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Warum Bauhaus-Originale heute so begehrt sind | BR24

© Bayern 2

Die Firmen, die Bauhaus-Möbel und -Lampen herstellen, klagen häufig gegen Patentrecht-Verstöße. Doch was spricht gegen Plagiate? Erfüllt sich in ihnen nicht das Ideal des Bauhauses, das schönes Wohnen für alle verheißt? Design-Experten diskutieren.

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Warum Bauhaus-Originale heute so begehrt sind

Freischwinger stehen in Wartezimmern, die Wagenfeld Leuchte gibt es zum Zeitungsabo dazu: Bauhaus-Klassiker sind beliebt, aber teuer. Zwei Designexperten sprechen über den Hype – und die Frage, ob nicht gerade billige Kopien zum Bauhaus-Ideal passen.

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100 Jahre Bauhaus: Die Dinge, die in der legendären Kunst-, Architektur- und Gestaltungsschule entworfen und gemacht wurden, sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Vielen Menschen gelten sie als Zeichen eines modernen Lebensstils. Doch was ist an diesen – zumal massenhaft kopierten – Bauhaus-Klassikern noch innovativ? Und was hat es mit dem Hype um Bauhaus-Originale auf sich? Katharina Altemeier hat darüber mit Tulga Beyerle, Direktorin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, und dem Designtheoretiker Friedrich von Borries gesprochen.

Katharina Altemeier: Gibt es im Bauhaus noch so etwas wie Authentizität, also so etwas wie ehrliches Handwerk oder Handgemachtes, was ja gerade ein totaler Hype im Design-Bereich ist? Ein Beispiel: Wie ehrlich und authentisch kann eine Wagenfeld Leuchte heute überhaupt sein, die einen Plastik-Schirm statt den originalen mundgeblasenen Schirm aus Opal-Glas hat?

Friedrich von Borries: Ganz ehrlich, die Wagenfeld Leuchte ist heute einfach unwichtig, die stammt aus einer bestimmten Zeit und da wurden bestimmte Fragen gestellt. Da war es revolutionär, solche Gegenstände ohne viel Ornament, also mit möglichst wenig Dekor und mit diesen puren Materialien zu machen. Heute sehen wir uns das an und finden das doch eher so Art déco-mäßig. Das kann man jetzt persönlich schön finden oder nicht bzw. kann man die Diskussion, ob das eine kulturelle historische Referenz auf irgendwas ist, toll finden oder nicht, aber ansonsten ist es einfach unwichtig.

Tulga Beyerle: Ich finde schon interessant, dass sich sehr viele Objekte des Bauhauses quasi verselbstständigt haben. Sie sind zu Zeichen geworden, Zeichen eines Lebensstils, einer Haltung, eines angeblichen informiert-Seins über Design und Moderne. Ich sehe die Wagenfeld Leuchte auf einem Nachttisch und weiß, aha, der Besitzer will mir sagen, wie aufgeklärt er ist. Dann ist es vermutlich egal, ob das Plastik oder Glas ist.

© dpa picture alliance/ Matthias Hiekel

Wagenfeld-Lampe in 2 Varianten

Ist das auch bei einem Stahlrohr-Stuhl so, dass ich dieses Zeichen mitsamt seinem Zeichensystem kaufe? Sie haben was das betrifft, Herr Borries, in München gerade einen ziemlichen Knüller zu diesem Thema gebracht und in der Neuen Sammlung in Ihrer Ausstellung „Politics of Design, Design of Politics“, die aktuell übrigens noch läuft, einen Original-Freischwinger von Marcel Breuer gegen eine billige Replik ausgetauscht ...

Friedrich von Borries: Ja, ich finde das auch überhaupt nicht schlimm, wenn jetzt jemand sagt: Ich liebe Freischwinger, damit identifiziere ich mich, ich will das zu Hause stehen haben! Das ist gut und richtig. Und wenn der im Internet oder auf dem Flohmarkt eine der vielen Repliken kauft, die in den letzten Jahren entstanden sind und immer noch entstehen, ist das wesentlich näher an einer ursprünglichen Idee des kostengünstigen, industriell produzierten Möbels als wenn ich jetzt ein altes, patentrechtlich legitimiertes, aufgeblähtes sogenanntes Original für 850 Euro und mehr kaufe. Dann nimmt man in Kauf, dass der Durchmesser und die Biegung ein bisschen größer sind, aber es können sich dann eben auch viele Menschen leisten, also nicht nur das gehobene Bürgertum. Das war eigentlich mal das Ideal des Bauhauses.

© picture alliance / dpa Franziska Gabbert

Der Stuhl S35 nach dem Design von Marcel Breuer und der Beistelltisch MR 515 nach dem Design von Ludwig Mies van der Rohe

Frau Beyerle, Ihnen als Museumsdirektorin müsste die Jagd nach möglichst raren Originalen dagegen schon wichtig sein oder?

