Theatermitarbeiter in München im Herbst 2020: Einen Lockdown wie damals wird es wohl nicht mehr geben. Doch die Folgen der Pandemie wirken nach.

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Bayerns Theater im Herbst: Furcht vor Kälte und Corona

Bayerns Theater im Herbst: Furcht vor Kälte und Corona

Das Publikum nach der Coronakrise: zurückhaltend. Und dann muss jetzt teuer geheizt werden. Für die Theater und ihre Besucher. Bayerns Bühnen üben sich zum Spielzeitauftakt nach der Sommerpause in Optimismus. Einen echten Plan B gibt es aber nicht.

Die kommende Theatersaison stehe unter dem Motto „Rückgewinnung des Publikums“, erklärte unlängst Münchens Kulturreferent Anton Biebl bei der Vorstellung des neuen Spielplans am städtischen Volkstheater. Dabei steht das Haus von Intendant Christian Stückl mit 88 Prozent Auslastung in der vergangenen Saison vergleichsweise gut da. Was natürlich auch daran liegt, dass das Münchner Volkstheater vor knapp einem Jahr einen attraktiven Neubau bezogen hat. Die Neugier darauf dürfte einen Teil der Corona-Angst des Publikums kompensiert haben: Wenn schon ins Theater, dann ins nigelnagelneue Volkstheater.

"Angst vor Corona ist raus"

Vielleicht zieht Stückl ja aus diesem relativen Erfolg seines Hauses seinen Optimismus, dass kein neuerlicher Winter des Missvergnügens bevorsteht: "Insgesamt glaube ich, die Angst vor Corona ist raus. Die Leute sind nicht nachlässiger. Es gibt auch jetzt noch welche, die Maske wollen. Aber die große Angst ist raus. Und deshalb ist auch bei mir die Angst raus. Ich glaube, es wird jetzt langsam handle-bar. Natürlich kommen vielleicht nochmal Wellen zurück. Aber ich bin da relativ zuversichtlich, dass die Wellen recht schwach bleiben", hofft Christian Stückl jedenfalls.

Die passablen Auslastungszahlen sind freilich vor dem Hintergrund zu sehen, wie viele Zuschauer überhaupt in die Theater durften. Im letzten Corona-Winter war über Wochen hinweg nur ein Viertel des Publikums zugelassen. Waren diese erlaubten 25 Prozent restlos belegt, galt das in diesen Zeitraum als 100-prozentige Auslastung.

Mit anderen Worten: In absoluten Zahlen würde der Zuschauerschwund weit deutlicher ausfallen als in den üblichen Prozentangaben. Sibylle Broll-Pape, Intendantin am E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg, entfährt da spontan ein Stoßseufzer: "Aaach! Sagen wir mal so: Die kommende Saison hat einiges an Herausforderungen. Das Publikum zurückzugewinnen ist sicherlich eine davon. Ich kann das bei uns jetzt nicht ganz so unterschreiben, weil wir eigentlich die letzte Saison ziemlich gut abgeschlossen haben. Ich merke aber natürlich wie alle anderen Kollegen, dass es jetzt im Herbst sogar etwas schwieriger wird."

Unterhaltung füllt die Häuser

Die Bilanz aufgehübscht hat zum Ende der letzten Bamberger Saison das Open-Air-Sommertheater. Da hat sich Sibylle Broll-Pape mit Shakespeares unverwüstlichem Liebesklassiker "Romeo und Julia" bewusst für einen, wie sie es nennt, "Reißer" entschieden. Das Kalkül ging auf. Die Vorstellungen waren fast immer voll. Ähnliches hat auch Jan Philipp Gloger beobachtet, Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg: "Als wir wieder aufgemacht und uns so langsam berappelt haben, haben ganz besonders – und das gestehe ich dem Publikum in diesen Zeiten total zu – die eher unterhaltsamen Formate, also Komödien, Musikalisches und so weiter, eigentlich die Häuser jetzt auch wieder gefüllt."

Weniger Experimente also, dafür mehr Unterhaltsames und vertraute Klassiker auf dem Spielplan – ist das die Strategie, das Publikum zurückzugewinnen, oder zumindest – da wo der Einbruch bis dato noch nicht so dramatisch war – bei der Stange zu halten?

