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Das Rote Höhenvieh ist eine durchgehend braunfarbene Rinderrasse, die mit den klimatischen Bedingungen des Fichtelgebirges bestens zurecht kommt.

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    Bayerns erstes Arche-Dorf: Idealisten im Fichtelgebirge

    Nicht nur Wildtiere sind vom Aussterben bedroht, sondern auch Nutztiere. Arche-Dörfer wollen dazu beitragen, die Vielfalt landwirtschaftlicher Haustierrassen zu erhalten. Das erste Arche-Dorf in Bayern ist Kleinwendern im Fichtelgebirge.

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    Von
    • Sabine Barth

    Nur wenige Kilometer südlich von Wunsiedel liegt Bad Alexandersbad. Im Ortsteil Kleinwendern wohnen besondere Tierfreunde – im besten Sinne: Die Bewohner wollen bewahren – und zwar alte Haustierrasen, deren Bestand gefährdet ist. Und so leben im Dorf inzwischen mindestens doppelt so viele Tiere wie die 80 Einwohner. Fast das ganze Dorf beteiligt sich an der Erhaltung alter Haustierrassen, die akut vom Aussterben bedroht sind.

    Seit 2019 ist Kleinwendern Bayerns erstes Archedorf. Die Kleinwenderner wollen zeigen, dass jeder etwas zum Artenschutz beitragen kann.

    Umstellung auf Bio mit neuer alter Rasse

    Begonnen hat alles mit dem Roten Höhenvieh und Landwirt Rudi Küspert, der seinen Milchviehhof ab 2012 langsam auf "bio" umstellte. Das Rote Höhenvieh - Ureinwohner des Fichtelgebirges – ist eine durchgehend braunfarbige Rinderrasse, die mit den klimatischen Bedingungen des Fichtelgebirges bestens zurecht kommt.

    Doch eine bedrohte Tierrasse reicht nicht: "Arche-Dorf" darf sich ein Ort nur nennen, wenn mindestens vier Tierhalter bereit sind, eine der alten gefährdeten Rassen zu züchten. Vergeben wird der Titel von der GEH, der Gesellschaft für die Erhaltung von alten und gefährdeten Haustierrassen.

    In Kleinwendern ist es deshalb nicht nur beim Roten Höhenvieh geblieben. Heute leben hier auch Thüringer Wald Ziegen, Suntheimer Hühner und vor allem Coburger Fuchsschafe. Deren besondere, fast goldfarbene Wolle war hier früher mal ein Verkaufsschlager. Drei Kleinwenderner kümmern sich mit ihren Familien um diese Schafrasse, deren Fell im fortgeschrittenen Alter immer heller wird. Kopf und Beine bleiben ein Leben lang braun.

    Von Leihschafen zur eigenen Zucht

    Im ersten Sommer probierten es die drei Hobbyschäfer Jörg Bertholdt, Mike Franke und Ronny Ledermüller mit "Leihschafen". Dann erst trauten sie sich Haltung und Zucht kontinuierlich selber zu – nebenberuflich. Seither geht ihre ganze Freizeit für die Schafe drauf, erzählt Jörg Bertholdt: Heu machen, Ausmisten, Füttern.

    Wie ernst die Situation für die alten Haustierrassen ist, war selbst Ronny Ledermüller neu, obwohl er sogar beruflich mit Naturschutz zu tun hat.

    "Als Naturpark-Ranger weiß man, dass die Wildtierarten inzwischen vom Aussterben bedroht sind, aber das das auch für Haustiere gilt, war mir überhaupt nicht bewusst. Es gibt zum Beispiel keine deutsche Schweinerasse, die nicht vom Aussterben bedroht ist. Und wenn man sich überlegt, dass das die Tiere sind, mit denen unsere Kultur überhaupt erst möglich geworden ist, dann denke ich, hat man da auch eine gewisse Verantwortung. Wir wären wahnsinnig, wenn wir diese Tiere aussterben lassen würden." Ronald Ledermüller

    Doch der Erhalt oder Wiederaufbau einer bedrohten Rasse, wie den Coburger Fuchsschafen ist anspruchsvoll. Die Listung im Herdbuch gehört genauso dazu, wie der Weiterverkauf an andere Züchter.

    Arche-Dorf – für Tier und Mensch

    2019 war es endlich so weit, weil sich so viele Bewohnerinnen und Bewohner begeistern ließen: Kleinwendern wurde Bayerns erstes Archedorf. Seither wird viel über die kleine Ortschaft und ihre Bewohner im Fichtelgebirge berichtet. Und genau so ist es gedacht. "Erst wenn der Mensch wieder einen Bezug zum Tier hat, wird er sich für einen anderen Umgang einsetzen. Das ist die "Arche-Idee"."

    Für den "Ur-Kleinwenderner" Mike Franke hat das Projekt noch einen schönen Nebeneffekt: Kleinwendern ist ein Dorf mit Zukunft geworden.

    "Es sind viele Familien hinzugezogen, auch durch das Arche-Dorf. Die Bekanntschaft, der Zusammenhalt, die Gemeinschaft – das alles hat sich ganz deutlich intensiviert." Mike Franke

    So kann die Pflege der alten Rassen auf vielen Wegen auch zur "Arche" für die Menschen werden.

    Höchste Zeit für ein Umdenken

    Rudi Küsperts Wechsel von der Milchviehhaltung auf das Rote Höhenvieh ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte. Drei bis vier Tiere werden jedes Jahr zum Metzger im Nachbarort gebracht –ganz nah, ohne lange Transportwege. Seine Kunden wissen es zu schätzen, dass die Tiere ein gutes Leben hatten und sind bereit, auch den hören Preis zu zahlen, weiß Rudi Küspert.

    Beim ersten Tier sei es ihm noch schwer gefallen, es zum Schlachter zu bringen, erzählt er: "Bei dem zweiten oder dritten habe ich gesagt: Wenn ich das nicht mache, dann wird die Herde immer größer und dann kann ich die Zucht nicht machen, das geht einfach nicht. Das gehört dazu."

    Im Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist es Zeit für ein Umdenken, nicht nur im Arche-Dorf in Kleinwendern. Denn bedrohte Rassen, die für die industrielle Landwirtschaft unattraktiv geworden sind, können in Zukunft durch ihre Eigenschaften vielleicht wieder nützlich werden. Möglicherweise wird der Mensch sogar auf sie angewiesen sein.

    Aktuell stehen 176 Rassen auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. - zwei Arche-Dörfer und rund 100 Arche-Höfe kümmern sich um deren Erhalt.

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