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Bildrechte: Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater

Wenn Opernhäuser und Theater noch lange geschlossen bleiben, könnten sich die Menschen entwöhnen, befürchten die bayerischen Theaterchefs und schlagen einmal mehr Alarm – auch im Namen der Künstler und Musiker.

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Bayerns Theaterchefs befürchten "Wüsteneien und Ödnisse"

Die Staatstheater bleiben mindestens bis Ende März geschlossen. Für die Intendanten kündigt sich damit eine "kulturelle Klimakatastrophe" an. Den Künstlern werde der "Lebensfaden abgeschnitten", die Lockdown-Strategie sei "nicht nachvollziehbar".

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Von
  • Peter Jungblut

Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, als das bayerische Kunstministerium die Staatstheater darüber informierte, dass der Spielbetrieb auch im März nicht wieder aufgenommen wird. Der Anordnung ging letzte Woche eine kontroverse Diskussion zwischen den Intendanten und Kunstminister Bernd Sibler voraus, weshalb Andreas Beck, der Chef des Münchner Residenztheaters, Wert darauf legte, dass die Entscheidung "nicht etwa mit unserem Einverständnis" gefallen sei. Die Nerven liegen längst blank in den Theatern, die schlimmste Folgen für Publikum und Personal befürchten. Josef Köpplinger vom Gärtnerplatztheater will deshalb "spätestens" am 1. April wieder aufmachen, erst mal nur ein frommer Wunsch, von dem derzeit niemand sagen kann, ob er auch in Erfüllung gehen wird - und unter welchen Bedingungen das möglich sein wird.

Wird das Publikum durch Lockdown "entwöhnt"?

"Wenn wir nicht bald Änderungen bekommen, werden da Wüsteneien und Ödnisse entstehen, von denen man sich Jahre nicht erholen wird, und das müsste, glaube ich, langsam allen klar werden", so Nikolaus Bachler, der Chef der Bayerischen Staatsoper. Er spricht von einer drohenden "kulturellen Klimakatastrophe". Und er bezweifelt, dass die Zuschauer in oder unmittelbar nach der Pandemie wieder so zahlreich kommen wie vorher: "Man entwöhnt ja die Menschen dadurch auch vom Theater. Wir sind ja nicht wie Kino und Popkonzerte. Ein Theaterbesuch wird geplant, wird gedacht, dafür interessiert man sich. Und wenn man die Menschen davon entwöhnt, wird das lange dauern: Es wird nicht aufgesperrt werden und die Menschen werden wieder hinein strömen." Auch Andreas Beck schließt nicht aus, dass die Theater ihr Publikum nach einer Öffnung erst mal wieder "überreden" müssen, Vorstellungen zu besuchen.

Den "Tag X", an dem alles wieder genau ist wie vor der Pandemie, werde es nicht geben, so Beck, und Nikolaus Bachler pflichtet ihm bei: "Man wird nicht den Lichtschalter anknipsen können, vor allem nicht beim Publikum."

© Andreas Gebert/Picture Alliance
Bildrechte: Andreas Gebert/Picture Alliance

Drängt auf Wiedereröffnung: Nikolaus Bachler, Chef der Bayerischen Staatsoper

Zwar gebe es weiterhin einen Probebetrieb, so Andreas Beck, doch das "gerinne" jetzt. Ohne eine Öffnungs-Perspektive sei die Neuproduktion von Stücken nicht mehr sinnvoll, denn Kunst lebe nun mal von der Veröffentlichung: "Das führt natürlich auch, das muss man ganz deutlich sagen, zu künstlerischen Einbußen. Das ist so, also ob sie einem Sportler, einem Fußball-Spieler verbieten würden, miteinander zu spielen. Dann ist irgendwann die Mannschaft oder das, was sie von einer Mannschaft gewohnt sind an Geist oder auch an Können gefährdet, darum geht es."

