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Die BBC-Serie "Years and Years" ist eine sehenswerte Dystopie | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: ZDF/Matt Squire

Während die Welt aus den Fugen gerät, versuchen die Angehörigen einer großen Familie, sich ihre Normalität zu bewahren. "Years and Years" ist ein bisschen "House of Cards", ein bisschen "Handmaid's Tale", vor allem aber: eine sehenswerte Dystopie.

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Die BBC-Serie "Years and Years" ist eine sehenswerte Dystopie

Mit der Welt geht es genauso schnell bergab wie mit der Rechtspopulistin Vivienne Rook bergauf: Was die englische Serie da erzählt, passt zur Zeit wie die Faust auf's Auge des politischen Gegners. Nun sind alle Folgen im deutschen Fernsehen zu sehen.

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Von
  • Julian Ignatowitsch

Die Welt 2024 brennt, im wahrsten Sinne des Wortes: In Italien die im Bürgerkrieg in Brand gesteckten Autos, in China eine von einer Bombe getroffene Insel. Angela Merkel ist tot und in England wird die politische Debatte von der rechtspopulistischen Brandstifterin Vivienne Rook befeuert. Sie sagt öffentlich, Israel und Palästina seien ihr "scheißegal", und wenn sie daraufhin zurechtgewiesen wird, ist ihre Antwort: "Das ist doch der Punkt: Wir dürfen keine Wahrheiten aussprechen!"

Serie am Puls unserer Zeit

Sätze, die wir so oder so ähnlich in den vergangenen Jahren auch in der Realität immer öfter gehört haben. Und so ist es auch kein Zufall, dass die aufstrebende Politikerin Viv Rook, die sich bald auf den Weg zur Premierministerin machen wird, wie eine Mischung aus der AfD-Politikerin Alice Weidel und der französischen Fast-Präsidentin Marine Le Pen daherkommt. Emma Thompson spielt sie kaltblütig direkt und berechnend volksnah.

Die Serie ging in Großbritannien schon vor zwei Jahren "on air", wurde 2019 fertig produziert – was sie aber jetzt eigentlich nur noch aktueller macht. Auch wenn manche Prognosen nicht eingetroffen sind, wie etwa eine zweite Amtszeit von Donald Trump, und auch wenn die Serie natürlich nichts von der Corona-Pandemie wissen konnte, so zeichnet sie doch ein sehr gegenwärtiges Porträt unserer westlichen Gesellschaft: mit wirtschaftlichen Krisen, einer immer gespalteneren Bevölkerung, vergifteten Debatten, und einer unter rechts- und linksextremen Tendenzen bröckelnden Demokratie.

© ZDF/Matt Squire

Liebe und Leid bei den Lyons: ZDFneo zeigt am Donnerstag (14.1.) alle sechs Folgen der BBC-Serie "Years and Years" am Stück

Die Serie vom bekannten britischen Fernsehproduzenten Russell T. Davies zeigt: Das Private ist längst politisch geworden. Im Mittelpunkt dieser Erkenntnis steht die englische Familie Lyons, die sich zumindest anfangs als durchschnittliche sozialliberale Mittelstandsfamilie charakterisieren lässt: Da ist der Familienvater und Finanzberater Stephen, sein jüngerer Bruder, der homosexuelle Daniel, Angestellter eines Wohnungsamtes, ihre aktivistische Schwester, die Weltenbummlerin Edith, und die alleinstehende, konservative Großmutter Muriel als Matriarchin der Familie. Sie alle werden auf ihre ganz eigene Weise mit der Weltpolitik konfrontiert: Der eine wird arbeitslos, der andere staatenlos, der nächste gleich leblos.

Die nahe Zukunft ist hier der Abgrund, auf den alles zurast

Das große Kunststück, das der Serie gelingt, ist, dass sie in gerade einmal sechs Folgen ein so glaubwürdiges wie abgründiges Bild einer nahen Zukunft, der mittleren und späten 2020er Jahre, zeichnet. Und dass man, so, wie die Dinge gerade liegen, das alles für sehr gut möglich hält – auch wenn manches wie etwa der Abwurf einer neuen Atombombe etwas überzogen scheint. Dazu überrascht "Years and Years" auch mit innovativen technischen Einfällen zu einer voranschreitenden Digitalisierung: Städte aus 3D-Druckern, Smartphones als Handimplantate oder der Traum vom "Trans"-Sein, womit nicht transgender, sondern transhuman gemein ist.

Das Erzähltempo ist hoch, manchmal etwas zu rasant, die Figuren sind vielschichtig und lebensnah. "Years and Years" ist ein bisschen "Black Mirror", ein bisschen "Handmaid’s Tale", ein bisschen "House of Cards" – am Ende aber vor allem: eine sehenswerte Dystopie, die realistisch erscheint. Und eine Warnung, wie schnell alles kippen kann und wie das dann uns alle betrifft.

ZDFneo zeigt am Donnerstag (14.1.) alle sechs 60-minütigen Folgen der Serie am Stück – um 20.15 geht's los. Ab Freitag (15.1.) stehen die Folgen dann in der ZDF Mediathek.

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