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Was sagen die Künstler zum Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan?

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Bergkarabach: Wenn der Waffenstillstand keinen Frieden bringt

Seit Armenien und Aserbaidschan im November einen Waffenstillstand vereinbarten, werden die Proteste in Jerewan nur lauter. Wie ist die Stimmung im Land? Haben Intellektuelle eine Antwort auf die im Krieg geschlagenen, noch immer klaffenden Wunden?

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Von
  • Christine Hamel

Die Liste der Ortschaften im Süden von Nagorny Karabach, die nach dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien, Aserbaidschan und Russland unter aserbaidschanische Kontrolle geraten, ist lang: 121 Karabach-Siedlungen und Städte muss Armenien an den verfeindeten Nachbarn abgeben, dem das Gebiet aber de jure gehört.

Die aserbaidschanische Hauptstadt Baku feiert denn auch eine Rückgabe und Wiedervereinigung, für die armenische Hauptstadt Jerewan ist es nicht nur eine demütigende Niederlage, sondern auch eine humanitäre und kulturelle Katastrophe. Die Karabach-Armenier müssen fliehen, eine Nachbarschaft ist für beide Seiten ausgeschlossen. Nach dem ersten Karabach-Krieg von 1992 bis 1994, in dem die Armenier gesiegt hatten, mussten die Aserbaidschaner, auch als Aseris bezeichnet, fliehen.

Mit Musik in die Unendlichkeit vorstoßen

Mikayel Voskanyan ist Komponist, Sänger und Tar-Spieler – Tar ist eine gezupfte Langhalslaute aus Maulbeerbaumholz in Form einer Acht, sie symbolisiert die Unendlichkeit. Dahin versuchen auch Mikayel Voskanyans Songs vorzustoßen. Sie schwingen zwischen armenischem Avantgarde-Folk, Pop und geistlicher Musik in der Tradition des armenischen Nationalheiligen Komitas.

Für das großorchestrierte Online-Benefizkonzert "Artists vor Arzakh" steuerte Mikayel Voskanyan eine Improvisation bei. Armenier nennen Nagorny Karabach Arzach und beziehen sich damit auf das mittelalterliche armenische Königreich Arzach.

"Arzach ist Teil meiner Heimat!"

"Ich habe ein Stück aufgenommen, in dem sich meine Emotionen in diesen Tagen widerspiegeln", sagt der Musiker. Es sei eine Improvisation über das Schlachtfeld – auch weil ihn der Krieg als Künstler verändert habe: "Ich weiß im Moment gar nicht, wie ich weiter kreativ sein kann und versuche etwas in meiner Musik zu finden, aber es fällt mir schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Arzach ist Teil meiner Heimat. Wir verdanken der Region viele kulturelle Impulse, es gibt hier mehr als 400 armenische Kirchen und Festungen."

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Ein Grabrelief im Kloster Zizernawank, Bergkarabach.

Mutwillige Zerstörung, Zeichen des Hasses

Um dieses Kulturerbe fürchten die Armenier. Wie tief der Hass sitzt, zeigen mutwillige Zerstörungen von armenischen Friedhöfen. Aserbaidschanische Soldaten stellen Videos in Netz, die sie bei der Zerstörung von Grabsteinen zeigen. Chatschkar heißen die kunstvoll behauenen Gedächtnis- oder Kreuzsteine, die zumeist aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen und eines der zentralen kulturellen Symbole der Armenier sind. Ihre archaische Würde und Anmut hatte auch den Dichter Ossip Mandelstam auf seiner Armenienreise inspiriert. Ornament, schreibt Mandelstam, ist Gedanke.

Vanuhi Vananyan ist Filmemacherin, sie schreibt Drehbücher und Romane. Als der erste Karabach-Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausbrach, hat sie Armenien verlassen, seither lebt sie in München. "Wir bekommen Videonachrichten, wie diese Kulturerbschaft Armeniens brutalst zerstört wird", berichtet sie: "Die werden wirklich sehr peinlich vernichtet."

Trostlied für die Mütter

Wie groß die Zerstörungen sind, lässt sich zurzeit nicht sagen. Die Kanatsch Scham Kirche in Schuschi wurde nach Einnahme der Stadt zerstört, beide Kirchtürme gesprengt. Das bedeutende Dadiwank-Kloster aus dem 9. Jahrhundert wird indes von russischen Friedenstruppen bewacht. Verlässliche Nachrichten aus der Region sind aber rar: "Das ist auch, meiner Meinung nach, eine wohlbedachte Isolierung und wie ein Keil zwischen Armenien und Arzach. Gerade wo in Armenien natürlich politisch alles auch nicht ruhig ist, weil die Leute total gedemütigt sind."

"Oror" heißt der an ein Schlaflied erinnernde Song, den Mikayel Voskanyan den Armeniern als ein Trostlied geschrieben hat. Eine traurige Weise "für die Mütter", wie er sagt, "die ihre Söhne nicht halten konnten". Künstler und Intellektuelle sind ratlos und geschockt. In der Politik indes droht die Gefahr, dass Hardliner und Nationalisten der demokratischen Regierung von Nikol Paschinjan ein Ende bereiten.

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