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Barocke Erinnerung: So prägten Seuchen Kunst und Architektur | BR24

© Ralf Roeger/Picture Alliance

Restaurierung: Schrein der Heiligen Corona in Aachen

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    Barocke Erinnerung: So prägten Seuchen Kunst und Architektur

    Aus Dankbarkeit stifteten reiche Einzelpersonen und wohlhabende Städte nach überstandenen Seuchen vielfach prachtvolle Bauten und Kunstwerke. Sie zeugen bis heute von Frömmigkeit, aber auch vom Bedürfnis nach Repräsentation und Erinnerung.

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    Frömmigkeit und Eitelkeit haben sich schon immer aufs Beste miteinander vertragen, sonst gäbe es nicht so viele repräsentative Kirchen und Mahnmale, die an überstandene Seuchen erinnern. Unübersehbar mussten diese Bauten vor allem sein, denn nicht nur die bußfertigen Gelübde sollten in Erinnerung bleiben, auch die mehr oder weniger demütigen Geldgeber. An der "Pestsäule" in Wien, die offiziell "Dreifaltigkeitssäule" heißt, legen Passanten derzeit sogar wieder Grablichter nieder und beten um Beistand gegen das Corona-Virus.

    Kaiser Leopold I. höchstpersönlich hatte das monumentale, 21 Meter aufragende Marmor-Kunstwerk 1679 gestiftet, übrigens nicht ganz uneigennützig. Erstens ließ er sich auf der Säule in betender Pose selbst verewigen, zweitens war ihm wichtig, dass unter seiner Leitung nicht nur die Seuche, sondern auch die Osmanen besiegt wurden, eine Gleichsetzung von sehr unterschiedlichen Gefahren, die damals selbstverständlich war, heute allerdings einigermaßen bizarr anmutet.

    © Helmut Fohringer/Picture Alliance

    Grablichter vor der Wiener Pestsäule

    Die 1693 eingeweihte Wiener Säule scheint die Zeitgenossen jedenfalls so sehr beeindruckt zu haben, dass sie in halb Mitteleuropa nachgeahmt wurde, vor alle natürlich im katholischen Österreich und dem Süden Bayerns. Kein Wunder, dass die meisten heute noch bestehenden Mahnmale, die an Seuchen erinnern, aus dem Barock-Zeitalter stammen, war diese Ära doch geradezu besessen von der Vergänglichkeit bei gleichzeitiger Prachtentfaltung. Künstler schöpften reichlich Inspiration aus diesem Gegensatz, die Bilder und Skulpturen konnten gar nicht grell und todestrunken genug sein.

    Hund, Pfeile und Lilien

    In Wallerstein bei Nördlingen ließ es sich Graf Anton Karl von Oettingen-Wallerstein nicht nehmen, 1722 ebenfalls ein frommes Zeichen ganz im Stil von Kaiser Leopold zu setzen. Weil damals im weit entfernten Marseille eine Infektionskrankheit für Angst und Schrecken sorgte, gelobte der Graf, eine Säule mit den Bildern der zuständigen Schutzheiligen Rochus, Sebastian und Antonius von Padua zu stiften, falls die Seuche "fern von Heimat und Haus" bleibe. Die verschlüsselte Inschrift erinnert bis heute daran und nennt als Wundermittel gegen alle Arten von Ungemach "Hund, Pfeile und Lilien", nämlich die Kennzeichen der drei erwähnten Heiligen.

    © Ralph Lueger/Picture Alliance

    Pestsäule in Wallerstein bei Nördlingen

    Der Hund zum Beispiel ist aufs Engste mit dem wichtigsten christlichen Schutzheiligen gegen Seuchen aller Art verbunden: Rochus von Montpellier: Weil der Mann der Legende nach auf dem Rückweg von einer Pilgerfahrt nach Rom selbst schwer erkrankte und nur überlebte, weil ihm ein treuer Vierbeiner aus dem Haus eines reichen Ritters im norditalienischen Piacenza täglich Brot vorbei brachte, ziert ein Hund als Attribut zahlreiche Rochus-Abbildungen und -Skulpturen, manchmal ergänzt um eine nahrhafte Semmel. Eine Rochus-Kapelle findet sich zum Beispiel im Tiroler Dorf Biberwier am Fuß der Zugspitze, errichtet ab 1611, nachdem in der Gegend eine Seuche rund siebzig Opfer gefordert hatte. Kunsthistoriker verweisen übrigens darauf, dass dieser Kapelle anzusehen ist, dass die Uhren in Tirol schon immer langsamer tickten: Es ist ein von der Gotik geprägter Bau, obwohl dieser Stil damals im Rest von Europa schon ein paar hundert Jahre obsolet war.

