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Bauch einziehen in Bamberg: Retten neue Planeten die Menschheit? | BR24

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"Fort Schreiten" heißt das neue Theaterstück von Konstantin Küspert, das am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg uraufgeführt wird. Nachdem die Erde kaputt ist, fliegen Menschen 400 Jahre in eine neue Welt - und langweilen sich dabei fürchterlich.

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Bauch einziehen in Bamberg: Retten neue Planeten die Menschheit?

"Fort Schreiten" heißt das neue Theaterstück von Konstantin Küspert, das am E.T.A.-Hoffmann-Theater uraufgeführt wird, eine Satire: Nachdem die Erde kaputt ist, fliegen Menschen 400 Jahre in eine neue Welt - und langweilen sich dabei fürchterlich.

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Die Erde ist unbewohnbar geworden, die Menschen brauchen dringend einen neuen Heimatplaneten, aber der Weg bis dahin ist weit und unbequem. Für das "kulturLeben" auf Bayern 2 sprach Peter Jungblut mit dem Theaterautor Konstantin Küspert über seine satirische Zivilisationskritik "Fort Schreiten", die am 24. Januar am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg uraufgeführt wird.

Peter Jungblut: Gut, dass die Astronomen fast jede Woche neue Planeten im Weltall finden. Es kann ja sein, dass wir unsere Erde demnächst ausrangieren müssen. Wie das dann genau ablaufen könnte mit so einer Übersiedlung, das beschreibt der Autor Konstantin Küspert in seinem neuen Theaterstück „Fort Schreiten“, das in Bamberg aufgeführt wird. Darin macht sich die Menschheit auf die weite Reise zu einem neuen Planeten. So ungefähr 400 Jahre soll diese Reise dauern. Ihr Stück, Herr Küspert, ist aber etwas kürzer als 400 Jahre, oder?

Konstantin Küspert: Ich habe auf die Dauer der Inszenierung als Autor keinen Einfluss.

Sie lassen also die Menschheit oder besser gesagt Teile der Menschheit durch das All fliegen. Was passiert in diesem Raumschiff, das bei Ihnen ja „Granda Paso“ heißt?

„Granda Paso“, genau. Das Hauptproblem, glaube ich, von diesen „Generationen-Schiffen“ ist eine unerträgliche Langeweile, und man ist in diesem sozialen Raum aufeinander geworfen. Die mittlere Generation wird im Raumschiff geboren, wächst auf dem Schiff auf, geht dort zur Schule und wird auf dem Schiff wieder sterben, ohne das Ziel der Reise erlebt zu haben. Ich glaube, dass ist das Hauptproblem. Man sagt dazu auch „Fatigue“, ein ganz tiefes, tiefes Gefühl von Sinnlosigkeit, was sich möglicherweise in diesen Generationen einschleicht, abgesehen von den ganzen technischen Problemen.

Es geht bei Ihnen natürlich um die Frage, wohin der ganze Fortschritt die Menschheit gebracht hat. „Fort Schreiten“ heißt deshalb ja auch ihr Stück, und Sie sind da nicht nur kritisch, sondern fast schon pessimistisch, oder, was den Fortschritt angeht?

Naja, ich versuche, das zu vermeiden. Ich habe viele Fassungen des Stücks geschrieben und meinen Pessimismus mit einer gewissen Kraftanstrengung immer weiter runtergeschraubt. Aber es fällt mir schwer, optimistisch zu bleiben. Jetzt gerade in Davos, Sie haben es mitbekommen, es kam eine fast schon resignierte Greta Thunberg, die den Leuten sagte, das Haus brennt, wir müssen jetzt handeln, und Lenker dieses Planeten, zum größten Teil ja Männer, die sagen: Nö, ach, nö! Und dabei fällt es einem schwer, optimistisch zu bleiben.

© Martin Kaufhold/Theater Bamberg

Nostradamus sieht nur "Rauschen"

Sie lassen Nostradamus (1503 - 1566) auftreten, diesen Renaissance-Hellseher, diesen Weisen, wie auch immer. Wieso ausgerechnet Nostradamus?

