BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Daniel Bockwoldt/Picture Alliance

Bis zum Sommer wollen Bund und die betroffenen Länder entscheiden, wann und welche Kunstwerke an Nigeria zurückgegeben werden. Dazu sollen die Verhandlungen "intensiviert" werden, außerdem wird "größtmögliche Transparenz" versprochen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Benin-Bronzen: Politik plant ab 2022 "substantielle Rückgaben"

Bis zum Sommer wollen Bund und die betroffenen Länder entscheiden, wann und welche Kunstwerke an Nigeria zurückgegeben werden. Dazu sollen die Verhandlungen "intensiviert" werden, außerdem wird "größtmögliche Transparenz" versprochen.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Der Druck wächst: Jahrzehntelang spielten deutsche Museen "auf Zeit" und ließen die Debatte über die Rückgabe von Kunstobjekten, die einst aus Afrika geraubt wurden, ins Leere laufen. Im Fall der Benin-Bronzen, wertvollen Metalltafeln und Skulpturen aus dem einstigen gleichnamigen Königreich im heutigen Nigeria, hieß es offiziell, die Objekte seien auf dem Kunstmarkt in London um 1900 nach damaligem Recht völlig legal erworben worden. Das traf rein juristisch zu, denn den Raubzug hatten britische Soldaten zu verantworten, die 1897 bei einem "Rachefeldzug" Benin-City überrannt und tausende von Kunstgegenständen entwendet hatten. Die kostbaren Bronzen wurden dann über Londons Kunsthandel zu Geld gemacht.

Deutschland will Museums-Aufbau in Benin-City unterstützen

Bei einem virtuellen Treffen der verantwortlichen Politiker, darunter Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters und den zuständigen Landesministern von Baden-Württemberg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, wo die betroffenen Museen angesiedelt sind, wurde nun ein "Positionspapier" beschlossen. Ergebnis: Alle Beteiligten wollen "bis zum Sommer dieses Jahres konkrete Handlungsschritte und einen Fahrplan für die Frage der Rückführung von Benin-Bronzen" entwickeln und 2022 erste Objekte zurückgeben. Außerdem will Deutschland den Aufbau des "Edo Museum of West African Art" (EMOWAA) in Benin-City aktiv unterstützen: "Hierzu zählen unter anderem die Ausbildung zukünftiger Kuratorinnen und Kuratoren, Museumsmanagerinnen und Museumsmanager sowie der Aufbau kultureller Infrastrukturen."

© Picture Alliance
Bildrechte: Picture Alliance

Sklavenhandel: Historische Benin-Bronze

Allerdings will die Politik auch ausloten, welche Objekte dauerhaft in Deutschland bleiben können: "Neben Rückgaben an und Kooperationsprojekten in Nigeria soll mit den nigerianischen Partnern auch erörtert werden, ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig ebenfalls in Deutschland gezeigt werden können."

"Verständigung und Versöhnung" angestrebt

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht sich in ihren Zielen bestätigt: "Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung, Deutschlands koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten. Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist dafür ein Prüfstein. Die heute verabschiedete Erklärung ist eine historische Wegmarke im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit." Sie sei "froh und dankbar", dass sich die Beteiligten auf das "gemeinsame Ziel verständigen konnten, eine abgestimmte Haltung in Deutschland zu entwickeln und zu einer gemeinsamen Verständigung mit der nigerianischen Seite zu gelangen". Dabei würden neben "größtmöglicher Transparenz" vor allem "substantielle Rückgaben" angestrebt: "So möchten wir zur Verständigung und zur Versöhnung mit den Nachkommen der Menschen beitragen, die in der Zeit des Kolonialismus ihrer kulturellen Schätze beraubt wurden. Wir planen erste Rückgaben im Verlauf des Jahres 2022."

Bis Mitte Juni soll "kurzfristig eine Aufstellung aller im Besitz der Museen befindlichen Benin-Bronzen" im Netz (www.cp3c.de) veröffentlicht werden. Von deutscher Seite sollen die Gespräche der Bundesregierung auf der Seite der Museen und ihrer Träger durch die Direktorin des Museums am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK) Hamburg, Prof. Barbara Plankensteiner, und den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) Prof. Hermann Parzinger, koordiniert werden.