    © Hans Eder/Picture Alliance

    Rochuskapelle an der Zugspitze

    Mit frommen Bußübungen und markanten Bauten war es allerdings schon vor vielen hundert Jahren nicht getan, wenn tödliche Krankheiten ausgebrochen waren. Die Wiederbelebung der Wirtschaft war schon 1422 ein Thema, als Erzbischof Otto von Ziegenhain dem von einer Seuche schwer geprüften Cochem an der Mosel für zehn Jahre alle Grundsteuern und Abgaben erließ, sicher nicht ganz freiwillig, sondern weil es dringend geboten war.

    Hund an der Decke

    Nachdem 1666 eine weitere Epidemie in der Gegend gewütet hatte, fand sich für eine Kapelle ein imposanter Bauplatz unterhalb der Reichsburg. Ein steiler Wanderweg führt zu dem barocken Sühnezeichen, für den sich festes Schuhwerk empfiehlt. Der Hund des Heiligen Rochus soll früher samt einem Laib Brot die Decke des Kleinods geziert haben, dank der großzügigen finanziellen Hilfe von so illustren Gönnern wie Philipp Emmerich von Winneburg und Dietrich Adolf von Metternich, auf Beilstein und Winneburg.

    © Picture Alliance

    Pestkapelle St. Rochus (vorn) an der Mosel

    Weit weniger bekannt als der Schutzpatron Rochus war bis vor kurzem die Heilige Corona, die im Aachener Dom ihre letzte Ruhestätte gefunden haben soll. Sie galt früher als fromme Stütze der Schatzgräber und aller anderen Leuten, die mit Geld zu tun hatten. Nebenbei kümmerte sie sich auch um Metzger und bewahrte das Vieh vor Seuchen. Nichts für schwache Nerven ist die Legende, wonach Corona im Alter von 16 Jahren dadurch hingerichtet wurde, dass sie zwischen zwei Seile gespannt wurde, die an niedergedrückten Palmen festgebunden waren. Beim Loslassen der biegsamen Stämme soll die Märtyrerin zerrissen worden sein.

    Zu groß für die Vitrine

    In Teilen Österreichs wird die Heilige daher auch in der Forstwirtschaft verehrt, müssen Holzfäller doch allzeit umstürzende Bäume und zurückpeitschende Äste fürchten. Der Schrein mit Coronas Reliquien, der in der Aachener Schatzkammer verstaubte, wird wegen der gleichnamigen Krise derzeit wieder vorzeigbar gemacht, soll aber wohl nicht dauerhaft zu sehen sein. Der Grund: Das 98 Kilo schwere, etwas klobig wirkende Kunstwerk aus dem Jahr 1912 passt in keine der Vitrinen. Gleichwohl wird es in einer geplanten Ausstellung über die Goldschmiedekunst des Historismus eine Rolle spielen. Diese Kunstepoche steht bei Fachleuten nicht gerade in hohem Ansehen, ist sie doch in Deutschland mit viel äußerem Gepränge verbunden, wie es Kaiser Wilhelm II. und dessen Zeitgenossen schätzten.

