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Berlinale 2019: Jurymitglieder Sandra Hüller, Trudie Styler und Vorsitzende Juliette Binoche
© picture alliance/Gregor Fischer/dpa
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Berlinale 2019: Jurymitglieder Sandra Hüller, Trudie Styler und Vorsitzende Juliette Binoche

Jeanine Meerapfel ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Präsidentin der Berliner Akademie der Künste. Und sie ist unzufrieden: "Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte kurz vor Beginn der Berlinale, es ziehe sich ein großer, roter, weiblicher Faden durch diese Berlinale. Ich frage mich: Was heißt das? Von den 17 Filmen im Wettbewerb sind sieben von Frauen. Das ist ein gutes Zeichen. Aber es ist nicht genug."

Viele Regisseurinnen im Wettbewerb der Berlinale

2018 waren 17 Prozent der Berlinale-Wettbewerbsfilme von Frauen, dieses Jahr sind es 41 Prozent. Das ist ein extrem gutes Zeichen, insbesondere, wenn man auf andere Festivals blickt: In Venedig lag die Frauenquote im Wettbewerb bei unter fünf Prozent, in Cannes waren es knapp 14 Prozent. Doch wo die Berlinale voranschreitet, müssen sich andere erst noch auf den Weg machen. Das zeigen auch Zahlen der Initiative Pro Quote Film: 2018 waren 30 "Tatorte" von einem Regisseur und sieben von einer Regisseurin inszeniert – ein Frauenanteil von 18,9 Prozent. Sehr viel schlechter sieht es bei den Kamerafrauen des "Tatorts" aus: Ihr Anteil liegt schlicht bei null Prozent.

Ähnlich sieht es auch im internationalen Berlinale-Programm aus. Der Prozentsatz der Kamerafrauen ist zwar nicht so unterirdisch schlecht wie bei den "Tatort"-Produktionen, mit 18,5 Prozent aber noch weit entfernt von einem ausgeglichenen Verhältnis. Dieses Ungleichgewicht stört auch US-Produzentin Gale Anne Hurd, die sich für mehr Förderung im Technikbereich einsetzt. Hurd, die in den 80er-Jahren die ersten beiden "Terminator"-Filme produziert hat und seit 2010 die Serie "The Walking Dead" verantwortet, sprach auf der Berlinale als Botschafterin von ReFrame, einer Organisation für mehr Gleichberechtigung in der Filmindustrie. Im vergangenen Jahr habe sich in Hollywood zwar viel getan, insbesondere im Bereich Drehbuch und Regie würden Frauen nun häufiger angefragt. Aber ausruhen, sagt Hurd, dürfe man sich auf solchen Errungenschaften noch lange nicht: "Wir müssen dranbleiben. Wir sollten diesen ersten Erfolg zu mehr als einer vorübergehenden Lösung für ein vorübergehendes Problem machen, wir müssen ihn buchstäblich zum Gesicht der ganzen Filmindustrie machen. Und nicht nur dieser Industrie, sondern aller Branchen."

Filmproduzentin Gale Anne Hurd

Filmproduzentin Gale Anne Hurd

Feminismus und Diversität gehören zusammen

Einerseits sind Veränderungen abhängig von einflussreichen Mentoren aus der Filmbranche, die sich für Gleichberechtigung einsetzen und Frauen in den Bereichen fördern, in denen sie stark unterrepräsentiert sind, wie etwa im Kamerabereich. Andererseits müssen Frauen selbst aktiv werden und sich weiter stark machen. Das jedoch fällt vielen schwer – insbesondere, seit sich die Debatte nicht mehr ausschließlich um Gleichberechtigung dreht, sondern um Diversität ergänzt wurde.

Deborah Williams leitet das Creative Diversity Network in London und hat die Diversitätsstandards für das British Film Institute entwickelt. Sie gibt zu bedenken, dass die Basis sich ihrer Erfahrung nach in zwei Lager spaltet: in solche, die ihre eigene Welt verändern wollen und solche, die die Welt als Ganzes verändern möchten. "Wenn Sie glauben, angekommen zu sein, dann ist es unglaublich schwierig, sich einzugestehen, dass Sie es nicht sind, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Und das bedeutet: Sie als Einzelperson müssen aufhören, über sich selbst nachzudenken und andere in den Blick nehmen."

Deborah Williams und die Organisatorinnen von Pro Quote Film sind sich einig: Gender und Diversity gehören zusammen und Zukunft wird nur gemeinsam gestaltet. Außerdem sollte niemand Angst vor dem F-Wort namens Feminismus haben. Berlinale-Chef Dieter Kosslick sei mit gutem Beispiel vorangegangen: Tags zuvor hatte er die Erklärung "5050 x 2020" unterzeichnet, eine internationale Initiative, die bis zum Jahr 2020 zu mehr Geschlechtergerechtigkeit auf dem Festival und im Markt beitragen soll. Die Berlinale-Leitung wird die 50/50-Quote bald erfüllt haben: Nach dem Ausscheiden von Kosslick bilden Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der künstlerische Leiter Carlo Chatrian eine Doppelspitze.

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Autoren

Bettina Dunkel

Sendung

kulturWelt vom 14.02.2019 - 08:30 Uhr