BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Benediktiner und Rockstar: Notker Wolf wird 80 Jahre alt | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance/rtn – radio tele nord

Abt Notker Wolf kennt das Elend afrikanischer Slums, hat mit nordkoreanischen Kommunisten verhandelt, neben iranischen Geistlichen gebetet und vier Päpsten die Hand geschüttelt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Benediktiner und Rockstar: Notker Wolf wird 80 Jahre alt

Als "rockender Abt" mit E-Gitarre machte sich Notker Wolf einen Namen. Der Benediktiner aus St. Ottilien steht für das, was die Kirche heute braucht: eine gesunde Mischung aus Spiritualität und Tradition, Weltoffenheit und Moderne.

Per Mail sharen
Von
  • Corinna Mühlstedt

"Lumen Caecis – Licht für die Blinden" ist das Motto der Erzabtei Sankt Ottilien, südwestlich von München, seit dem 19. Jahrhundert die Heimat der Missionsbenediktiner, von denen heute rund 80 hier leben. Unter ihnen Notker Wolf, 23 Jahre lang Erzabt des Klosters und danach, von 2000 bis 2016, der ranghöchste Repräsentant des internationalen Benediktinerordens in Rom.

"Licht für die Blinden - das Licht sind nicht wir, das ist Jesus Christus. Wir sollten seine Zeugen sein, sein Licht aufleuchten lassen. Aber unsere menschlichen Schwachheiten verdunkeln sehr viel." Notker Wolf

Heute lebt Notker Wolf wieder in seinem Heimatkloster und ist nach wie vor ein gefragter Autor und Redner. Als er sich 1961 dem Orden anschloss, brannte er für die Kirche und ihre Sendung, wie er erzählt: "Wir haben damals gemeint, übermorgen könnten wir die ganze Welt katholisch machen. Das sieht natürlich heute anders aus." Dennoch sieht Wolf weiterhin eine Notwendigkeit in der Gründung neuer Klöster als geistliche Zentren und als Zentren der Kultur.

"Wir meinten, wir könnten die ganze Welt katholisch machen!"

Soziale und caritative Dienste wie benediktinische Schulen oder Krankenhäuser seien zwar wichtig, aber nicht genug. Die spirituelle Krise, auf die Papst Franziskus heute oft hinweist, mache das deutlich - in Europa und weltweit. Traditionelle, christliche Denkmuster werden heute zunehmend hinterfragt. Die Aufklärung, die Technik und alternative spirituelle Angebote haben manchen kirchlichen Lehren und Ritualen Schritt für Schritt ihre Faszination genommen.

Das Zweite Vatikanische Konzil in den 1960er Jahren habe zwar eine bedeutsame Öffnung der Kirche bewirkt, erinnert sich Notker Wolf. Aus heutiger Sicht sei aber nur der erste Schritt gemacht worden. "In den Ortskirchen ist der Glaube aufgeblüht, die Kirche ist zu einer echten Weltkirche geworden. Aber, was wirklich Religionsfreiheit bedeutet, der Umgang mit anderen Religionen, oder innerkirchlich die Kollegialität der Bischöfe, das ist halbwegs auf der Strecke geblieben."

Dialog der Religionen

Während der Amtszeit von Notker Wolf als Erzabt - so hört man in Sankt Ottilien oft – habe in dem bayerischen Kloster die Menschlichkeit Einzug gehalten. Zugleich erfolgte eine beispiellose Öffnung der Missionsbenediktiner für den interreligiösen Dialog. Buddhistische Mönche aus Asien waren zu Gast in der Abtei. Und in jüngster Zeit haben die Benediktiner den Dialog mit muslimischen Mystikern vertieft.

Angesichts der Gefahr des Extremismus seien Gespräche zwischen seriösen Religionsvertretern der beste Weg, um Angst, Hass oder Vorurteile zu überwinden, betont Notker Wolf. "Ich erlebe ihre Hingabe an Gott, ihre tiefe Ehrfurcht. Das Problem ist natürlich, dass der Islam auch politisch ist." Man müsse zwischen den spirituellen Formen einer Religion und ihren politischen oder extremistischen Auswüchsen unterscheiden, meint Abt Notker. Auch das Christentum sei im Lauf der Geschichte oft genug auf Abwege geraten und musste sich neu am Ursprung ausrichten.

Stärkung der Frauen in der Kirche

Als Abtprimas, dem höchsten Repräsentanten der internationalen Konföderation der Benediktiner galt seine Sorge mehr als 20.000 Ordensleuten in aller Welt. Rund zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Den Benediktinerinnen den Rücken zu stärken, sei ihm stets besonders wichtig gewesen, erklärt Abt Notker. "Es ist uns gelungen, die Frauen unter einem eigenen Dach zusammen zu führen, das geistliche Band der Benediktinerinnen, in dem die Frauenklöster verbunden sind, mit einer eigens gewählten Koordinatorin an der Spitze."

Viele Benediktinerinnen engagieren sich heute weit über ihren Orden hinaus für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche. "Es gibt so viele Möglichkeiten", sagt Notker Wolf. "Man müsste die Gemeindeleitung von der Ordination, der Weihe, trennen. Das sind Dinge, die in der Geschichte gewachsen sind, aber über die wir wieder hinaus wachsen müssen."

Doch konkrete Reformen seitens des Vatikans lassen auf sich warten. Papst Franziskus sei entschlossen, den Einfluss von Frauen in der Kirche auszubauen, versichert Notker Wolf. Doch er werde von reformfeindlichen Kräften in den eigenen Reihen ausgebremst. Das gelte für viele Themen, so auch für eine mögliche Lockerung des Pflichtzölibats der Priester, sagt Wolf: "Er hat es alles andere als einfach bei dieser harten Opposition, man muss schon sagen: fast unmenschlichen Opposition. Und das im Alter noch durchzutragen, dazu braucht man einen Dickschädel."

Notker Wolf, der "rockende Abt"

"Rock the border – make up your mind! Durchbrich die Grenzen, öffne Dein Herz!" Das fordert die Rockband "Feedback", mit der Notker Wolf über viele Jahre aufgetreten ist. Bilder des "rockenden Abtes" mit E-Gitarre gingen um die Welt. Die Rock-Musik sei für ihn nicht zuletzt ein Ventil, um der Frustration über kirchliche oder gesellschaftliche Blockaden Luft zu machen, sagt Abt Notker. Sie sei als "Kritik am Establishment" entstanden, richte sich gegen falsche Machtansprüche und rufe den Menschen zu Freiheit in Verantwortung.

"Ein Song meiner Band Feedback lautete "My best friend": Jesus oder Gott als Freund zu erfahren, das muss das Entscheidende sein. Das gibt Freiheit, und vor allen Dingen Freiheit von aller Angst." Notker Wolf