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Bildrechte: Sarah Berger

Eine kluge Kommentatorin gesellschaftlicher Fragen: Asal Dardan.

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"Betrachtungen einer Barbarin": Asal Dardans Essaysammlung

Die Autorin Asal Dardan stellt Analysen an zu Rassismus, zum NSU, zur deutschen Vergangenheitsbewältigung, aber auch zur Gleichberechtigung. Spannend dabei: die doppelte Sichtweise. Ihr Blick von außen vermischt sich mit dem der deutschen Insiderin.

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Von
  • Gabriele Knetsch

"Betrachtungen einer Barbarin" nennt die aus dem Iran stammende deutschsprachige Schriftstellerin Asal Dardan ihre Essay-Sammlung. Sie, die sich deutscher empfindet als mancher Staatsbürger der Bundesrepublik, spielt mit der Assoziation des Ausgegrenztseins und des Stempels der Andersartigkeit.

Gegen diese vermeintliche Andersartigkeit begehrt sie auf. Sie macht sie aber zugleich zur literarischen Metapher, die ihr einen Perspektivwechsel ermöglicht. Der Blick von außen vermischt sich bei Dardan permanent mit dem Blick der deutschen Insiderin: Das macht ihre Analysen zu Rassismus, zum NSU, zur deutschen Vergangenheitsbewältigung, aber auch zur Gleichstellung von Frauen so spannend.

Das Große im Kleinen zeigen

Asal Dardan geht von ihrer eigenen Geschichte aus, von Erlebtem oder Gelesenem – und knüpft daran ihre Gesellschafts- und Systemkritik. Die Autorin sagt dazu: "Ich wollte gar nicht so sehr von mir etwas erzählen, aber ich dachte, es ist leichter zugänglich, an einem einzelnen Leben zu zeigen, wie ganz große, abstrakte Themen auf dieses kleine Leben wirken. Und in so Kreisen um dieses kleine Leben herum die Zusammenhänge zu ziehen." Und ihr eigenes Leben, so Dardan, kenne sie eben am besten.

Immer wieder stellt Asal Dardan einfache Wahrheiten, Stereotypen und Klischees, mit denen sie selbst im Alltag konfrontiert ist, in Frage. Sie kehrt das Widersprüchliche oft mit komischen Effekten hervor.

Szenen aus dem Alltag

Etwa wenn sie erzählt, sie habe folgende Einladung auf eine Jobanzeige erhalten: "Wir sind zu weiß, darum möchten wir Sie dabei haben". Ihr Gegenüber versteht nicht, dass sie sich nicht geschmeichelt fühlt, sondern diese Bemerkung als Diskriminierung empfindet.

Dardan zeigt derartige Verwirrungen als symptomatisch für die moderne Welt auf. Auch Dardans Heimatbegriff ist brüchig – Deutschland bezeichnet sie als "das Land, in dem sie aufgewachsen ist". Zum Iran, dem Land ihrer Eltern, hat sie kaum Bezug. Die Rezepte für das persische Neujahrsfest muss sie selbst googeln.

© Cover: Hoffmann und Campe / Collage: BR
Bildrechte: Cover: Hoffmann und Campe / Collage: BR

Das Cover des Essaybandes "Betrachtungen einer Barbarin"

Von klein auf verunsichert

"Ich glaube, dass für alle das Wort Heimat heute eine Krise auslöst", diagnostiziert die Autorin – schließlich sei die Heimat für niemanden mehr ganz eindeutig bestimmbar. "Die Welt hat sich verändert, so dass die reaktionären Antworten auf Heimat gerade mit dieser Verunsicherung einhergehen. Diese Verunsicherung ist mir in die Wiege gelegt, weil ich nicht an dem Ort aufgewachsen bin, der meine Heimat hätte werden sollen."

Dardans Eltern, glühende Schah-Anhänger, flohen 1979 vor dem Ayatollah-Regime. Asal war damals ein Jahr alt – der Iran ist für sie nicht mehr als ein Land der Träume und der Fiktion. In ihrem assoziativen, lebendigen Stil, der Theorie und Anekdote verknüpft, gelingt es der Autorin, deutschen Leserinnen und Lesern klar zu machen, wie wenig der pauschale Begriff der "Migrantin" zutrifft.

Offen autobiografisch

Vielleicht muss die Schriftstellerin deshalb viel Autobiographisches – auch Verletzliches – in ihren Essays preisgeben. Dies zum Beispiel: Ein Mitschüler verpasste ihr ein blaues Auge, weil er sie "zu dunkel" fand, ein Lehrer zog sie an den Haaren, weil er sie für ein aufsässiges Ausländer-Mädchen hielt, ein anonymer Twitterer forderte sie zur Auswanderung aus.

Asal Dardan ist vieles mehr als die "Migrantin": Sie ist auch Intellektuelle, Mutter zweier Kinder, Feministin, Anti-Rassistin und politische Denkerin. Besonders eindrucksvoll lesen sich jene Passagen die vor rechten Tendenzen im Lande warnen.

In ihrer vielschichtigen Analyse des NSU-Prozesses gibt sie den Opfern eine Stimme. Wenn Asal Dardan über Alltagsrassismus oder rechte Parolen schreibt, dann betrifft das Menschen wie sie ganz persönlich – sie haben Angst davor, auf das "Andere" reduziert – und zu Opfern gemacht zu werden.

Asal Dardans Essaysammlung "Betrachtungen einer Barbarin" ist bei Hoffmann & Campe erschienen und kostet 22,00 Euro.

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