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Junya Oikawa, reflected moment — das bauhaus schachspiel (2019).
© Junya Oikawa

Autoren

Tilman Urbach
© Junya Oikawa

Junya Oikawa, reflected moment — das bauhaus schachspiel (2019).

Da steht der japanische Soundkünstler Junya Oikawa in den Räumen der Neuen Sammlung München, vor sich den Computer, neben sich ein Schachbrett. Jedes der schwarzweißen Felder ist an der Unterseite via Sensorentechnik mit dem Computer verschaltet. Bewegt Oikawa eine Figur, verändert sich der Sound, den er für die Ausstellung komponiert hat. Das hat etwas Zauberhaftes und durchaus Poetisches.

Anregung durch Klassiker

Die interaktive Soundinstallation "Reflected Moment" bezieht sich auf Josef Hartwigs berühmtes Schachspiel von 1923. Und ist eine von den heutigen künstlerischen Positionen, die sich in der Ausstellung "Reflex Bauhaus" dezidiert auf berühmte Objekte aus den 1920er-Jahren beziehen. Josef Strasser ist Kurator der Neuen Sammlung und beschreibt, wie sich auch die Künstlerin Ayzit Bostan von einem der legendären Bauhausobjekte inspirieren ließ: "Die Münchner Modedesignerin Ayzit Bostan hat sich den Lattenstuhl von Marcel Breuer ausgesucht. Sie war fasziniert von der Art, wie der gemacht wurde. Nicht nur von den Latten, sondern auch von den Textilien – was ja auf der Hand liegt als Modedesignerin. Ihr Produkt, das daraus entstanden ist, ist dieser Liegesessel. Aus dieser Anregung entstand dieses Objekt, das etwas völlig anderes ist. Es ist anders gedacht. Aber wenn man genau hinsieht, sieht man doch, dass diese Gurte, die das Ganze verspannen, die Anregung von Marcel Breuer aufnehmen."

Alma Siedhoff-Buscher, Schiffbauspiel, 1923, Bauhaus, Weimar.

Alma Siedhoff-Buscher, Schiffbauspiel, 1923, Bauhaus, Weimar.

Bauhaus – Ausdruck einer neuen Zeit

Von Anfang an stand das Bauhaus für Klarheit und funktionales Design. "Form follows function" – das war der Grundsatz. Jedes Ornament, jede Verzierung war den Bauhauslehrern verdächtig. Den Historismus des Kaiserreichs wollte man nun in der Weimarer Republik überwunden wissen. Kunst und Handwerk standen gleichberechtigt nebeneinander, sollten sich gegenseitig durchdringen. Bauhaus Design – vom Möbel bis zu den architektonischen Entwürfen von Walter Gropius – war Ausdruck einer neuen Zeit.

Und tatsächlich: Was damals gedacht und entworfen wurde, empfinden wir heute noch als modern, erklärt Josef Strasser: "Das Bauhaus wird ja in diesem Jahr 100 Jahre alt. Aber die Objekte wirken nicht, als wären sie 100 Jahre alt. Sie wirken sehr modern, weil damit völlig neue Ansätze angesprochen worden sind. Denken Sie zum Beispiel an den Wassily Chair von Marcel Breuer: Es ist der erste Stahlrohrsessel. Vorher gab es eigentlich nur Stühle aus Holz. Und plötzlich kommt jemand darauf, ein völlig neues Material zu verwenden. Das wäre nur ein Beispiel. Wir haben viele Beispiele in diesem Kontext. Das Bauhaus war eine Reformschule, man wollte sich absetzen und auf die Funktion der Dinge konzentrieren, aber nicht nur auf die Funktion, sondern auch auf die Bedeutung der Dinge. Und das ist heute vielleicht ähnlich, dass wir manchmal überflutet werden von Reizen, dass wir uns gerne auch wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Und diese Konzentration auf das Wesentliche ist eine der entscheidenden Errungenschaften des Bauhauses."

Anregender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Das Weiterdenken des Bauhauses mit heutigen Positionen ist eine schöne Idee. Da sind die filigranen Drahtobjekte der dänischen Künstlerin Sofie Thorsen, ein spielerischer Hinweis auf die kleinen farbigen Holzobjekte, mit denen Hermann Finsterlin in den 1920er-Jahren sein geometrisches Formenvokabular erfand. Soundinstallation, Drahtobjekt, neu entworfene und alte Möbel – es ist eine dialogische Gegenüberstellung von Gegenwart und Vergangenheit, die in der Ausstellung erstaunlich gut funktioniert. So entwarf Barbara Köhler ihr gespiegeltes Wortbild "Einandererseits" als Reflex auf Christian Dells doppelarmige Pultleuchte, deren Form ebenfalls spiegelbildlich angeordnet ist. Die Münchener Ausstellung beweist: Bauhaus, das ist eine Formensprache, die uns angeht. Design und Kunst im Dialog – gestern und heute.

Die Ausstellung "Reflex Bauhaus. 40 Objects – 5 Conversations" in der Pinakothek der Moderne in München ist noch bis zum 2. Februar 2020 zu sehen.

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Autoren

Tilman Urbach

Sendung

kulturWelt vom 08.02.2019 - 08:30 Uhr