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Was wir von Brecht über den Umgang mit Fremdheit lernen können | BR24

© Bayern 2

Fremd zu sein: Diese Erfahrung machte Bertold Brecht am eigenen Leib in seiner Zeit im Exil – und nutzte sie auch für seine Kunst. Theaterwissenschaftler Günther Heeg erzählt, was wir von Brechts Idee vom Leben im Transit heute noch lernen können.

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Was wir von Brecht über den Umgang mit Fremdheit lernen können

Fremd zu sein: Diese Erfahrung machte Bertold Brecht am eigenen Leib in seiner Zeit im Exil – und nutzte sie auch für seine Kunst. Theaterwissenschaftler Günther Heeg erzählt, was wir von Brechts Idee vom Leben im Transit heute noch lernen können.

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In Leipzig tagt bis Sonntag die Internationale Brecht- Gesellschaft. Auf dem Symposium geht es um einen besonderen Aspekt im Werk Bertolt Brechts: um seine Auseinandersetzung mit dem Fremden. "Brecht unter Fremden" ist die Tagung überschrieben. Organisiert hat sie der Theaterwissenschaftler Prof. Dr. Günther Heeg, Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Heeg, ein von Bertolt Brecht sehr bewunderter großer bayerischer Komiker, Karl Valentin, hat den Satz geprägt: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde." Gibt es ähnlich treffende Aussagen von Brecht selbst über das Gefühl des Fremdseins?

Günther Heeg: Nicht so pointiert wie von Karl Valentin, den Brecht überaus geschätzt hat und von dem er sich auch Ratschläge hat geben lassen, etwa für die Regie von "Mann ist Mann". Nein, es gibt keinen pointierten Satz von Brecht dazu. Aber es gibt die Erfahrung von Brecht, zeit seines Lebens konfrontiert zu sein mit dem Fremden. Er war dem Fremden ausgesetzt an allen Schauplätzen seines Lebens, natürlich in der langen Zeit des Exils, "öfter als die Schuhe die Länder wechselnd" – so heißt es in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen". Er hat das Gefühl der Fremde aber auch schon in seiner Jugend in Augsburg kennengelernt und dann im Berlin der Weimarer Republik und erst recht natürlich nach der Rückkehr nach Deutschland in Ostberlin, wo er auch nie heimisch geworden ist. Das Besondere an Brecht ist nun aber, dass er diese Erfahrung des Fremden, dieses Ausgesetzt-Sein dem Fremden gegenüber, produktiv gewendet hat. Brecht hat eigentlich diese Erfahrung des Fremden zum Impuls seiner ganzen ästhetischen Produktion, seiner Stücke, seiner Gedichte, seiner Prosa und auch seiner theoretischen Arbeit gemacht.

Die Fremdheitserfahrungen, die Brecht machen musste, waren unfreiwillige, weil er vor den Nazis fliehen musste, "verjagt mit gutem Grund", wie er das nannte. Er floh ins Exil, nach Dänemark, Finnland, Schweden, in die Schweiz und in die Vereinigten Staaten. Wie hat sich diese Fremdheitserfahrung auf sein Werk ausgewirkt?

Es taucht in den Tagebüchern immer wieder auf, es wird sehr genau reflektiert, dieses Dasein in der Fremde, abgeschnitten, isoliert auch von Produktions- Zusammenhängen. Er hat diesen Status eines Menschen im Exil sehr genau reflektiert. In den "Flüchtlingsgesprächen" heißt es so schön, das Wertvollste am Menschen ist eigentlich nicht so sehr der Mensch selber, wichtig sei sein Pass, so dass man weiß, wohin man ihn gegebenenfalls abschieben kann. Es gibt aber auch andere Äußerungen über diese Situation im Exil. Und es gibt ein berühmtes Gedicht über die Bezeichnung "Emigranten", in dem Brecht schreibt, dass er es für falsch hält, dass man die Geflüchteten "Emigranten" nennt, so als hätten sie freiwillig Deutschland verlassen und würden freiwillig irgendwie eine neue Heimat suchen. Er sagt: Nein, weder hier noch dort sind wir zu Hause, sondern wir sind sozusagen Transit-Existenzen. Wir sind Geflüchtete, Vertriebene. Keine Heimat, sondern ein Exil soll uns dieser Ort sein, wo wir uns gerade aufhalten. Das ist das Interessante, dieses Leben im Transit. Er sagt: Okay, das ist fürchterlich, so zu leben, aber es ist gleichzeitig auch eine neue, zukünftige Lebensform, die man kontrafaktisch gleichsam ausprobieren kann auf dem Theater und in der künstlerischen Produktion.

