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Becoming Black: Was Migranten aus Afrika in den USA erleben | BR24

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Schwarze Einwander*innen in den USA erleben plötzlich, was die nigerianische Bestseller-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie als "Becoming Black" beschreibt: Leben in der weißen Mehrheitsgesellschaft.

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Becoming Black: Was Migranten aus Afrika in den USA erleben

In den USA gehören Einwanderer*innen aus afrikanischen Ländern zu den Spitzenkräften. Die Mehrheit von ihnen ist Schwarz. Im afrikanischen Heimatland kein Thema – in den USA leider schon.

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Was für Schwarze Amerikaner*innen seit der Kindheit zum Alltag gehört, erleben die Afrikaner*innen bei der Ankunft oftmals knüppelhart: das Leben in der weißen Mehrheitsgesellschaft. Vor allem Menschen aus der Subsahara kommen in die Staaten zum Studieren, arbeiten als Ärzt*innen und Ingenieur*innen. In den USA angekommen, passiert plötzlich das, was die nigerianische Bestseller-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie als "Becoming Black" beschreibt.

"Wir lernen schnell, dass es systemischen Rassismus gibt"

"Wo ich herkomme, haben alle die gleiche Hautfarbe: Schwarz. Ich habe mich nie eingeschüchtert gefühlt von Weißen. Wenn man in die USA kommt, ist es eine andere Welt. Wir lernen schnell, dass es einen systemischen Rassismus gibt, egal, was man erreichen will", erinnert sich die Äthiopierin Senait Admassu an ihr Ankommen in den USA. Admassu ist zum Studieren nach Los Angeles gekommen, gründete später die "African Coalition", ein Netzwerk für Migrant*innen aus afrikanischen Ländern.

Schwarz werden

Was Admassu beschreibt, dafür hat die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie als "Becoming Black" bezeichnet, als "Schwarz werden".

In vielen westafrikanischen Staaten haben wir "Race" nicht als DAS, was uns identifiziert. Als ich in die USA ging sah ich mich als katholisch, nigerianisch an. Und in den USA sprachen Leute mit mir über Schwarzsein und ich wusste nicht, was damit gemeint war. Ich lernte schnell, dass 'Schwarz' nicht einfach ein wertfreier Begriff war, dass wenn jemand dich Schwarz nennt, Leute Dinge über dich annehmen. Da gab es diesen einen Professor, der überrascht war, dass ich das beste Essay der Klasse geschrieben hatte und mir wurde klar, dass er überrascht war, weil er nicht erwartet hatte, dass eine Schwarze Person das beste Essay schreiben würde. Das war für mich ein Lernprozess.

Das erzählt Adichie in einem Fernsehinterview mit dem französischen Sender France 24. Adichie hat ihre Erfahrungen im Buch "Americanah" aufgeschrieben. Der Titel ist ein Wort, mit dem in Nigeria Rückkehrer*innen aus den USA bezeichnet werden.

Gleiche Probleme, egal welcher Herkunft

Schwarze Einwanderer integrieren sich die Schwarze US-amerikanische Community und "erben" deren Probleme sozusagen gleich mit. Rassismus – das haben die Fälle von Polizeigewalt und die anschließenden Proteste der "Black Lives Matter"-Bewegung gezeigt – ist nach wie vor eines der großen Probleme in den USA. Rassismus erleben Schwarze Menschen, egal welcher Herkunft, jeden Tag: auf der Straße, im Supermarkt, beim Job.

© picture alliance / ImageSPACE/MediaPunch

Der systemische Rassismus, gegen den die "Black Lives Matter"-Bewegung protestiert, trifft Schwarze in den USA – egal welcher Herkunft.

Verschwendetes Potential

Etwa zwei Millionen Menschen in den USA stammen aus der sogenannten Subsahara Region. Viele von ihnen kommen in die USA für ein besseres Leben, zum Studieren und Arbeiten. Sie gehören in den USA mit zu den am hochgebildetsten Einwanderern, sagt auch Migrationsforscherin Jeanne Batalova vom unabhängigen Institut für Migration in Washington D.C. – beispielsweise seien 60 Prozent der nigerianischen Einwanderer Studenten. In Relation hätten doppelt so viele von ihnen einen Uniabschluss im Vergleich mit den Amerikanern. Doch Vorurteile und Rassismus führten dazu, dass die Migranten ihr Potenzial nicht ausschöpfen könnten, so Batalova:

In unserem Institut interessieren wir uns für einem Phänomen, das man als "Brainwaste" also "Gehirn-Verschwendung" bezeichnet. Also wenn hoch ausgebildete Migrant*innen in die USA kommen und dann einen Job für Geringqualifizierte ausüben. Zum Beispiel ein Chirurg aus Nigeria, der jetzt Taxi fährt. Und was so interessant ist an afrikanischen Migrant*innen: Viele von ihnen kommen mit einem hohen Bildungsabschluss in die USA, doch das hilft ihnen nicht so sehr wegen ihrer Hautfarbe. Ohne Zweifel gibt es eine Arbeitsmarktdiskriminierung gegen People of Color, also Nicht-weiße Menschen.

Einwanderung weiter erschwert

Und Einwandern in die USA ist noch einmal schwieriger geworden: Präsident Donald Trump hat veranlasst, dass bis mindestens Ende des 2020 viele Visa nicht mehr ausgestellt werden, darunter das sogenannte H1B Visum, mit dem viele auch afrikanische Migrant*innen in die USA kommen – damit will Trump in der derzeit schwierigen Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt Jobs für seine Landsleute bereithalten. Doch die nicht ausgestellten Visa treffen unter anderem Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen – alles Professionelle, die jetzt in der Corona-Pandemie eigentlich händeringend gebraucht werden.

Manche Migranten und sogar schwarze US-Amerikaner wählen dann den Weg zurück ins sogenannte "Mutterland" Afrika. Dort suchen sie einen Neuanfang, fernab vom systematischen Rassismus in den USA – so die Hoffnung.

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