Tulga Beyerle: Ich habe mal im Zuge einer Übernahme einer großen Schenkung die Aufgabe gehabt, Bauhaus-Möbel mit einem Spezialisten genauer zu untersuchen. Es ist sehr spannend, wenn man lernt, wie zum Beispiel allein die Schrauben unterschieden werden. Ich bin aber trotzdem nicht sicher, ob ich da die Richtige bin, das Original vom Original haben zu müssen, weil ich ehrlich gesagt finde, es gibt aktuell so viele spannende andere Fragen, die ich für meine Aufgabe als Museumsdirektorin als dringender erachte.

Friedrich von Borries: Ich würde sogar noch weitergehen und sagen: Es spielt gar keine Rolle aus Perspektive des Bauhauses, ob es sich um ein Original oder um eine Kopie handelt. Dieser Original-Fetisch kommt aus der Musealisierung und der Marketing-Verwertung, die nach dem Bauhaus kamen. Für das Bauhaus und die Idee von Massenproduktion von Möbeln, die deshalb aus Stahlrohr gefertigt wurden, war das Original gar kein Thema.

Tulga Beyerle: Wobei es lustig ist, wenn man denn weiß, wie sie auch heftig miteinander gestritten haben wegen des Patentrechts. Die Bauhäusler waren ja schon ziemlich erpicht darauf, festzulegen, wer was wann wie genau entworfen hat.

Ich habe noch eine steile These an dieser Stelle, und zwar von Don Norman, dem Kognitionswissenschaftler und Gründer des Design Lab an der University of California. Der hat nämlich behauptet: „Obwohl das Bauhaus einen großen kulturellen Einfluss auf Design als Kunstform hatte, gelang es ihm nicht, auch nur einen einzigen Gegenstand hervorzubringen, der das Leben von Menschen in irgendeiner Weise grundlegend verändert hätte.“ Was sagen Sie zu dieser These?

Friedrich von Borries: Die ist schon Schwachsinn! Das Bauhaus hat natürlich in sehr vielfältiger Weise die Gestaltung der Lebenswelt von Menschen beeinflusst bzw. hat es Gestalter beeinflusst, die wahnsinnig viel gebaut und gemacht haben. Der ganze moderne Städtebau kommt daher. Also, das Bauhaus war schon extrem wirkungsvoll.

Don Norman meint das, glaube ich, eher in Bezug auf Gegenstände. Es ist ja interessant, dass in dieser Zeit viele Gegenstände auf den Markt kamen, die dazu da waren, den Alltag zu verbessern. Zum Beispiel Staubsauger und Schreibmaschinen. Und da gab‘s aber eigentlich vom Bauhaus nichts ...

Tulga Beyerle: Ich meine, die Lampen darf man da nicht ganz ausblenden. Zum Beispiel Marianne Brandt hat mit Firmen zusammengearbeitet, ihre Lampen waren schon sehr weit verbreitet. Da ist mehr passiert als man glaubt!

Er kritisiert da auch mehr so eine grundsätzliche Ebene, dass der Mensch in der Theorie des Bauhauses ein wenig untergeht. Es gab ja diesen kreisförmigen Lehrplan von Gropius, der einfach aus Formen- und Material-Lehre, aus Komposition und Farbe bestand. Aber es kommt kein Mensch darin vor.

Friedrich von Borries: Also, für mich ist ein anderer Punkt wichtig, eines der Wesensmerkmale des Bauhauses ist ja die große Bandbreite, von klassischem Kunsthandwerk bis hin zur industriellen Produktion, von sehr Kleinem bis hin zu sehr Großem. Und man kann jetzt kritisch anmerken, dass innerhalb der Produktion von Gegenständen, also alles was mit einem Teeservice, mit Teppichen und ähnlichem Kunsthandwerk zu tun hat, sehr bürgerlich geprägt ist. In der Tat gab‘s aus dem Bauhaus keine Hightech Design-Objekte, z.B. keine Automobil-Entwürfe. In der Architektur ist es anders, da war das Bauhaus sehr innovativ, hat sich mit industriellem Wohnungsbau, mit Siedlungsbau etc. auseinandergesetzt und war da sehr prägend. Es hatte einfach diese große Bandbreite. Deshalb führt eine Fokussierung auf bestimmte Objekte und auf diesen sogenannten Bauhaus-Stil, über den wir vorhin gesprochen haben, dann vielleicht eher zu so einer Kritik.

Tulga Beyerle: Ergänzend dazu, muss man umgekehrt auch sehen, wie sich die Bauhäusler zum Beispiel Materialien und Technologien zunutze gemacht haben. Als ich das erste Mal in Dessau war und diese Klappstühle gesehen habe, habe ich plötzlich verstanden wie Flugzeug-Technologie, Leichtbau und Methoden, um bei Möbeln möglichst wenig Gewicht zu haben, funktionieren – Auch in dem dortigen Sitz-Mobiliar, das fest eingebaut war. Das finde ich schon spannend genug, um es als wichtigen innovativen Schritt zu werten.

Es lohnt sich also doch, auch mal nach Dessau zu fahren.

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