Weil er ein Mensch ist, der angeblich oder tatsächlich in der Lage war, in die Zukunft zu sehen, das heißt, das Ende des Fortschritts oder die weiteren Folgen des Fortschritts vorauszusehen. Das kann sehr tröstlich sein, weil man mit den aktuellen Indizien, wie gesagt, zum Schluss kommen könnte, dass es nicht mehr allzu lange weitergeht. Da wäre es doch schön, wenn man Kontinuität herstellen könnte. Das kann aber natürlich auch beunruhigend sein, wenn er sagt, in 20 Jahren habe ich eigentlich nur noch „Rauschen“ auf dem Schirm. Das ist halt die Ambivalenz des Hellsehers in diesem Zusammenhang.

Also er nimmt in 20 Jahren Zukunft nur noch „Rauschen“ wahr. Er kann nichts mehr sehen, nur noch „Grisseln“.

Genau, quasi der Sendeschluss der Menschheit, es bleibt nur noch das Testbild!

Wie satirisch ist ihr Text?

Ich habe das Gefühl, dass ich auf eine bestimmte Art und Weise immer Komödien schreibe, weil ich das Gefühl habe, dass man, wenn man lacht oder wenn es lustig ist, bestimmte ernste oder bittere Inhalte auch besser aufnimmt. Das ist einfach wie mit der Schluckimpfung. Dann kann man vielleicht bittere Wahrheiten einfacher verdauen, wenn man die in ein humoristisches, leichtes Gewand kleidet. Ich will, dass die Leute lachen. Ich habe das Gefühl, das könnte passieren.

© Martin Kaufhold/Theater Bamberg

Entschlossen zum Neuanfang?

Also in dem Raumschiff „Granda Paso“, das unterwegs ist in den Weiten des Alls, darf auch gelacht werden. Oder besser gesagt, über das Raumschiff darf gelacht werden. Ja, es ist eine Art „Enterprise“, die - zumindest während das Stück läuft - niemals ankommt, dort, wo es hinfliegt, zu einem neuen Planeten. Es gibt ja immer wieder Kritik an der Zivilisationskritik. Wie reagieren Sie darauf?

Ich finde Fortschritt und Forschung ganz großartig. Also in vieler Hinsicht ist es das, was uns Menschen ausmacht und was uns ermöglicht, uns auch permanent weiterzuentwickeln. Das ist wirklich gut. Das Problem ist eher, dass wir Fortschritt sehr, sehr stark mit Wachstum verknüpft haben. Das geht halt einfach nicht. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen. Wir haben nicht genug Ressourcen für diese Form des Wachstums, die wir momentan erleben. Wenn wir es schaffen, diese Verknüpfung wieder zu lösen, was man auch durch neue Technologien schaffen kann, könnte man beispielsweise durch neue Energieanlagen den Klimawandel auffangen, auch umweltverträglichere Kraftstoffe entwickeln und trotzdem unsere Mobilität nicht wirklich einschränken, kann trotzdem klimaverträglich sein. Nur würde das halt das Wachstum bestimmter Mineralölkonzerne und davon abhängiger Volkswirtschaften bremsen. Und dann müsste wiederum eine Verlagerung stattfinden. Also diese ganze Verknüpfung von Fortschritt und Wachstum muss aufgelöst werden, wenn wir weitergehen wollen. Fortschritt an sich ist wundervoll.

Können Sie sagen, was man in Bamberg auf der Bühne so in etwa sehen wird? Ist da ein Raumschiff auf der Bühne aufgebaut?

Ich glaube, Sie haben vorhin die „Enterprise“ erwähnt. Die ist ja sehr dezent: Piepsende Geräuschkulisse, Hochglanz-Acryl-Oberflächen, Klavierlack. Man hat immer das Gefühl, alles läuft reibungslos, Teppichboden und so. Ich glaube, das Raumschiff, was wir sehen werden, wird vielleicht etwas weniger glänzen und dezent leise im Hintergrund piepen, sondern vielleicht etwas bewohnter sein!

Na, Gottseidank, da müssen wir nicht diese schrecklichen, körperbetonten Kostüme tragen!

Der arme William T. Riker, der den Ersten Offizier spielte, musste sieben Staffeln lang den Bauch einziehen!

Also: Bauch einziehen auf der Reise zum neuen Planeten, wenn wir unsere Erde aufgeben müssen! Vielen Dank für das Gespräch, Herr Küspert.

"Fort Schreiten" am 24., 25., 29., 30. und 31. Januar 2020 am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg, weitere Termine.

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