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Berlin - Hauptstadt der arabischen Exil-Intellektuellen | BR24

© Bayern 2

Kann Berlin Impulsgeber werden für eine neue soziale und kulturelle Bewegung in der arabischen Welt? Tatsächlich leben in Berlin inzwischen mehr exilierte arabische Intellektuelle als andernorts. Eine Riesenchance, so der Kairoer Soziologe Amro Ali.

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Berlin - Hauptstadt der arabischen Exil-Intellektuellen

Kann Berlin Impulsgeber werden für eine neue soziale und kulturelle Bewegung in der arabischen Welt? Tatsächlich leben in Berlin inzwischen mehr exilierte arabische Intellektuelle als andernorts. Eine Riesenchance, so der Kairoer Soziologe Amro Ali.

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Der Soziologe Amro Ali hat seine Doktorarbeit über Revolution und Konterrevolutionen in Alexandria während des arabischen Frühlings geschrieben. Vor kurzem veröffentlichte er einen vielbeachteten Essay über Berlin als Hauptstadt des arabischen Exils. Für Amro Ali könnte Berlin die Keimzelle werden für eine Denkschule, die eine Zukunft aufzeigt jenseits des herrschenden Autoritarismus in der arabischen Welt: "Wann immer eine Revolution, staatliche Repressionen oder Krieg ein Land erschüttern, verlassen Intellektuelle ihre Heimat und gehen in eine bestimmte Stadt. In den 1930er- und 1940er-Jahren gingen deutsche Juden nach New York. Lateinamerikaner flohen vor Diktaturen in den 1970er und 1980er Jahren nach Paris. Berlin spielt die gleiche Rolle für arabische Intellektuelle nach dem Arabischen Frühling."

Exodus nach Arabischem Frühling

Berlin besuchte der Soziologe selbst zum ersten mal im September 2011, als die Freiheitsrufe im Nahen Osten gerade unüberhörbar wurden. Als die Flitterwochen vorbei waren, beobachtete Amro Ali einen beispiellosen Exodus. Arabische Intellektuelle aus vielen Ländern suchten gleichzeitig Zuflucht in der deutschen Hauptstadt. Dieses gemeinsamen Exil, so Amro Alis These, könnte auch eine neue Chance sein. "Berlin ist ein Ort, an dem neue Ideen und eine politische Praxis entstehen können, die als Beispiel für die arabische Welt dienen. Es ist ein sicherer Ort voller Energie, der Ausgangspunkt für eine Gedankenschule oder eine Soziale Bewegung werden könnte. Verschiedene arabische Räume in Berlin könnten zeigen, dass eine andere Zukunft als eine monotone autoritäre Einbahnstrasse möglich ist", sagt Amro Ali

Eine Community konstituieren

An einer neuen arabischen sozialen Bewegung, gegründet im Herzen von Berlin, werden sicher nicht alle mitmachen, ist sich auch Amro Ali sicher. Doch er gibt unumwunden zu: Mit seiner Idee einer arabischen Exilgemeinschaft wollte er diese zugleich konstituieren: "Ein 19-jähriger syrischer Student sagte mir, das von mir geschriebene Essay habe ihn erst dazu gebracht, sich als Teil einer Exilgemeinschaft zu fühlen. So etwas zu beschreiben, hat immer das Ziel, es damit auch ins Leben zu rufen. Die Idee lautet, eine Gedankenschule aufzubauen, die nicht nur in Berlin, in Deutschland oder Europa besteht. Am Ende wird die Ideenbewegung zurück in die arabische Welt strömen."

© Privat

Der Soziologe Amro Ali

Das politische Bewusstsein stärken

Es gehe ihm nicht darum, eine neue Revolution zu propagieren, sagt Amro Ali. Sein Ziel sei, das politische Bewusstsein von Bürgern zu stärken: "Die arabische Welt steckt in einer spirituellen und moralischen Krise. Es muss irgendwo Licht im Dunkeln zu erkennen sein. Und Berlin könnte ein Leuchtturm werden. Hier gibt es Räume voller Energie, Kunst, Bücher, Poesie, Filmvorführungen und Theater. Etwas, das den Weg weist aus der moralischen Misere."

In der arabischen Welt, sagt Amro Ali, sei der moralische Kompass völlig verloren gegangen. Nach dem Mord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul hätten viele arabische Bürger geschwiegen. Was völlig fehle, sei eine politische Praxis, die wieder auf Moral basiere. "Wenn Journalisten über Alexandria berichten wollen, fragen sie mich immer nach Salafisten. Aber ich kann ihnen versichern, die zehn größten Probleme Alexandrias haben nichts mit Islamisten zu tun. Es geht um die Privatisierung unserer Strände, um die Immobilien-Mafia, um den Verlust öffentlicher Räume, um den Zusammenbruch der Idee vom mündigen Bürger und um die weit verbreitete Depression", erklärt Amro Ali.

Viele dieser Phänomene seien zwar auch anderswo zu beobachten. Während in Berlin dagegen protestiert werden könne, sei das in Ägypten derzeit unmöglich: "Wir sprechen über einen mutierten Kapitalismus. Ein Monster. Nur das Bruttoinlandsprodukt gilt als A und O. Es beendet jeden anderen Gedanken und verschlingt einfach alles auf seinem Weg."

Leuchtturm Berlin

Um einen Ausweg zu finden, sei Berlin der geeignete Ort, glaubt Amro Ali. Ausgehend von der arabischen Exilgemeinschaft, könnte Berlin Impulsgeber werden für eine neue soziale und kulturelle Bewegung in der arabischen Welt.

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