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Berauscht in Venedig: Ingo Maurers "Design or what?" in München | BR24

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Nicht nur italienische Design-Kollegen hielten ihn für "genial": Jetzt ist dem im Oktober verstorbenen Licht-Künstler in München eine Ausstellung gewidmet, die "intime" Einblicke in sein Werk verspricht - und einen "explodierenden" Kronleuchter.

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Berauscht in Venedig: Ingo Maurers "Design or what?" in München

Nicht nur italienische Design-Kollegen hielten ihn für "genial": Jetzt ist dem im Oktober verstorbenen Licht-Künstler in München eine Ausstellung gewidmet, die "intime" Einblicke in sein Werk verspricht - und einen "explodierenden" Kronleuchter.

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Immer wieder kam er hinein geschlichen in die Neue Sammlung. Heimlich, still und leise ließ er den großen Raum auf sich wirken. Sitzend, schauend, spürend. Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung, erinnert sich: "Hier gab es immer die 'Flüsterpost', dann hat einer vom Empfang uns doch Bescheid gegeben: Herr Maurer ist da! Und dann sind wir los gerannt und haben ihn natürlich nicht mehr alleine gelassen und er hat dann wie immer auch gezeichnet, sich einen Zettel geben lassen und ich muss sagen ich höre ihn weniger sprechen als dass ich ihn hier sitzen und schauen sehe, das hat sich bei mir so als Bild eingeprägt, aber klar, wir haben auch mit ihm gesprochen und wir haben ihn auch noch im Ohr."

"Ingo, Du bist genial!"

Ingo Maurer strahlt – auch über den Tod hinaus. Denn sein Spirit, seine Geschichten und seine Haltung leben in den Lampen, Lichtsystemen, Objekten und Installationen spürbar weiter. Zum Beispiel ist da „Porca Miseria!“, ein Lüster aus etlichen weißen, kaputten Porzellan-Geschirrteilen, Gabeln und Messern, die den Eindruck erwecken als würden sie im Moment explodieren. Nicht umsonst sollte diese dekonstruierte Variante eines Kronleuchters zuerst "Zabriskie Point" heißen - als Anspielung auf den gleichnamigen Film von Michelangelo Antonioni, in dem am Ende explodierende Alltagsgegenstände in Slow Motion zu sehen sind. Kuratorin Xenia Riemann: "Als sie hing, auf der Euroluce 1999, kamen italienische Gäste und einer hat halt gerufen 'Porca Miseria! Ingo, tu sei pazzi, tu sei geniale' und sowas und dann, ja, dann hat er es umbenannt. Es klang besser und ja, Porca und Porzellan hat ja denselben Wortstamm."

© Tom Vack

Ingo Maurer, One from the Heart, 1989

© Die Neue Sammlung – The Design Museum A. Laurenzo

Ingo Maurer, Bulb, 1966. Design M, München. Foto: Die Neue Sammlung – The Design Museum (A. Laurenzo)

© Stefan Geisbauer

Ingo Maurer, Porca Miseria!, 1994. Foto: Stefan Geisbauer

© Tom Vack

Eckhard Knuth, Ingo Maurer, Holonzki / Dead Bulb Alive, 2000.

© Tom Vack

Ingo Maurer + Team, Flying Future, 2006.

© Friederike Klesper

Ingo Maurer + Team, Silver Cloud, 2019. Foto: Simon Koy

Porca Miseria! – Ein typischer Ingo Maurer. Denn wie so oft spielen Licht und Schatten die wesentlichen Rollen, genauso wie die Bewegung – in diesem Fall wirkt sie wie eingefroren. Der Name – ein ironisches Wortspiel, wie übrigens auch der Titel der Ausstellung. „Ingo Maurer intim. Design or what?“ Angelika Nollert: "Also intim natürlich in dem Sinn, dass die Ausstellung einen Einblick in sein Arbeiten gibt, aber man kann es auch als 'in Team' lesen, also weil Ingo Maurer sich immer als Team verstanden hat und sich als Ingo Maurer plus verstanden hat und Ingo Maurer hat sich nie klassifizieren lassen, wollte sich nicht einordnen lassen, hat ganz klar Bezüge zur Architektur/Innenarchitektur und zur Kunst, weil doch vieles ins Skulpturale und Installative geht und deshalb fragt er hier so: ist das hier Design or what, also mit einer Portion Selbstironie, die er ja auch immer hatte."

Berauscht im billigen Pensionszimmer

Die Ausstellung beginnt mit einer Leuchte, die 1966 auch den Start von Ingo Maurers Karriere als Lichtgestalter markiert. Die Rede ist von "Bulb", einer circa 30 Zentimeter großen Glühbirne aus mundgeblasenem Kristallglas und einem hochglanzverchromten Sockel, in deren Innerem sich eine herkömmliche Glühbirne befindet. Ein Statement und längst eine Designikone, die schon 1969 in die renommierte Sammlung des New Yorker MoMa aufgenommen wurde. Auf die Idee kam Maurer in Venedig, als er berauscht in einem billigen Pensionszimmer auf dem Bett lag – über ihm an der Zimmerdecke baumelnd eine 15-Watt-Glühbirne.

Von den frühen Entwürfen bis hin zu aktuellen Beispielen, versammelt die Schau mehr als 80 Arbeiten. Darunter auch Klassiker wie "Lucellino", eine geflügelte Glühbirne oder "Zettel’Z", eine Pendelleuchte im Mobile-Stil, mit frei hängenden Zetteln zur individuellen Gestaltung. Dass Ingo Maurer immer auch an den neuesten Techniken interessiert war, zeigt beispielsweise "Rose on The Wall" von 2005– eine Neu-Interpretation der Tapete mit leuchtenden Rosen – auf LED-Basis. Angelika Nollert: "Es ging Maurer nicht darum, eine Lampe zu gestalten, sondern es ging ihm darum, Licht zu gestalten und zwar so, dass es den Menschen gut geht, also Atmosphäre zu schaffen."

Intimer Einblick ins Werk

Dass Ingo Maurer ein außergewöhnliches Gespür für Licht hatte, kann man in der Ausstellung am eigenen Leib erfahren. Intim ist die Schau dennoch nicht. Keine Informationen darüber, wie Maurer mit seinem Team zusammen gearbeitet hat. Seine Skizzen – nur im Katalog. Die Geschichten hinter jedem Objekt – leider werden sie in der Ausstellung nicht erzählt. Schade, denn so hat man das Gefühl, in seinem Münchner Showroom einen intimeren Einblick in sein Werk zu bekommen.

Ausstellung "Ingo Maurer intim. Design or what?" Pinakothek der Moderne, München, 15. November 2019 bis 18. Oktober 2020.

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