    © Picture Alliance

    Wallfahrtskirche St. Coloman bei Schwangau

    Viele Wallfahrtsorte, die es erst im Barock zu einiger Bedeutung brachten, haben natürlich eine Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Zu den einst viel besuchten Zielen von Gläubigen, die Hilfe gegen Seuchen erflehten, zählt die Kirche St. Coloman bei Schwangau. Im Dreißigjährigen Krieg wurden dort einige hundert Pest-Opfer bestattet. Als das militärisch völlig sinnlose Gemetzel 1648 endlich vorbei war, kamen immer mehr Pilger in die zunächst karge Kapelle, die einem irischen Mönch geweiht war, der um das Jahr 1000 in Wien gemartert worden sein soll. Nach seiner "Erhebung" zu den Heiligen galt Coloman als Ansprechpartner für die Heilung von Krankheiten bei Mensch und Tier. Diese Fähigkeit war so gefragt, dass die Pilger im Schwangau bis 1672 schon ansehnliche 10 000 Gulden gespendet hatten, um die Wallfahrtsstätte zu einem frühbarocken Juwel auszubauen. Wer den Stil dieser Epoche in unverfälschter Reinheit genießen möchte, ist hier richtig.

    © Picture Alliance

    Kirche Il Redentore (Erlöserkirche) in Venedig

    Zu den viel zitierten Prachtbauten, die ihre Entstehung überstandenen Seuchen verdanken, gehört die venezianische Erlöserkirche Il Redentore auf der Giudecca-Insel. Kein Geringerer als der berühmteste Renaissance-Baumeister und Villen-Architekt Andrea Palladio entwarf 1577 das Gebäude, das dem benachbarten Kapuziner-Kloster angegliedert wurde. Fertigstellen konnte Palladio die Kirche nicht mehr, er starb drei Jahre nach der Grundsteinlegung. Für Kunstliebhaber ist Il Rendentore ein Höhepunkt jedes Venedig-Aufenthalts, ein Meisterwerk der Proportionen, der Sicht-Achsen und antiker Kunsttheorie.

    Feiern mit Palladio

    Jedes Jahr am dritten Sonntag im Juli feiert Venedig dort traditionell die Genesung von der Pest, mit großen Feuerwerk und einer eigens aufgebauten Fußgängerbrücke über den Giudecca-Kanal. Normalerweise strömen dafür Tausende von Zuschauern zusammen, sind doch auch Regatten mit reich geschmückten Booten zu erleben. In diesem Jahr dürfte der Trubel deutlich geringer ausfallen, wenn er überhaupt zugelassen wird, aber wer weiß, ob das Fest in einigem Abstand zur Corona-Krise nicht umso ausgelassener werden wird?

    © Wilfried Wirth/Picture Alliance

    Karlskirche in Wien

    Mag sein, dass aufgeklärte Theologen derzeit einen Rückfall in barocke und somit doch sehr abergläubische Frömmigkeit befürchten, jetzt, wo in der Corona-Krise erste Pfarrer bereits wieder Gelübde abgelegt haben und keineswegs ausgeschlossen ist, dass die Zahl der Hauskapellen sprunghaft steigt. Allein in der Diözese München-Freising werden jährlich schon in "normalen" Zeiten zwei bis vier solcher privaten Bauten eingeweiht, hat die Nachrichtenagentur dpa herausgefunden.

    Panorama-Lift zu Decken-Fresken

    Kaiser haben natürlich das Privileg, für ihre Gelübde andere zahlen zu lassen. So gelobte der damals noch sehr junge Karl VI. nach der Wiener Epidemie von 1713, einen neuen Kirchenbau zu stiften. Nicht ganz uneigennützig wählte er seinen eigenen Namenspatron Karl Borromäus als Schutzheiligen des Unternehmens aus. Finanziert wurde die Karlskirche von den zahlreichen Untertanen zwischen Neapel und Hamburg. Dafür können Kunstfreunde heutzutage den Panorama-Lift besteigen, um sich die großartigen Deckenfresken aus der Nähe anzusehen.

    Mit wenigen Klicks im Internet finden bayerische Kunstliebhaber zahlreiche näherliegende barocke Kirchenbauten und Erinnerungs-Säulen, die aus Dankbarkeit für überstandene Epidemien errichtet wurden: In Kallmünz zum Beispiel die Sebastibergkirche (1713), in Reit im Winkl sogar drei "Pest"-Säulen in einem kleinen Ort. Corona-Kirchen sind in u.a. in Altenkirchen (Frontenhausen), in Stauding bei Massing, in Passau und Handlab (Deggendorf) zu entdecken.

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