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Beim Streaming kommt's auf Qualität an – und die hat ihren Preis | BR24

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Beim Streaming kommt's auf Qualität an – und die hat ihren Preis, Gespräch mit Holger Noltze, Professor für Musik und Medien.

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Beim Streaming kommt's auf Qualität an – und die hat ihren Preis

Bescheidene Tonqualität, starre Kamera-Haltung, schlechte Bildqualität: Das Streamen hält in Corona-Zeiten Künstler*innen präsent, aber in Puncto Qualität ist noch viel Luft nach oben. Ein Gespräch mit Holger Noltze, Professor für Musik und Medien.

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Ich streame, also bin ich. Ganz wörtlich, denn viele Kulturschaffende wären in der Corona-Zeit tatsächlich unsichtbar, als Künstler nicht mehr existent ohne die gestreamte Lesung, die Kabarettkolumne, das Hauskonzert. Zwiespältige Gefühle kann man dennoch entwickeln: Wie spannend ist das in der Wiederholung und wenn die Konzentration des Live-Erlebnisses fehlt. Aber Corona hat nur einen Trend verstärkt, der schon zuvor angelegt war: Kultur im Netz und digitales Streaming gibt es ja schon länger. Nur: Wie qualitativ ist es, und werden alle Möglichkeiten bereits ausgeschöpft? Das hat der Musikjournalist und Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, Holger Noltze, untersucht in seinem neuen Buch: World Wide Wunderkammer. Barbara Knopf hat mit ihm für die Kulturwelt gesprochen.

Barbara Knopf: Als tendenziös analoger Mensch muss ich sagen: Schon der Klang des Begriffs Wunderkammer, der aus dem World Wide Web eine weltweite digitale Wunderkammer macht, wirkt auf mich irgendwie versöhnlich und beruhigend. Welche Visionen haben Sie damit entwickelt?

Holger Noltze: Nicht nur Sie, auch ich hänge noch ein bisschen am Analogen. Aber ich glaube, das ist eine fatale Entwicklung, wegen dieses Fremdelns mit dem Digitalen und mit dem Internet dieses Medium außer Acht zu lassen. Wir sollten es für unsere Interessen nutzen: für ästhetische Erfahrung, für Kunst, Musik, Oper, Theater und Literatur. Ich glaube, da ist sehr viel mehr möglich, als bislang genutzt worden ist. Die Krise, die wir jetzt gerade haben, ist eigentlich ein Weckruf, mehr zu wagen und mehr zu probieren.

In der Coronazeit sieht man sehr viel Improvisiertes als Streaming. Also zum Beispiel den Starpianisten Igor Levit, der in Hausschuhen im Wohnzimmer mit schlechter Aufnahmequalität spielt, hoch sympathisch, sehr solidarisch – aber ästhetisch ein bisschen ungenügend. Noch kein Modell für eine digitale Wunderkammer?

Nein, da sind wir im Vorhof, in der Vorkammer! Aber es zu machen, es zu probieren, das finde ich erst mal gut. Wie Sie sagen: Es ist sehr sympathisch. Und der Reiz, im Wohnzimmer eines großen Künstlers dabei zu sein, wenn gerade was Tolles gemacht wird, ist auch interessant, aber er verliert sich. Angesichts der Prognose, dass nicht übermorgen alles anders sein wird – selbst, wenn es ein Danach gibt, wird es danach anders sein als jedes Davor – sollten wir schauen: Wo ist Qualität, und wo können wir neue Qualität entwickeln? Einerseits auf der technischen Ebene: Wir wollen natürlich scharfe Bilder, wir wollen gute Kameraführung, wir wollen einen ordentlichen Ton. Aber was mir auch als Journalist am Herzen liegt: Auch in einer vernünftigen Kuratierung. Ich mache ja auch bei einer Online-Plattform mit, die heißt takt1, und wir versuchen die Menschen nicht nur teilhaben zu lassen an einem Konzert, sondern immer auch ein Programm dazu zu geben. Worum geht es in den Stücken? Was muss man wissen, um einen guten Zugang zu haben? Nicht didaktisch, sondern einfach als freundliche Begleitung. Ich glaube, auf dem Sektor ist noch ganz viel möglich – sofern es möglich ist, einen Markt zu gründen. Damit nicht weiterhin alles kostenlos ins Netz gestellt wird und man das Gefühl hat, immer wenn es um Kultur geht, dann darf es schon mal gar nichts kosten. Das ist fatal, denn Qualität wird ihren Preis haben.

Ich glaube, dieses "Einfach-ins-Netz-Stellen" ist auch ein Problem, wenn ich Ihr Buch richtig verstanden habe. Man kann nicht einfach die analogen Wahrnehmungen ins Digitale übertragen, oder?

