Bild

Der deutsche Karikaturist Dieter Hanitzsch
© BR

Autoren

Knut Cordsen
© BR

Der deutsche Karikaturist Dieter Hanitzsch

Heute wird der Bayerische Kabarettpreis verliehen. Im Münchner Lustspielhaus werden Christian Ehring (extra3), Olaf Schubert (heute show) und Martin Frank ausgezeichnet (Schleichfernsehen). Otto Waalkes erhält als Humor-Ikone den Ehrenpreis. Erstmals in der 20-jährigen Geschichte des Kabarettpreises wird ein Jubiläumspreis verliehen, und das an einen Karikaturisten: Dieter Hanitzsch. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Was ist da schiefgelaufen? Wie bekommt ein Karikaturist einen Kabarett-Preis?

Dieter Hanitzsch: Als ich den Anruf bekam von der Redaktion Unterhaltung des BR-Fernsehens, dachte ich zunächst einmal, die möchten, dass ich an diesem Abend irgendwas beitrage zum Programm. Daran, dass ich selbst Preisträger sein könnte, habe ich meilenweit nicht gedacht. Dann wurde ich aufgeklärt, dass es durchaus so sei. Na gut, Kabarett und Karikatur sind ja in irgendeiner Weise Geschwister, beide machen Satire. Der eine schreibt oder spricht spitze oder treffende Worte, der andere zeichnet mit hoffentlich treffenden Strichen. Insofern ist die Verwandtschaft vielleicht der Ursprung gewesen, so dass man gesagt hat, warum nicht mal einen Karikaturisten auszeichnen!? Ich habe ja wirklich fast schon seit meinen Studententagen immer wieder mit Kabarett zu tun. Als ich für die AZ (die Münchner "Abendzeitung", Anmerkung der Redaktion) gezeichnet habe, war ich, wenn man so will, Haus-Karikaturist der Lach- und Schießgesellschaft. Der legendäre Sammy Drechsel hat gesagt: Du musst für uns zeichnen. Ich war dann immer im Kabarett, dort habe ich den Dieter Hildebrandt kennengelernt, und wir waren bis zu seinem Tod enge Freunde. Also ich bin, wenn man so will, ein Kabarett-Freak. Ich kenne die meisten in der Branche auch persönlich und liebe Kabarett über alles.

Jetzt haben Sie Dieter Hildebrandt schon erwähnt. Sie haben alle Bücher von Dieter Hildebrandt illustriert. Wie sah diese Zusammenarbeit mit ihm aus, was haben Sie womöglich von Hildebrandt gelernt?

Von Dieter Hildebrandt habe ich gelernt, dass man auf alle Fälle auch als Karikaturist immer auf die Fakten achten muss. Er hat ja nie Satiren geschrieben, die nicht durch Tatsachen gedeckt gewesen waren. Er hat recherchiert oder recherchieren lassen. Was Wirtschaftssachen betraf, hat er mich gefragt, weil ich bin quasi gelernter Wirtschaftsjournalist beim BR, habe ja über 20 Jahre beim Fernsehen gearbeitet. Also dass man darauf achten muss, dass man eben nicht einfach so ins Blaue hinein irgendwelche Bosheiten verkauft, sondern es muss irgendwo einen Hintergrund geben, der den Angriff rechtfertigt. Die Zusammenarbeit war relativ einfach. Erst einmal musste er schreiben, dann bekam ich die Texte, musste sie durchlesen und dann setzten wir uns zusammen. Wir fragten uns: Wo bietet es sich an, etwas zu illustrieren? Das war immer eine großartige, pflegeleichte Veranstaltung, die wir da gemacht haben. Wir haben uns dabei meistens auch ein kleines Weinchen gegönnt, und dann lief das wie geschmiert.

Eine gewisse Bühnenpräsenz, die ja für Kabarettisten unabdingbar ist, haben Sie selbst auch abseits der Zeitungsbühne, nämlich durch den „Sonntags-Stammtisch“ im BR-Fernsehen, an dem sie seit 2007 sitzen und das politische Geschehen dort kommentieren. Aber in einer kabarettistischen Rolle sehen Sie sich dort selbst nicht, oder?

Ganz sicher nicht. Dafür laden wir sehr häufig Kabarettisten und Kabarettistinnen in die Sendung ein. Ich bin dort vom damaligen Chefredakteur Sigmund Gottlieb gewissermaßen als der Gegenpart zum eher sehr konservativen Moderator Helmut Markwort besetzt worden, als politische Gegenposition, ohne jetzt nur witzig sein zu müssen. Man musste da vielleicht auch mal eine ein bisschen klarere Sprache reden.

