BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Sebastian Kahnert/Picture Alliance

Eine neue Ära mit einem klaren Schwerpunkt auf der Musik des 20. Jahrhunderts: In seiner ersten Spielzeit in München will das neue Führungsduo von Bayerns größtem Theater dem Münchner Publikum "mehr abverlangen" und "ab und zu sogar etwas zumuten".

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Bayerische Staatsoper: Serge Dorny setzt ganz auf moderne Werke

Eine neue Ära mit einem klaren Schwerpunkt auf der Musik des 20. Jahrhunderts: In seiner ersten Spielzeit in München will das neue Führungsduo von Bayerns größtem Theater dem Münchner Publikum "mehr abverlangen" und "ab und zu sogar etwas zumuten".

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Unter dem Spielzeit-Motto "Jeder Mensch ist ein König" starten der neue Intendant Serge Dorny und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski in ihre erste Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper. Es geht um die "Einzigartigkeit, die jedem Menschen eingeschrieben" sei, so Dorny auf einer Online-Pressekonferenz. Die Oper wolle den "Menschen in seiner Suche, in seinen Gegensätzen" feiern, den "Menschen, der unterwegs" sei und umherirre.

Dabei wird das Programm zunächst ganz von der Musik der Moderne dominiert – wie nicht anders zu erwarten, denn auch an der Oper von Lyon machte Dorny vor allem mit seiner Leidenschaft für "politische" und zeitgenössische Werke Furore. Diese Ausrichtung hatte ihm auch schon gewaltigen Ärger beschert, denn er sollte 2014 eigentlich die Dresdener Semperoper übernehmen, wurde dann jedoch noch vor seinem Amtsantritt fristlos gekündigt und bekam eine Abfindung von 350.000 Euro zugesprochen. Grund für die Trennung war dem Vernehmen nach ein Zerwürfnis mit dem Dirigenten Christian Thielemann, der als betont konservativer Opern-Traditionalist gilt und nach Dornys Ansicht eine Art "Staat im Staate" war.

"Sehr anarchisch, sehr wild und satirisch"

In München dagegen herrscht deutlich mehr Harmonie, denn auch Dirigent Vladimir Jurowski zählt zu den Fans des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts. Er wird in seiner neuen Funktion als Generalmusikdirektor und Nachfolger des gefeierten Kirill Petrenko zwei Premieren dirigieren, zum Auftakt der Saison Dmitri Schostakowitschs skandalumwittertes Frühwerk "Die Nase" in der Regie des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov, der noch mit einem Reiseverbot belegt ist und zu den erklärten Kritikern von Putin gehört. Es sei ein "sehr anarchisches, wildes, satirisches Werk", so Jurowski, und somit eine "ideale Plattform für ein Ensembletheater": "In einem Repertoiretheater kann man die fünfzig Rollen wunderbar besetzen."

Die Münchner Opernfestspiele 2022 werden mit Krzysztof Pendereckis Oper "Die Teufel von Loudun" (1969) nach dem gleichnamigen Roman von Aldous Huxley eröffnet, inszeniert vom australisch-schweizerischen Regisseur Simon Stone. Für Jurowski ist auch dieses Werk eine "Gesellschaftssatire" und eine "archaische MeToo-Geschichte", geht es doch um den Priester Urbain Grandier, der im 17. Jahrhundert, in der Ära der Hexenverfolgungen, Nonnen vergewaltigt haben soll und ein erklärter Gegner des mächtigen Kardinals Richelieu war. "Ein Zeichen für das politische Musiktheater", so Jurowski und ein Werk, das die "Suche nach der Identität inmitten der Unfreiheit" behandle.

Die Bayerische Staatsoper soll "präsenter" werden

Der Dirigent äußerte die Einschätzung, das Münchner Publikum sei "entgegen dem Klischee sehr, sehr offen und neugierig": "Man kann dem Haus mehr abverlangen, indem man das Publikum herausfordert und ab und zu sogar etwas zumutet." Es sei "erstaunlich", dass zum Beispiel "Die Nase" an der Bayerischen Staatsoper noch nie vorgestellt worden sei. Auch Dorny will das Haus "präsenter" machen und gegenüber der Stadtkultur öffnen: So soll jedes Jahr im Mai ein Festival für Neues Musiktheater stattfinden. 2022 stehen drei Kurzopern von Georg Friedrich Haas auf dem Programm, nach Texten von Händl Klaus. Bei "Koma", "Bluthaus“ und "Thomas" handelt es sich um eine Art Triptychon, einen Dreiteiler, der um existentielle Themen kreist. "Koma" wurde 2016 zur "Uraufführung des Jahres" gewählt. Die Premieren werden in den Münchner Kammerspielen, am Residenztheater und am Volkstheater stattfinden.

"Der Schwung ist sehr inspirierend"

Zu den weiteren Werken der Saison 2021/22 gehören Franz Lehárs letzte Operette "Giuditta" (1934) in der Regie von Christoph Marthaler, "Das schlaue Füchslein" (1924) von Leoš Janáček, inszeniert vom Chef der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, Benjamin Brittens Seestück "Peter Grimes" (1945) in der Regie von Stefan Herheim, Haydns selten gespielte "L’Infedeltà delusa" vom Opernstudio und Hector Berlioz vielstündiges Riesenwerk "Die Trojaner", inszeniert von Christophe Honoré. "Capriccio" von Richard Strauss wird bei den Opernfestspielen 2022 als Übernahme aus Brüssel im Prinzregententheater gezeigt.

Kulturminister Bernd Sibler sprach von "echten Stars" an der Spitze der Bayerischen Staatsoper und freute sich auf "neue künstlerische Höhenflüge" am "kulturellen Flaggschiff" Bayerns. Er lobte den "ungeheuren Enthusiasmus" von Serge Dorny und Vladimir Jurowski: "Der Schwung, den unser neues Duo mitbringt, wird sehr inspirierend wirken."

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!