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Großer Belastungsfaktor für die Erdatmosphäre: Die Verwendung von Beton und Stahl in der Bauwirtschaft. Die Materialien verbrauchen bei ihrer Herstellung viel Energie. Wie sehen die Alternativen aus? Das „Bauhaus der Erde“ hat Konzepte erarbeitet.

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Bauen für die Zukunft: das Projekt "Bauhaus der Erde"

Holz statt Beton: Wer das Klima retten will, setzt auf Holzbau und Einklang mit der Natur. Dafür plädiert unter dem Motto "Bauhaus der Erde" Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber. Politikerinnen, Künstler und Architektinnen unterstützen das.

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Von
  • David von Westphalen

Eine neue Architekturepoche könnte beginnen – ausgerufen von einem Klimaforscher, der uns aus der Klimakrise herausbauen will. Ziemlich ungewöhnlich. Aber Hans Joachim Schellnhuber hat für das "Bauhaus der Erde" bereits einen prominenten Kreis von Unterstützerinnen und Unterstützern um sich geschart. Architektinnen und Unternehmer, aber auch bekannte Künstler wie Ólafur Elíasson oder den Regisseur Volker Schlöndorff, und vom Präsidenten des Bundesumweltamtes Dirk Messner bis hin zur Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock von den Grünen. Die meinen es offenbar ernst. Also: Was hat das Klima mit dem Bauen zu tun? Schellnhuber meint: "Beim Bauhaus der Erde geht es quasi um den Elefanten im Klimaraum, so sage ich das oft. Nämlich um die Tatsache, dass die gebaute Umwelt für mehr als 40 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Können wir das ändern? Die Antwort ist: ja. Wir können diese Emissionen weitgehend vermeiden. Wir können bauen in einer Weise, dass wir sogar CO2 aus der Atmosphäre herausholen."

Gebäude aus organischen Materialien

Es geht ums Bauen mit Holz, und zwar im großen, im planetaren Maßstab. Auf der ganzen Welt soll Holz den Baustoff Beton ersetzen. Im Holz ist der Kohlenstoff aus CO2 gespeichert, den ein Baum im Laufe seines Lebens aus der Luft gefiltert hat. Verbaut man das Holz, dann bleibt eine Menge Kohlenstoff dem natürlichen Kohlenstoffkreislauf auf Dauer entzogen. Eine sogenannte Kohlenstoff-Senke entsteht. Schellnhuber nennt sein Prinzip die "Wald-Bau-Pumpe": "Mit jeder Neuanpflanzung, mit jedem neuen Aufwuchs kann ich das Schwung-Rad wieder neu bewegen. Die Pumpe nochmal betätigen. Und noch mehr Gebäude, Infrastrukturen aus organischen Materialien schaffen."

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Holzhaus im Allgäu

Ohne Kohlenstoff-Senken gewaltigen Ausmaßes – das wissen nur wenige – ist es inzwischen unmöglich, die 1,5 und auch die 2 Grad Grenze einzuhalten. Und weil sonst niemand einen Plan hat, wo diese Senken herkommen sollen, ist Schellnhubers Idee jetzt so wertvoll. Aber: Kann Forstwirtschaft in diesem Maßstab überhaupt nachhaltig sein? Und: sollte man Wälder nicht vielmehr schonen, der Biodiversität wegen?

Holzhäuser - verbaute Wälder?

Pierre Ibisch ist da skeptisch: "Ich weiß nicht, woher dieses Holz herkommen soll, mit dem wir uns aus der Klimakrise bauen wollen." Ibisch ist Experte für Waldökologie und Professor in Eberswalde. Er hat Bedenken, denn noch dominieren Wald-Monokulturen, werden die Böden mit Kahlschlägen geschädigt, wird immer mehr Holz verbrannt. All das müsse erstmal aufhören, sonst verlieren wir den Wald als Ökosystem und Kohlenstoffspeicher. "Weil Holzhäuser sind keine verbauten Wälder. Holzhäuser haben vielleicht eine Klimaschutzwirkung, wenn sie gut gemacht sind. Aber sie haben keine Wirkung für das Klima in der Landschaft und die Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen, was wir so dringend brauchen."

Ob der Bauhaus-Plan also aufgeht, das muss wissenschaftlich diskutiert werden. Aber: Beim "Bauhaus der Erde" geht es längst nicht nur um eine technische Lösung. Es will vielmehr weltweit Akteure zusammenbringen, die die Art und Weise, wie sich die Menschheit im 21. Jahrhundert behaust, ganz grundsätzlich neu entwerfen. "Unser Bild von der Zukunft, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, ist grundfalsch," sagt Schellnhuber. "Es hat sich eben am Maschinellen orientiert. Häuser müssen kerzengerade emporwachsen, Winkel müssen rechte Winkel sein. Und ich glaube, dass unsere gebaute Umwelt viel mehr wieder der Natur ähneln wird. Vielleicht wird man Städte der Zukunft von einem Ökosystem gar nicht mehr genau unterscheiden können."

Als Walter Gropius 1919 in Weimar das Bauhaus gründete, war er überzeugt, dass ein neues Zeitalter gekommen war, das nach Gestaltung verlangte. Nun stehen wir wieder vor einer neuen Zeit – die gestaltet werden muss, wenn wir nicht ins Klimachaos schlittern wollen, sagt der Klimaforscher Schellnhuber. Um diese Gestaltung geht es. Und die ersten Reaktionen auf die Initiative sind ganz untypisch für den Klimadiskurs: Aufbruchstimmung. Kein schlechtes Zeichen.

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