Bei einem Treffen im Kreml am 2. August 2022

Putin am Schreibtisch: Ist er irrational?

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    "Beispiele böser Absichten": So absurd sind Gerüchte in Russland

    "Beispiele böser Absichten": So absurd sind Gerüchte in Russland

    In Russland gehen die wildesten Fabeln um, offenbar teils staatlich gesteuert. Forscher Ilja Jablokow behauptet, dass der russische Präsident seiner eigenen, völlig irrationalen Gedankenwelt erlegen ist: "Unglücklicherweise tötet das Menschen."

    Inzwischen sind die in Russland umlaufenden Gerüchte ein Fall für Volkskundlerin Alexandra Archipowa, die sich auf moderne "urbane Legenden" spezialisiert hat, also das meist völlig haltlose Hörensagen, das sich im Netz ausbreitet und mit dem manche Menschen nach Angaben der Forscherin versuchen, ihre Ängste in den Griff zu bekommen.

    In einem Interview mit dem Portal "Istories" verweist Archipowa, die im Dezember 2019 ein Buch über populäre Gerüchte in der Sowjetunion veröffentlicht hat, auf die derzeit aktuellsten Netz-Fabeln: Demnach sollen in Roggenbrot und Gurken Nadeln gefunden worden seien und die Ukraine habe gefangene russische Soldaten wahlweise "verbrannt", "gekreuzigt" oder "kastriert": '"Ich habe ungefähr ein Dutzend Geschichten gesammelt, von denen einige von den staatsfreundlichen Medien verbreitet werden", so Archipowa.

    "Völlig unverständlich, gegen wen wir kämpfen"

    Jedes dieser Gerüchte werde als "Argument" für die Weiterführung des Kriegs benutzt, der ansonsten überhaupt keinen Sinn mache: "Denn es ist völlig unverständlich, gegen wen wir kämpfen und wofür." Zunächst habe der Kreml Probleme gehabt, seine Verschwörungstheorien populär zu machen. Die frei erfundene Behauptung, wonach die Amerikaner in der Ukraine "Biowaffenlabore" betrieben hätten, sei für Durchschnittsrussen "zu abstrakt" gewesen.

    Daher würden jetzt Fabeln in Umlauf gesetzt, mit denen einfache Menschen mehr anfangen könnten: So sei zu lesen gewesen, die Ukrainer würden das Grundwasser mit Cholera-Erregern verseuchen, Kirschen mit Pflanzenschutzmitteln vergiften oder riesige Brennspiegel aufstellen, um Getreidefelder in Brand zu setzen. Auch gegen Flüchtlinge aus der Ukraine wird Stimmung gemacht: Es habe Fälle gegeben, so eine Wanderlegende, wonach diese sämtliche Gasbrenner in ihrer Wohnung eingeschaltet hätten, um Häuser zur Explosion zu bringen.

    Igor Kirillow, der Leiter der russischen ABC-Abwehrtruppen, verstieg sich jüngst zur völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung, ukrainische Soldaten seien durch Drogen "übermäßig aggressiv" und "extrem grausam". Er verwies dabei auf angebliche Funde von Beruhigungs- und Aufputschmitteln in ukrainischen Stellungen, ohne natürlich konkret zu werden. Einziger Zweck solcher Propaganda-Märchen: Das Feindbild aufrecht erhalten.

    "Welt ist beängstigend und schwarzweiß"

    "Jede dieser Geschichten ist primitiver und dümmer als die vorherige, und sie sind alle völlig neu", so Archipowa, die das Phänomen damit erklärt, dass manche Russen verzweifelt nach Gründen suchen, warum sich ihr Land im Krieg befindet: "Sie beschreiben die ständigen bösen Absichten der Feinde, die uns immer wieder angreifen werden. Und wenn Geschichtenerzähler solche Fabeln verbreiten, stellen sie den Glauben an sich selbst und des Publikums an eine gerechte Welt wieder her. Gleichzeitig ist die neue gerechte Welt beängstigend und schwarzweiß. Es gibt uns und es gibt unsere Feinde. Wir haben nicht angegriffen, wir verteidigen uns gegen sie, und das hier sind die Beispiele ihrer bösen Absichten."

    Ihre Recherchen hätten ergeben, so Archipowa, dass die meisten Verschwörungstheorien direkt im Frontbereich entstehen und sich von dort ausbreiten. Hauptsächlich würden die Gerüchte von älteren Frauen gestreut: "In Russland herrscht traditionell geringes Vertrauen in die verschiedenen Machtinstitutionen: die Justiz, die Polizei und andere. Die Folge ist, dass Menschen (insbesondere Eltern), die eine Gefahr für ihre Kinder empfinden, nicht in Scharen zur Polizei rennen, sondern Netzwerke horizontaler Kontrolle bilden und sich gegenseitig vor der drohenden Gefahr warnen."

    Übrigens waren in der Sowjetunion laut der Volkskundlerin ähnliche Gerüchte populär, jedoch mit anderen Inhalten: Jeans aus dem Westen seien von Läusen befallen, afrikanische Emigranten würden Larven unter der Haut einschleppen, chinesische Wandteppiche würden nachts heimlich Mao-Porträts aufleuchten lassen, im Kaugummi seien Glasscherben und in Neubauten Hakenkreuze versteckt. Und unter Stalin wollten manche Genossen auf Streichholzschachteln das geheim angebrachte Antlitz des offiziell gebrandmarkten Trotzki entdeckt haben.

    "Putin glaubt an Komplott des Westens"

    Unterdessen ist der Experte Ilja Jablokow, der an der Uni im britischen Sheffield lehrt und sich auf die Erforschung von Verschwörungstheorien spezialisiert hat, im Interview mit dem Portal "Holod" der Ansicht, dass Präsident Putin die irrationalen Propaganda-Legenden selbst glaubt: "Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt, dass er wie normale Leute diese Verschwörungstheorien zwar am Küchentisch mit Freunden diskutiert, aber nicht als Werkzeug benutzt, um die politische Tagesordnung im Land und in der Welt umzustürzen." Für diese Sichtweise habe es damals "ein Dutzend Argumente" gegeben. Inzwischen sei er sicher, so Jablokow, dass Putin vom Kampf gegen das angebliche "internationale westliche Komplott gegen Russland" getrieben sei.

    "Wann können sie sagen, dass sie gesiegt haben?"

    Allerdings beschere das dem Kreml ein schier unlösbares Problem: "Wann können sie sagen, dass sie gesiegt haben? Wenn es in der Ukraine keine Schwulenparaden mehr gibt?" Putin sei einem "Phantasma" erlegen, und seine Handlungen seien "irrational". Begriffe wie "Nationalismus" und "Nazismus" würden völlig missverständlich und rein propagandistisch verwendet: "In ihren radikalen Äußerungen sind Verschwörungstheorien intolerant. Jeder Verschwörungstheoretiker hört auf, die Welt rational zu begreifen und fängt an, gegen die Vernunft zu handeln, was viel Schaden anrichtet. Was wir heute sehen, ist eine Politik, die auf Verschwörungsdenken in seiner reinsten Form beruht. Unglücklicher Weise tötet diese Politik Menschen in beiden Ländern."

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