"Zugestanden wir nur, was man nicht verweigern kann"

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) begrüßte die Einigung: "Dass es jetzt gelungen ist, mit den Museen und ihren Trägern einen Fahrplan für Restitutionen von Objekten zu vereinbaren, ist ein Wendepunkt in unserem Umgang mit der Kolonialgeschichte. Und wir werden gemeinsam mit den nigerianischen Partnern Lösungen finden."

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer hat gegenüber der Nachrichtenagentur dpa die jüngste Einigung zu Rückgaben von Benin-Bronzen als enttäuschend kritisiert: "So erfreulich das einmütige Bekenntnis zur substanziellen Restitution ist, so enttäuschend ist das Ergebnis des Benin-Gipfels insgesamt." Es werde lediglich verkündet, "was in den letzten Jahren immer wieder verkündet, aber nicht mit Leben gefüllt wurde". Statt "bedingungsloser Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst" sei nur vage von einem "substantiellen Teil» die Rede. Wie dieser bestimmt werde und wer ihn bestimme, werde nicht gesagt, kritisierte Zimmerer: "Zugestanden wird nur, was man nicht mehr verweigern kann, zumindest bei einer Mehrheit der Verantwortlichen."

© Daniel Bockwoldt/Picture Alliance
Bildrechte: Daniel Bockwoldt/Picture Alliance

Prächtig wie aus der Renaissance: Büste aus Benin-City

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) knüpfte Bedingungen an weitere Ausstellungen der als Raubgut geltenden Benin-Bronzen in Deutschland: "Eine Präsentation von Benin-Bronzen etwa im Humboldt Forum kann ich mir nur vorstellen, wenn zuvor die umfassende rechtliche Restitution der Bronzen erfolgt ist. Für Leihgaben, die es ermöglichen könnten, diese Meisterwerke auch in Berlin erleben zu können, müssten wir außerordentlich dankbar sein."

Kritikerin: Museen setzten auf "retardierende Maßnahmen"

Im NDR "Kulturjournal" hatte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erst in dieser Woche ihre Kritik wiederholt, die betroffenen Museen hätten auf Verzögerungstaktik gesetzt, indem sie zum Beispiel die Kulturministerkonferenz eingeschaltet hätten, die für ihre Langsamkeit bekannt sei: "Eine Methode war zum Beispiel, zu sagen, wenn wir etwas zurückgeben müssen, betrifft das die gesamte Bundesrepublik, deshalb müssen wir die höheren Instanzen anrufen. Das nennen sie untereinander eine 'retardierende Maßnahme', Zeit gewinnen."

Savoy, die gerade mit ihrem Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst: Geschichte einer postkolonialen Niederlage" für Furore sorgt, warf den westlichen Museumsverantwortlichen außerdem Arroganz gegenüber den Herkunftsländern der Kunstobjekte vor: "Sie sagten, die Leute in diesen Ländern haben ja keine Ahnung von ihrer eigenen Kultur, sie können das gar nicht, sie haben keine Wertschätzung dafür, sie benutzen das nur, und wir haben es für die Menschheit gerettet, damit die Menschheit weiß, wie eine Benin-Bronze ausgesehen hat."

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, hatte diese Vorwürfe im Gespräch mit dem BR im Großen und Ganzen bestätigt, was frühere Museumschefs betrifft: "Natürlich war vor vierzig Jahren die Haltung eine andere von deutschen und europäischen Museumsverantwortlichen. Das war für die ein Thema, da wollte man nicht ran, das hat man abgeblockt, für die war das klar. Auch mit Argumenten, die man heute keinesfalls mehr teilen würde, nach dem Motto, das würde dem neuen Nationalismus in den jungen, afrikanischen Staaten in die Hände spielen, sie könnten sich um die Objekte ja gar nicht kümmern, solche Argumente würde man heute keinesfalls mehr vorbringen."

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen ... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!