"Altbewährtes nicht zur Gewohnheit machen"

Jan Philipp Gloger zum Beispiel ist am vergangenen Wochenende mit Schillers Don Karlos in die Nürnberger Spielzeit gestartet. Dennoch plädiert er, wie auch Christian Stückl und Sibylle Broll-Pape, zur Zurückhaltung, was den Rückgriff auf Altbewährtes angeht. Gloger: „Ich glaube, wir müssen alle aufpassen, dass es nicht zu einer Art von Gewohnheit wird. Wenn man etwas mehr Leichtes ansetzt, dann muss man sehr strategisch und genau auch irgendwann sukzessive wieder zurück zu dem, was wir immer gemacht haben, nämlich sehr, sehr Avanciertes steht neben möglicherweise Traditionellem."

Stückl: "Ich bin sowieso jemand, der seit Jahren sagt, ich glaube, dass das was die Kollegen, die wir herholen als Regisseure und Regisseurinnen, dass sie sagen müssen, was sie interessiert. Und wenn jemand einen Rückgriff auf den Faust machen will, dann soll er ihn machen. Dann soll er mir aber auch erzählen, warum er den machen will. Aber dass das der Rettungsanker ist, das glaube ich nicht. Ein Shakespeare kann genauso in die Hose gehen, wie ein neues Stück durch die Decke gehen kann."

Broll-Pape: "Meine Erfahrung ist, dass man immer das machen sollte, was man machen möchte. Und wenn ich jetzt gerade meine – oder unser Haus meint – wir wollen uns weiter der Politik und den politischen Gegebenheiten stellen, müssen wir auch solches Theater machen. Es hat keinen Sinn, uns einfach zu verbiegen, weil wir denken, wir müssten das oder das machen, weil das vielleicht dem Publikum gefällt. Die kommen, weil sie gutes Theater sehen wollen."

Menschen geben weniger aus - auch fürs Theater

Deshalb: Wichtiger, als populär zu sein, so der einhellige Tenor, ist es, relevant zu bleiben. Mit Stoffen und Stücken, die den Nerv der Zeit treffen, statt zu Eskapismus einzuladen. Das Engagement diesbezüglich scheint ungebrochen. Und dennoch: Je länger man mit Theaterschaffenden redet, desto deutlicher werden die Risse in der optimistischen Fassade sichtbar.

Die Bamberger Intendantin Sibylle Broll-Pape beobachtet, „dass man merkt, dass die Menschen zurückhaltender werden insgesamt mit Ausgaben. Ich glaube, es ist weniger der Punkt zu sagen: Ich möchte jetzt nicht ins Theater gehen. Ich seh’s ja auch, wenn ich in die Restaurants etc. gucke. Da ist auch eine eindeutige Zurückhaltung zu spüren.“

Größer als die Angst vor Corona scheint daher die Sorge vor Inflation und Energiekrise. Müssen die, die den Weg dann doch noch ins Theater finden, dort künftig frieren? Im Münchner Volkstheater wird die Raumtemperatur künftig gedeckelt, aus den Wasserhähnen fließt nur noch kaltes Wasser, der schicke Theaterneubau wird nachts nicht mehr angestrahlt. Das alles, um die ohnehin angespannten Etats so gut es geht von steigenden Energiekosten zu entlasten.

Plan B gibt es nicht

Und was, wenn das nicht reicht? Welchen Plan B gibt es? Schwierig, sagt Volkstheater-Intendant Christian Stückl. Letztlich bräuchte man einen Wahrsager, meint der Chef des Münchner Volkstheaters, Christian Stückl: „Ich weiß nicht wirklich, wie groß wird die Inflation? Was bedeutet das fürs Theater? Wie groß wird die Energiekrise? Ich habe das Gefühlt, das kann niemand richtig beantworten. Ich höre dann in der Früh nur Politiker, die sich irgendwelche Fehler an den Kopf werfen, weil die Pakete falsch geschnürt sind. Aber irgendjemand, der es klar sagt, was jetzt gerade wichtig wäre, der wäre notwendig. Der ist aber nicht da.“

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