"Wir schneiden Jüngeren den Lebensfaden ab"

Für Nikolaus Bachler sind die "psychischen Auswirkungen" des Lockdowns viel gravierender als die finanziellen: "Sie müssen sich mal vorstellen: Einem Schauspieler, einem Sänger, einem Tänzer, der ein Jahr nicht auftritt, dem schneiden wir den Lebensfaden ab. Wir retten zurecht das Leben von alten Menschen, wir schneiden aber den Jüngeren den Lebensfaden ab und damit auch ihre Zukunft."

Der "Dialog" mit der Politik, vom dem sich Bachler und seine Intendanten-Kollegen Lockerungen erhoffen, scheint jedoch eher gestört zu sein. Mit Markus Söder hatten sie nach eigener Aussage das letzte Mal am 5. August vergangenen Jahres Kontakt, mit Kunstminister Bernd Sibler am 18. Februar. "Wir brauchen jetzt, und zwar wirklich jetzt und nicht am 1. April oder sonst wann, den ersten Schritt zu einer Öffnungsperspektive, die Zukunft hat. Ich könnte morgen wieder aufmachen", so Nikolaus Bachler. Das sei "verantwortungsvoll, verhältnismäßig und verständlich". Diese Forderungen sei der Politik bekannt.

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Bildrechte: Simon Hallstroem/Picture Alliance

Ergreift in Debatte um Hygienemaßnahmen gerne das Wort: Andreas Beck, Intendant am Residenztheater München

"Das große Wunder der deutschen Theaterlandschaft, wird unwiederbringlich zerstört, wenn es so an den Rand gestellt wird", so Josef Köpplinger vom Gärtnerplatztheater. "Diese Vielfalt wird es dann, wenn es so weitergeht, nicht mehr geben." Viele Menschen würden durch die Politik "verunsichert": "Sie wissen nicht mehr so genau, was los ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Leute in Scharen wieder kommen werden. Wir wissen nicht, ob gleich alle 2.000 oder 900 Plätze auf einen Schlag weggehen, so wird es nicht sein. Aber ich glaube, wir haben gut vorgearbeitet, um den Menschen eine Angst, die nicht nötig ist, zu nehmen." Wenn die Theater erst "zum Schluss" geöffnet würden, würden alle Menschen denken, es müsse ja wohl "wahnsinnig gefährlich" sein, eine Vorstellung zu besuchen.

"Symbolpolitik muss ein Ende haben"

Räume mit einer "Donnerwetter-Lüftung", so Andreas Beck, stellten nun wirklich keine Gefahr für Zuschauer dar, das habe sich während der Sommersaison, als teilweise 200 Zuschauer erlaubt waren, gezeigt: "Wir haben das alles mitgetragen und keiner von uns ist ein Hasardeur und sagt, die Inzidenzzahlen sind uns egal und wir wollen loslegen. Natürlich muss man das alles beobachten, aber wir müssen auch lernen, und das ist der eigentliche Kern meiner Aussage, wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben und trotz des Virus das machen, was uns als Gesellschaft auszeichnet, nämlich Dinge zu debattieren." Die "Symbolpolitik" müsse ein Ende haben, so alle drei Intendanten einmütig, die Strategie des Hangelns von Monat zu Monat müsse von "variablen, längerfristigen" Perspektiven ersetzt werden.

"Die, die am lautesten sind, kriegen was: Was ist das für eine Gesellschaft?" fragt Josef Köpplinger: "Wenn wir etwas aus dieser Krise gelernt haben, dann muss es die Vernunft sein, und dort wollen wir ansetzen. Bei aller Infantilität und Verrücktheit von Künstlern: Wir sind vernünftig! Die Wut kommt nicht daher, dass wir kleine Kinder sind, die nicht an den Baukasten dürfen, sondern sie kommt daher, dass wir wollen, dass endlich verstanden wird, dass wir vernünftig sind!"

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