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Auftakt zum Bauhaus-Jubiläum: Design für Besserverdienende? | BR24

© picture alliance / Arco Images GmbH

Fassade des Bauhauses Dessau

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Auftakt zum Bauhaus-Jubiläum: Design für Besserverdienende?

Das Bauhaus wird 100, das Jubiläumsjahr startet mit einem Festival in Berlin. Zeitgenössische Künstler interpretieren das Erbe des Bauhauses neu, Bundespräsident Steinmeier outete sich als Fan von Bauhaus-Design – auf gut sozialdemokratische Weise.

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"Das Vermächtnis des Bauhauses, glaube ich, ist nicht retrospektiv in eine vergangene Moderne, diese vergangene Moderne gar absolut zu setzen", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Eröffnung des Bauhaus-Festivals in der Berliner Akademie der Künste. "Das Vermächtnis ist, eine neue Moderne zu gestalten mit neuen Erkenntnissen, mit den Erfahrungen, die wir seither gemacht haben, mit den Bedürfnissen und Träumen der Menschen von heute. Das ist die Botschaft, so finde ich, die von Dessau, Weimar, Berlin und allen, die in der Tradition des Bauhauses arbeiten, in die Welt geht."

Improvisation zur Klassik der Moderne

Wie Steinmeier zum Auftakt des Bauhaus-Jubiläumsjahres vorschlägt, überträgt der aus Schweinfurt stammende Komponist und Jazzpianist Michael Wollny seine Vorstellung des traditionellen Bauhausgedankens in eine innovative Komposition. Er fragt, wie das Bauhaus wohl heute klingen würde und holt als Antwort dessen klassische Werkstoffe auf die Bühne. Im Eröffnungskonzert "BAU.HAUS.KLANG. Eine Harmonielehre" kombiniert er das Sopransaxofon von Emile Parisien mit elektrisch verzerrten Klängen von Gläsern, Metallen und Stoffen. Seinem eigenen Konzertflügel stellt Wollny eine Phonola gegenüber, einen Klavierspielapparat, der lediglich mit einer gelochten Notenrolle und Pedalen betätigt wird.

Geradezu maschinenhaft wirkt dessen Spiel gegenüber den fließenden Improvisationen Wollnys, der in seiner Komposition Inspirationsquellen des Bauhauses streift. Barock- und Zwölftonmusik, strukturell und geordnet, kontrastiert mit unvorhersehbaren, wilden Episoden, zu denen ihn die berüchtigte Bauhaus-Kapelle inspirierte: "Mir kommt es so vor, als ob das Bauhaus auch ein Ort war, an dem die Bühne eine zentrale Rolle gespielt hat: Was das genau für ein Ort ist, wie man den neu denken kann, das hat für mich viel zu tun mit Theater, mit Choreografie, mit Tanz, und daraus resultiert dann die Entscheidung, dass ich das Konzert nicht plane als Abfolge von zehn, zwölf Stücken, sondern als eine Choreografie von Szenen, wie eine Tanzchoreografie." Und tatsächlich bewegen sich Wollny und seine Musiker frei zwischen den gegensätzlichen Polen des Bauhauses, changieren zwischen kontrolliert geplanten Elementen und offen experimentellen.

© Wilfried Hösl

Tanzende Geometrie: "Triadisches Ballett" nach Oskar Schlemmer

Der interaktive Austausch mit dem Bauhaus

Die Bühne, oder genauer die Bauhausbühne, steht im Zentrum des Eröffnungsfestivals. Die Ausstellung "Kunst.Figur.Kostüm" kreist wie die Komposition Michael Wollnys um das Verhältnis von Mensch und Maschine auf der Bühne. Sonst natürliche Bewegungen verwandeln sich in den ausgestellten Kostümen, die der Maler und Bühnenbildner Oskar Schlemmer eigens für sein "Triadisches Ballett" entwarf, in gekünstelte. Wie man tanzt in einem Rock aus zerbrechlichen Glasrohren, eingefasst von Weihnachtskugeln, oder in einem Kostüm aus geschwungenem Draht, kann in Workshops ausprobiert werden.

Generell geht es der Kuratorin des Festivals Bettina Wagner-Bergelt um einen interaktiven Austausch mit dem Bauhaus: "Ein Festival ist eben auch ein Fest, und da kommen viele Menschen zusammen und können sich miteinander auseinandersetzen. Das ist ja auch das Konzept: Es gibt viele Formate, in denen man gemeinsam etwas macht, gemeinsam etwas erlebt, mit den Künstlern zusammen gemeinsam an etwas arbeitet. Ein bisschen wie der Choreograf Trajal Harrell gesagt hat: 'I am aiming for togetherness.' Das ist, glaube ich, ein ganz schöner Ansatz für die Zuschauer und Besucher, die hierher kommen."

© picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des Bauhaus-Festivals

Design für Besserverdienende?

Ein Höhepunkt des Festivals ist die virtuelle Installation "Das Totale Tanz Theater". Mit Virtual-Reality-Brille betritt der Besucher einen gigantischen Bühnenraum, der stets in Bewegung ist. Bodenplatten heben und senken sich, man folgt einer Tanzfigur im modernen Bauhauskostüm, deren künstlerische Bewegungen in so unmittelbarer Nähe faszinieren. Im Verlauf des Tanzes umzingeln den Besucher immer mehr gesichtslose Tanzmaschinen. Die Atmosphäre auf der virtuellen Bühne wird bedrohlich – ein kritischer Kommentar auf das digitale Zeitalter, in dem Maschinen blind vertraut wird.

Arbeiten wie diese zeigen, dass das Bauhaus nach hundertjähriger Geschichte noch immer als Ausgangspunkt für neuartige Kunstformen dienen kann. So gelingt es den Machern des Festivals, nicht in rückwärtsgewandter Bauhausnostalgie zu versinken, sondern aktuelle Perspektiven junger internationaler Künstler miteinzubeziehen. Interessant ist schließlich die vom Geist des Bauhauses angeregte zeitgenössische Kunst, insbesondere, wenn diese anknüpft an die gesellschaftspolitischen Ideale der einstigen "Bauhäusler", an die auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Ansprache erinnert: "Man wollte eben keine Kathedralen bauen, sondern Häuser und Wohnraum entwickeln für jedermann. Gegenstände, die praktisch und schön zugleich sein sollten. Ein besseres Leben – und zwar für viele, ja möglichst für alle: Das gehörte zu den ursprünglichen Intentionen. Deshalb, erlauben Sie mir das, gehört es für mich zu einer etwas seltsamen Dialektik der Geschichte, wenn heute Bauhausdesign ein Synonym geworden ist für die Wohnungseinrichtung von Besserverdienenden, inzwischen oft ein Distinktionsmerkmal einer, wenn Sie so wollen, Geschmackselite. Ich nehme mich da nicht aus."

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