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Bartlebystyle: So klingt das Debüt des Gitarristen Paul Brändle | BR24

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Albumrezension: "Solo" von Paul Brändle

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Bartlebystyle: So klingt das Debüt des Gitarristen Paul Brändle

Endlich solo: Als Sideman ist Paul Brändle sehr gefragt. An ein Soloalbum dachte der junge Münchner Jazzgitarrist allerdings nie. Bis ihn ein Bandkollege überredete. Zum Glück: Dieses Debüt feiert den Zweifel - und den leisen Widerstand.

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Dieses verlegene Intro: Ein Sekundschritt nach vorn, einer zurück. Als würde Paul Brändle immer noch überlegen, ob das wirklich seins ist, so allein mit der Gitarre. Dann doch, ein Anflug von Selbstbewusstsein: erst eine Quint nach oben, dann noch eine Terz drauf. Beinahe eine auftrumpfende Geste. Erst verhalten gezupft. Dann, nach einer Pause, etwas mutiger, lauter. Und schließlich, nach über einer Minute, hat man das Gefühl: Da ist jemand angekommen.

Solist wider Willen

Mit dem Track "Lina" ist Paul Brändle nicht nur ein grandios zärtlicher, zweifelnder Einstieg geglückt, sondern auch sowas wie eine musikalische Selbstbeschreibung. Hier spielt ein Solist wider Willen. Zumindest einer, der sich nicht drum drängt, ums Solieren. Der vielleicht einen kleinen Anstoß braucht, jemanden, der sagt: Mach mal! Bei Brändle war’s Brugger. Vorname: Martin. Wie Paul ein Teil der Münchner Fusionband "Fazer".

© Conny Mirbach

Die Münchner Band "Fazer": Martin Brugger (b), Matthias Lindermayr (tr), Simon Popp (dr), Sebastian Wolfgruber (dr) und Paul Brändle (g).

Dem Bandkollegen seien seine Intros aufgefallen, erzählt Brändle: "Daher kam bei Martin der Impuls mich zu fragen: Willst Du nicht mal eine Soloplatte machen? Ich war am Anfang überhaupt nicht überzeugt, sondern musste die Idee erstmal ein reifen lassen. Aber schlussendlich haben wir das Album dann halt aufgenommen."

Wiederholung und Variation

So einfach kann’s gehen: Vom Solointro zum Soloalbum. Und dem hört man seine Herkunft auch an. Oft ist es nur ein Melodiefetzen, eine musikalische Figur oder Geste, ein Intro eben, aus dem Paul eine ganze Nummer spinnt. Und während man als Hörer immer noch darauf wartet, dass es richtig losgeht – merkt man plötzlich: Man ist längst mittendrin. Er arbeite eben gerne mit wenig Material, betont Brändle. Ihn interessierten kaum merkliche Variationen, die man erst beim zweiten oder dritten Hören wahrnehme: "Das hat für mich einen besonderen Reiz!"

Bartlebystyle: Introvertierte Bockigkeit

Wiederholung und Variation, das allein wäre nichts Neues. Interessant ist allerdings die Haltung, mit der Brändle spielt. Diese introvertierte Bockigkeit. Bartlebystyle nach dem Motto: I would prefer not to. In diesem Fall vor allem: not to groove. Fast alle der acht Tracks auf der Platte zeichnen sich durch einen ausgeprägten Antiswing aus. Stattdessen: viele Rubati, viel rhythmische Freiheit, sprich Zeit fürs Ohr, die Töne sacken zu lassen. Oder auf sie zu warten. Er selbst habe erst beim Abhören der Aufnahmen gemerkt, dass der rhythmische Fluss immer wieder ins Stocken gerate, erzählt Brändle. Trotzdem habe er sich dagegen entschieden nochmal ins Studio zu gehen. Wichtiger als Perfektion ist ihm der unmittelbare Ausdruck. "Ich hab mir eben gedacht: Okay, ich hab das jetzt so gespielt. Und so lass ich das jetzt dann auch. Dieses Projekt ist ja mein erstes richtiges Solo-Outing."

Doch ein Solist?

Und wer outet sich da? – Versuch einer Antwort nach einem guten duzend Spaziergängen mit dem Brändlesolosound im Ohr (alles rein spekulativ, versteht sich): Da spielt ein Selbstbeobachter, der die Nähe, den Flow, in der Distanz sucht. Der nicht einfach zugreift, sondern wartet, bis die Töne von selbst kommen: Ein unspektakulärer Ansatz, der dem Album an manchen Stellen einen etwas betulichen, topfpflanzigen Anstrich verleiht; der insgesamt aber den Wunsch auslöst, mehr Zeit zu haben, mehr Zeit um Brändle zuzuhören. – Einem Solisten? – Klar, sogar im doppelten Sinn: Weil er nicht nur allein, sondern auch für sich spielt.

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Von
  • Tobias Stosiek
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