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So grell malt bayerischer Künstler den "Schamanen" vom Kapitol | BR24

© Ulrike Burkhart

QAnon-"Schamane" Jake Angeli ganz in Rot: Ein Gemälde von Werner Kroener

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    So grell malt bayerischer Künstler den "Schamanen" vom Kapitol

    Der in Türkenfeld am Ammersee lebende Maler Werner Kroener hält das Foto vom gehörnten "QAnon-Schamanen" Jake Angeli beim Sturm auf das Kapitol in Washington für ein "Schlüsselbild". In einer "Orgie aus roten Farbtönen" hat er es in Öl festgehalten.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Es ist fast vier Quadratmeter groß und auch farblich nicht zu übersehen: Werner Kroener hat einen bestürzenden Moment der jüngsten Zeitgeschichte in Öl auf Leinwand festgehalten. Von dem Foto des bizarr kostümierten Verschwörungs-Fanatikers Jake Angeli, das nach dem Sturm auf das US-Kapitol durch die Presse ging, hat der Maler sich zu einer Art optischem "Urschrei" inspirieren lassen. Kroener, dessen Werke auch schon im Münchner Haus der Kunst zu sehen waren, sagt zu seiner Arbeit gegenüber dem BR: "Ein Maler muss neuerdings auch schnell sein, weil er die Emotion einfangen, diese affektive Hitze ausnutzen muss. Dadurch werden die Bildmittel wieder frisch. Ich muss hinter diesen Bildern als Maler herlaufen, als wenn ich ein visueller Journalist bin."

    Seit die sozialen Netzwerke so bedeutsam seien, seien alle Menschen zu Schauspielern geworden: "Ein Bildungsbürger wird sagen, um Gottes Willen, das ist ja furchtbar! Das ist wahnsinnig übertrieben und reißerisch! Wenn man das als Bild der Popkultur sieht, ist das Bild immer noch so exzessiv, dass den Leuten mulmig wird." Für Kroener nutzte Angeli geschickt die Fantasy-Bildwelten aus, wie sie vom "Herr der Ringe" und anderen Epen bekannt sind: "Nur wenige Bilder haben die Macht, zum Sinnbild oder Zeichen einer Epoche zu werden. Nur ganz bestimmte Pressebilder geraten zu Ikonen der Geschichte, die sich unvergesslich in das kollektive Bildgedächtnis einbrennen."

    "Der Maler sollte schnell sein"

    Für den oberbayerischen Maler müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, um eine derart massive Bildwirkung zu entfalten. Eine "schicksalhafte Grenzerfahrung, die schwankt zwischen Lust oder Schmerz, Euphorie oder Wut sowie die Erinnerung, Wiedererkennung und Übereinstimmung mit genetisch codierten Gebärden und Bildmustern, die als Vorbilder und Urbilder unseres kulturellen Gedächtnisses instinktiv aufgerufen werden". Was der Fotograf mit seiner Kamera festhalte, könne die Malerei weiter "dramatisieren": "Sie reduziert auf den Umriss, auf Zähne im aufgerissenen Rachen und eine Orgie der roten Farbe. In der affektiven Treffsicherheit liegt die künstlerische Leistung. Der Fotograf ist schnell und der Maler sollte es auch sein."

    © BR-Bild Manuel Balce Ceneta

    Das Original-Foto: QAnon-Aktivist Jake Angeli

    Für das "Schamanen"-Bild sei überhaupt nur die Farbe rot in Frage gekommen, so Kroener: "Ich inszeniere in diesem Fall nur in Rot, vom Kalten ins Warme, auch eine entsprechende Größe des Formats war wichtig. Ich habe an dem Pressefoto selbst keine Kritik. Es ist eine Grenzerfahrung. Man kann die Vitalität bewundern, aber zugleich den Machtmissbrauch kritisieren. Ich beziehe keine Stellung. Der Betrachter selbst soll aufgrund der übertriebenen Emotionalität ein Verhältnis dazu finden." Auch das Kapitol hat Kroener gemalt, allerdings kohlrabenschwarz, als "versehrtes" Gebäude und geschändetes Symbol.