© Sven Reichhold

Literaturwissenschaftler Günther Heeg

Nun leben wir ja heute im Zeitalter der Migration. Kann Brecht uns über das Leben unter Fremden, das er erfahren und beschrieben hat, heute noch etwas sagen?

Ich denke, es ist hochaktuell in unserer Zeit, die von Fremdenangst und Fremdenhass bestimmt ist. Wir erleben ja praktisch als Rückschlag, als Reaktion auf die Dynamiken der Globalisierung eine große Unsicherheit und den Verlust von Orientierung und den Zusammenbruch von Traditionen. Wir sehen, dass viele Menschen sich in eine Art von Retrotopie, in ein Herzland mit einer homogenen gesellschaftlichen Ordnung zurücksehnen. Diese Sehnsucht nach fundamentalistischen Gemeinschaften ist sehr stark. Von Brecht kann man lernen, dass das keinen Sinn macht, sondern dass man sich trennen muss von dieser fundamentalistischen Vorstellung und dass es immer darum geht, dort, wo man sich aufhält, die eigene Lebenswelt als eine fremde zu erfahren. Gleichzeitig aber geht es darum, zurückzugreifen auf alles, was es an Überresten von Kultur und Geschichte gegeben hat, und darum, dass diese Überreste und Fragmente von Kultur keine geschlossenen großen Kulturen wie "das Abendland" oder "die deutsche Nationalkultur" bilden. Einzelne Gedichte, rituelle Verrichtungen, Praktiken und so weiter einzubringen in die Gegenwart – das ist eigentlich das Verfahren, das er Historisierung nennt. Wenn man sich seine Stücke anschaut, dann sieht man, dass er immer zurückgreift auf fremde Zeiten und Räume. Und dass er sie einbringt in die Gegenwart, dass zum Beispiel der Dreißigjährige Krieg in der "Mutter Courage" eine Rolle spielt. Ebenso spielt die chinesische Sozialphilosophie des 5. Jahrhunderts vor Christus eine enorme Rolle im "Me-ti Buch der Wendungen" und natürlich in "Der gute Mensch von Sezuan". China spielt eine große Rolle, aber auch das Chicago der Schlachthöfe in der "Heiligen Johanna" und "Im Dickicht der Städte". Das alte Rom in "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" und im "Verhör des Lukullus". Immer hält sich Brecht im Rückgriff und in der Aneignung von fremden Zeiten und Räumen gleichsam über Wasser und versucht die Situation in die Gegenwart und auf Zukunft hin zu öffnen. Diese Aneignung von fremden Zeiten und Räumen bedeutet aber gleichzeitig auch eine produktive Enteignung von festgefahrenen Standpunkten. Er stellt das "So sind wir es gewohnt und kennen es nicht anders" infrage. Das ist ein Verfahren, von dem er glaubt, dass man im produktiven Rückgriff auf die Geschichte die Gegenwart so weit auf Zukunft hin öffnet, ohne zurückzugreifen auf fundamentalistische Ordnungen und Gemeinschaften wie "das christliche Abendland".

Bei Brecht fällt einem ja gleich der theatrale Verfremdungseffekt ein. Ist die Erfindung des V-Effekts auch auf eigene Fremdheitserfahrungen zurückzuführen?

Mit Sicherheit, und der V-Effekt wird oft falsch verstanden als eine Art von Trick im Dienste der Aufklärung. Es gibt bei Brecht zwar Aussagen, die in diese Richtung weisen. Wenn man sich aber die Stücke, die Gedichte, die Prosa anschaut und auch die theoretischen Aussagen insgesamt, dann ist es eigentlich immer anders. Dann führt die Verfremdung durch den Rückgriff auf eine andere Zeit, auf einen anderen Raum eigentlich immer dazu, dass alles ins Schwimmen gerät, dass man im Grunde gar keine Sicherheit mehr hat. Dadurch gibt es aber eine unendlich große Möglichkeit von Entdeckungen, so dass man immer wieder neue Beziehungen herstellen kann.

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