Ja. Ich glaube bei der Verlinkung, also Inhalte miteinander zu verbinden – hier hast du eine Information, die führt dich weiter –, ist noch sehr viel möglich. Oder bei einem Live-Konzert auch mal in das Gesicht eines Dirigenten zu gucken, ihn also nicht nur von hinten zu sehen wie im analogen Konzertraum. Wenn ich Andris Nelsons sehe, wie er sich fast kindlich freut, wie das Orchester Beethoven spielt, dann ist das für mich ein zusätzlicher Reiz. Und das andere, noch stärkere Element ist, live dabei sein zu können. Nicht im Raum, aber an einem anderen Ort. Ich bin dabei, ich sehe und erfahre, wie Kunst gemacht wird, ob das gelingt oder ob es vielleicht doch nicht gelingt. Also nicht diese aseptischen, fehlerfreien Dinge, wo man sowieso weiß, der Beethoven, der Mozart, der wird schon gut ausgehen, da passiert nichts. Sondern wirklich ein bisschen von der Spannung mitzukriegen, die in einem Live-Konzert da ist, und die man auch durch nichts Anderes ersetzen kann.

Aber ein bisschen ist das schon der Kampf zwischen den alten Akteuren und den neuen Produzenten?

Ja, könnte man so sehen. Aber ich bin ja für ein produktives Miteinander. Man könnte voneinander lernen. Ein Teil der Fatalität liegt ja darin, dass die, die sich für die Inhalte interessieren, mit dem Medium oder der Technik hadern. Und umgekehrt, dass die anderen, die smarte Anwender interessanter Programme und toller digitaler Möglichkeiten sind, so wenig Ahnung haben von dem, worum es in der Kunst überhaupt geht und was uns da bewegt. Ich glaube, man braucht eine Art von Übersetzungshilfe in beide Richtungen, dann kann etwas Schönes entstehen. Ich bilde ja Musikjournalisten an der TU Dortmund aus und mache diese Plattform takt1. Schon in der Ausbildung sollte man darauf achten, dass Leute beides machen: dass sie wissen, wovon sie reden, aber auch wissen, wie man mit Technik umgeht. Und dass das keine Feindschaft ist! Auch bei einem analogen Theater ist so viel Technik drin und so viel Handwerk, was man beherrschen muss, das kann man lernen! Insofern bin ich notorisch optimistisch.

Am Anfang Ihres Buches steht ein Aufruf zu Bescheidenheit und Demut. Sie sagen, eigentlich verstehen wir vom Internet und seinen qualitativen Möglichkeiten noch gar nicht so viel. Aber Sie wollen raus aus dieser Abwehrhaltung, die sich bei vielen Kulturschaffenden ergibt, genauso wie aus einer Unterkomplexität, die auch schnell da ist! Man braucht schon mehr Mut, oder?

Man braucht entschieden mehr Mut und man wird diesen Mut fassen. Vielleicht hilft uns diese Krise gerade ein bisschen, nicht nur in einer Angststarre irgendwie vor der digitalen Revolution zu verharren, sondern zu gucken: Was taugt? Was bringt uns weiter, was bringt uns näher an die Kunst heran? Und ich glaube schon, dass sich im Augenblick der Markt dafür verändern wird, die Offenheit der Rezipienten ändern wird. Wenn man gute Erfahrungen gemacht hat, auch vor der Kamera, hinter der Kamera oder am Ende der digitalen Strecke, zu Hause, dann wird man da weitergehen wollen! Wenn wir denen das Feld überlassen, die uns in diesem Netz nur Hass, Pornografie oder Katzenbabybilder ständig vorhalten, dann wird sich da nichts entwickeln. Aber die Entwicklungsdynamik dieses Mediums und der Digitalisierung ist doch so enorm. Ich glaube, dass völlig richtig ist, was ein amerikanischer Entwickler gesagt hat: Wir haben das Beste noch gar nicht gesehen.

Wenn man nochmal auf den Begriff der Wunderkammer zurückkommt: Im Barock hat er für viel Staunen und Neugierde gesorgt. Übertragen aufs Digitale müsste man jetzt noch irgendwie aus diesem Zustand der Erschöpfung oder der Sucht herauskommen?

Das Bild der Wunderkammer hat mir deshalb so gut gefallen, weil es ein bisschen antiquarisch ist. Also eine Provokation. Auf der anderen Seite ist das Tolle an der Wunderkammer, dass sie die Überfülle der Welt begrenzt. Dass sie mir eben eine Kammer gibt, Wände, Vitrinenschränke. Eben das, was ich übersetzen würde als Kuratierung: Also nicht sture Klassifizierung und Schubladisierung von Inhalten. Schön wäre, wenn die Haltung stimuliert wird, mit freundlicher Neugierde und ohne Angst auf die Diversität der Welt und die Möglichkeiten der Kunst zuzugehen. Das können wir noch ein bisschen besser lernen: Diese Haltung freundlicher Einlassungen, aber auch die Begabung zum Findeglück – das, was man im Englischen "serendipity" nennt. Ich hab's so oft erlebt, dass ich eigentlich nur sagen kann: Man darf auf dieses Glück auch ein bisschen hoffen. Es gibt so viel zu entdecken!

"World Wide Wunderkammer“ von Holger Noltze ist in der Edition Körber erschienen.

© Edition Körber/ Montage BR

Cover: “World Wide Wunderkammer“ von Holger Noltze

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