    "Theatralisch machen"

    Der in Koblenz geborene und in Bonn aufgewachsene Künstler, ein Schüler des Grafikers Horst Antes, begleitet unter dem Begriff "Visual History" schon seit langem aktuelle und historische Ereignisse und beschäftigt sich intensiv mit Bildsprache. So hat er in den Jahren 2010 und 2011 täglich die Titelfotos der "Süddeutschen Zeitung" zu einer künstlerischen Chronik mit 800 Werken verarbeitet. Auf seiner Homepage sind Gemälde zu sehen, auf denen er berühmte ikonische Fotos zitiert, wie den über den Grenzzaun springenden DDR-Soldaten, oder Kinder, die auf Trümmern stehen und einem "Rosinen-Bomber" hinterher winken. Auch das erschütternde Bild aus dem Vietnam-Krieg, auf dem ein nacktes Kind dem Feuersturm eines Luftangriffs zu entkommen versucht, hat Kroener unter dem Titel "My Lai" großformatig in Weiß- und Grautöne umgesetzt.

    Grundsätzlich geht es Kroener nach eigenen Angaben darum, geschichtliche Bilder zu "theatralisieren". Es sei eine Chance der Malerei, den Übergang von einem Foto zu einer Ikone zu verdeutlichen: "Ein Foto ist nicht immer eine Ikone, sondern wird dazu gemacht, etwa der Untergang der Titanic oder Willy Brandts Kniefall in Warschau. Diese Ikonen sind für mich alle wichtig, weil sie viel mehr erzählen als sie zeigen."

    © Maren Martell

    Maler Werner Kroener

    Im Haus der Kunst in München war Kroeners sechsteilige Installation "Berliner Reichstagsbild" zu sehen, ein Werk, das ebenfalls ein weltbekanntes Reportage-Bild verfremdete: Die Szene, in der Rotarmisten 1945 auf der Ruine des Parlamentsgebäude die Fahne hissen, was schon im Original eine Inszenierung war.

    "Im Tsunami der Bilderwelten"

    Er setzt sich jedoch auch mit antiker Kunst auseinander. So ist derzeit online eine Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums Trier zu sehen, in der er unter dem Titel "ECHO - die Aura der Antike" die idealisierenden Skulpturen des Altertums mit meist grellen Ölbildern konfrontiert . "Ich fühle mich als Lotse im aktuellen Tsunami der Bilderwelten. Ich möchte den Betrachter zum Vergleichen und Dechiffrieren der Bilder animieren und Bilder mit Bildern erklären", so Kroener zur Ausstellung. Er war bis zur seiner Emeritierung Professor für Kreativitätstheorie und Gestaltungslehre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in München.

    Unmittelbar nach dem gewaltsamen Eindringen von Donald Trump-Fans und Verschwörungsgläubigen ins amerikanische Kongress-Gebäude hatte unter allen dort aufgenommen Fotos der brüllende Demonstrant mit Büffelhörnern sofort die Weltöffentlichkeit fasziniert, weil die Bild-Codes offenkundig überall verstanden wurden. Der selbst ernannte "Schamane" Jake Angeli aus Arizona, der eigentlich Jacob Anthony Chansley heißt, sorgt mit seinem martialischen Outfit im Wikinger-Stil seit langem auf Demonstrationen in den USA für Aufsehen.

    Nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar wurde Angeli in seinem Heimatstaat festgenommen. Die Anklage lautet auf illegales Eindringen in ein Amtsgebäude und ungebührliches Verhalten. Zuletzt hatte Angeli für Schlagzeilen gesorgt, weil er im Gefängnis auf Bio-Essen beharrt hatte.

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