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Benjamin Ferencz, Chefankläger der Nürnberger Prozesse, wird 100 | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: dpa/picture alliance

Der Chefankläger der Nürnberger Prozesse Benjamin Ferencz in seinem Arbeitszimmer während der Nürnberger Prozesse

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Benjamin Ferencz, Chefankläger der Nürnberger Prozesse, wird 100

Man nannte ihn "Mr. Nuernberg": Als junger Jurist sorgte der New Yorker Ben Ferencz dafür, dass sich SS-Offiziere wegen hunderttausendfachen Mordes vor Gericht verantworten mussten. Eine neue Biografie porträtiert diesen "Jahrhundertzeugen".

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Es waren deutsche Soldaten der SS-Einsatzgruppe C, die im Oktober 1941 33.771 Jüdinnen und Juden aus Kiew in der Schlucht von Babij Jar eiskalt massakrierten. Dass die Befehlshaber sich später für diese Taten vor den Menschen verantworten mussten, ist das große Verdienst von Benjamin Ferencz. Ein junger Jurist aus New York, Sohn jüdischer Einwanderer aus Siebenbürgen, der Beweise für Kriegsverbrechen sammelte: Zeugenaussagen, die Mordprotokolle der Einsatzgruppen. In offiziellem Auftrag, ja, und doch hatte er sein Motto auf seinen Jeep gepinselt: "Immer allein".

Unverbesserlicher Glaube an die Justiz

Der bei Kriegsende gerade 25-jährige Ferencz ist ein Vorkämpfer, seiner Zeit weit voraus, hier und später im Leben auch. Und er glaubt an das Recht: Strafe für die Täter, Gerechtigkeit für die Opfer. Sein Biograf Philipp Gut schreibt darüber in seinem gerade erschienenen Buch "Jahrhundertzeuge Ben Ferencz": "Auf seinem Weg ins nächste KZ begegnete Ben einem Soldaten [...] der Roten Armee. Als Ben ihm sagte, er sei Ermittler für Kriegsverbrechen und sammle Beweise für die Taten der SS, sagte der Russe: 'Weißt du denn nicht, was sie taten?' Natürlich wisse er das, entgegnete Ben. 'Warum fragst du sie dann noch? Erschieße sie einfach!', meinte der Rotarmist."

Ben Ferencz aber glaubt an die Justiz, auch wenn die vielen laufengelassenen Nazi-Verbrecher dieses Vertrauen später erschüttern. Er legt seine Beweise vor. Und wird in Nürnberg zum Chefankläger – die Vereinigten Staaten von Amerika gegen die Mörder von mehr als einer Million Menschen. 24 SS-Offiziere aus den sogenannten Einsatzgruppen bringt Ferencz vor Gericht, letztlich vier an den Galgen. Männer wie den Architekten Paul Blobel aus Remscheid, der in der Schlucht die Befehle gab. Als Blobel hingerichtet wird, ist Ferencz gerade 31. Er bleibt mit Frau und Kindern in Deutschland und setzt sich nun dafür ein, dass die Industrie ihre Zwangsarbeiter entschädigt. Als die Bundesrepublik und der junge Staat Israel 1952 ein "Wiedergutmachungs"-Abkommen schließen, sitzt er mit am Tisch. Und weil Adenauers Füller versagt, reicht Ferencz ihm seinen.

Nie mehr Krieg, nie mehr Völkermord!

Bei all dem verzweifelt er nicht. Nicht daran, dass er in zehn Jahren keinen einzigen Deutschen trifft, der sagt, ihm tue leid, was geschehen ist. Und nicht daran, dass er, wie er seinem Schweizer Biografen erzählt, so viel Schreckliches beobachtet hat wie kein Zweiter in diesem blutigen Jahrhundert. Ferencz sei, sagt Philipp Gut, ein humorvoller Mensch, der gern in Anekdoten, in Witzen erzählt, aber es habe in den tagelangen Gesprächen mit ihm immer wieder Momente gegeben, in denen er nicht mehr weitersprechen konnte: "Dann musste er die Brille abnehmen und sich das Augenwasser abwischen. Ich habe ihn darauf angesprochen: Wie geht man mit so etwas um? Er ist eben nicht schwermütig geworden, im Gegenteil. Er hat gesagt: Meine Therapie ist eigentlich, dass ich täglich gegen dieses Unrecht ankämpfe und dafür eintrete, dass sich so etwas nicht wiederholt."

Philipp Gut porträtiert Benjamin Ferencz als Mann von Geist und Entschlossenheit, der nach der Zeit in Deutschland sein Leben in den Dienst des Weltfriedens und der Gerechtigkeit stellt. Ferencz setzt sich für einen Internationalen Strafgerichtshof ein wie niemand sonst, bei der UNO nennen sie ihn in diesen Jahren scherzhaft, aber voller Respekt "NGI" – "non-governmental individual". 1998 endlich kommt die Weltgemeinschaft dahin, wo ihr Vorkämpfer längst ist: Sie gründet einen Strafgerichtshof, 50 Jahre nach den Prozessen von Nürnberg. Andere 78-Jährige hätten sich in diesem Moment wohl zufriedengegeben, Ferencz aber führt weiter den Auftrag aus, den ihm die Geschichte gegeben hat: Nie mehr Krieg, nie mehr Völkermord.

Zeitgenosse bis auf den heutigen Tag

Beeindruckt hat den Autor Gut auch, mit welcher Konsequenz und mit welcher ungebrochenen Energie Ferencz bis heute seine Ziele verfolge. Obwohl er 100 wird, führe er noch täglich Interviews, nehme Anrufe entgegen und schreibe Mails. Den Computer beherrsche er wie ein 20-Jähriger, so der Biograf. Was Ferencz über die aktuelle Weltlage denkt, erfahren wir in seinem Buch kaum, Privates und Familiäres wird erwähnt, aber eher am Rande. Der Journalist und Historiker Philipp Gut hat sich im Angesicht dieses Jahrhundertlebens für eine Konzentration auf das Wesentliche entschieden – die Geschichte, die Ferencz selbst der Welt zu erzählen hat, auf dass sie zuhören möge.

"Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit“ von Philipp Gut ist bei Piper erschienen.

© Piper Verlag

"Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit“ von Philipp Gut

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