv ermöglicht einen echten Anruf bei Mitarbeitern von Nachrichtendiensten

© Zeppelin-Museum Friedrichshafen

Der "New-World Summit", ein Parlament für staatenlose Organisationen

© Zeppelin-Museum Friedrichshafen / Forensic Oceanography

Das Rechercheprojekt "Mare Clausum" untersucht eine Flüchtlingstragödie vor der libyschen Küste.

Eine bemerkenswerte interaktive Online-Ausstellung

"Citizen Ex" und "The Seasteaders" – zwei Beispiele einer Vielzahl von Werken und Themen. Auch das eigentliche Spezialgebiet des Zeppelin-Museums, die Geschichte der Luftfahrt, wurde eingebunden. Zu sehen ist all das derzeit in einer bemerkenswerten Online-Ausstellung. Anders als die meisten Museen bietet sie nicht nur ein bisschen Text und Bildmaterial, sondern Videos, Links und Möglichkeiten zur Interaktion: Umfragen, Quizze, sowie die Möglichkeit, per Kommentar über Werke und Themen zu debattieren. Ist der Nationalstaat noch zeitgemäß, Staatsgrenzen nicht überholt? Was macht Staaten aus, wo scheitern sie und was wäre die Alternative zu ihnen?

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