Sie sind in diesem Jahr einen Tag nach Ihrem 85. Geburtstag plötzlich und unverhofft Gegenstand der medialen Erregungsgemeinschaft geworden mit einer Karikatur für die Süddeutsche Zeitung, die für Sie dann auch das Ende der Zusammenarbeit mit der SZ bedeutet hat. Man warf Ihnen vor, antisemitische Klischees zu bedienen mit einer Zeichnung von Benjamin Netanjahu. Wenn man diese reflexhaft einsetzende Kritik sieht, der Sie sich da seinerzeit stellen mussten, denke ich an einen Satz aus den neuen Tagebüchern des Philosophen Peter Sloterdijk, in denen es heißt: „Ein neuer Kulturpreis müsste gestiftet werden: Das Silberne Hämmerchen für die automatischste und gedankenloseste Äußerung des Jahres.“ Israelkritik und Antisemitismus werden hierzulande ja gern reflexhaft in einen Topf geworfen, und so wie Neurologen Reflexe testen mit ihrem Hämmerchen, schlagen manche sofort mit dem Knie aus, wenn die israelische Politik kritisch behandelt wird wie in Ihrer Karikatur. Wie blicken Sie selbst zurück auf das was Ihnen da widerfahren ist?

Ich war zunächst einmal total überrascht über die Reaktion der Chefredaktion der SZ, weil ich kein schlechtes Gewissen hatte und auch nach wie vor keines habe. Ich habe den Netanjahu karikiert, und zwar weil er meiner Meinung nach den eigentlich kulturellen und fröhlichen Anlass des European Song Contest für sich benützt hat, um Popularität zu gewinnen, um sich herauszustellen. Er hat den religiösen Spruch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ – ein Bekenntnis der Juden – verbunden mit dem Austragungsort des ESC, der sich ja immer nach der Herkunft des Vorjahresssiegers richtet. Die SZ-Chefredaktion selber hatte gegen die Aussage der Karikatur gar nichts. Sie haben gesagt, da sind wir vollkommen Ihrer Meinung. Nur ich hätte antisemitische Stereotype und Klischees bedient. Ich habe den Davidstern verwendet. Das ist sowohl das religiöse als auch das staatliche Symbol Israels. Ich finde, das kann man und sollte man machen. Und dann habe ich den Netanjahu karikiert, wie man einen Politiker auch hierzulande karikiert. Das heißt, man macht ihn nicht schöner als er ist. Ein Karikaturist ist kein Schönheitschirurg. Im Gegenteil, man macht ihm übergroße Ohren, macht die Nase größer und zeichnet ihm aufgeworfene Lippen. Und dann sagte der Chefredakteur Kurt Kister, diese Zeichnung hätte auch im „Stürmer“ stehen können. Das ist das Maximum an Beleidigung, das man einem deutschen Karikaturisten zufügen kann. Dass man mit dem Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“ auf eine Stufe gestellt wird! Und weil ich mich nicht entschuldigt habe dafür, hieß es dann, ich hätte kein Verständnis für die Kritik gehabt und die Zusammenarbeit sei beendet worden. Das Schönste, was ich erlebt habe, ist eine E-Mail, die mir die Tochter von Max Mannheimer geschickt hat: Eva Faessler. Sie schrieb mir am selben Tag, wo es bekannt wurde, sinngemäß: ‚Ich will Ihnen nur sagen, dass ich in Ihrer Zeichnung überhaupt nichts Antisemitisches entdecken konnte. Und das ist auch falsch, dass Sie irgendwelche Klischees bedient hätten. Netanjahu ist halt nicht schöner. Ich meine, was soll man da machen? Und Sie sind des Antijudaismus unverdächtig.‘ Ich kannte den Namen der Tochter von Max Mannheimer ja nicht. Also einen größeren Freispruch – neben dem Bundespresserat – kann man eigentlich nicht bekommen.

Seit dem Streit um diese Karikatur sind Sie wieder bei der Abendzeitung angedockt, bei der Sie in den 60er-Jahren als Karikaturist angefangen haben. Sie haben in einem Interview mit der AZ in diesem Sommer gesagt: „Karikaturen sind – wie Kabarett – beliebt, weil die Menschen gern eine Instanz haben, die die Mächtigen des Landes von ihrem Podest, ihrem Sockel wieder zur Erde bringt.“ Ist eine freie Gesellschaft Ihrer Meinung nach ohne Karikaturen überhaupt vorstellbar?

Eine freie Gesellschaft ist dann erst eine wirklich freie Gesellschaft, wenn sie sich Karikaturen leistet und wünscht. Alle unfreien Gesellschaften verbieten Karikaturen, weil die Mächtigen es nicht ertragen, dass man sie entlarvt oder lächerlich macht. Die Karikatur ist eine Art Lackmustest für die freie Gesellschaft. Was darf sie, wo hat sie ihre Grenzen? Selbstverständlich gibt es Grenzen. Aber sie ist ein Zeichen für eine freie Gesellschaft, und die Menschen mögen das auch. Sie lieben Karikaturen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung.

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Autoren

Knut Cordsen

Sendung

kulturWelt vom 29.10.2018 - 08:30 Uhr