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Bare Liebe, wahres Geld: So frostig ist "Manon" in Nürnberg | BR24

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Hier gehen alle auf den Strich: In der Regie von Tatjana Gürbaca wird aus Jules Massenets komischer Oper eine sarkastische Abrechnung mit Kapitalismus und Patriarchat. Männer bleiben mit Drogen und Waffen an der Macht, Frauen gehen vor die Hunde.

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Bare Liebe, wahres Geld: So frostig ist "Manon" in Nürnberg

Hier gehen alle auf den Strich: In der Regie von Tatjana Gürbaca wird aus Jules Massenets komischer Oper eine sarkastische Abrechnung mit Kapitalismus und Patriarchat. Männer bleiben mit Drogen und Waffen an der Macht, Frauen gehen vor die Hunde.

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Von all den Sünden, die es früher mal gab, ist uns ja nur noch eine einzige geblieben, wissen wir seit Bertolt Brecht: Kein Geld zu haben. Darauf allerdings steht die Todesstrafe, jedenfalls der soziale Tod, die totale Ausgrenzung. Dazu möchte die titelgebende Manon in der Oper von Jules Massenet nicht verurteilt werden, und deshalb hält sie sich konsequent an die Devise: Lieber gemeinsam reich als einsam arm. Oder, sarkastischer formuliert, sie sucht die bare Liebe und das wahre Geld. Leider kostet das ihr Herz, aber als sie das merkt, ist es längst zu spät. So verlässt sie den Juwelen zuliebe ihren Liebhaber, lässt sich mit windigen Existenzen ein, verrät ihren Mann abermals, verschachert sich an halb Paris und wird von den Männern schließlich entsorgt wie ein Kadaver.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Paris: Stadt der Ausschweifung

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca machte am Staatstheater Nürnberg aus diesem einstmals beschaulichen Moralstück aus dem 18. Jahrhundert eine so grelle wie ätzende Abrechnung mit den Machtverhältnissen im Kapitalismus im Allgemeinen und zwischen den Geschlechtern im Besonderen: Die Frauen schaffen an und die Männer kassieren ab, nicht einen Moment bleibt hier offen, wer das Sagen hat. Letztlich gehen hier alle auf den Strich, jeder verkauft sich, so teuer es geht und von oben rieselt ständig Bargeld. Ein saurer Regen der besonderen Art. Eigentlich nicht auszuhalten, diese ätzenden Verhältnisse, aber gegen Gewissensbisse gibt es ja harte Drogen und Handfeuerwaffen.

Fetisch-Glück mit Hunde-Ohren

Ausstatter Marc Weeger hatte dafür Rummelplatz-Atmosphäre geschaffen. In einem mehrfachen Lichterrahmen tummeln sich Revue-Tänzerinnen mit Federschmuck, geht Konfetti nieder, wird russisch Roulette gespielt und auch mal der Fetisch-Leidenschaft gefrönt. Ohne Hundeohren aus Leder ist heutzutage ja kaum noch eine Sexparty denkbar! Optisch könnte das auch der "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" sein, der Stadt, in der bekanntlich alles erlaubt ist, außer kein Geld zu haben.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Buntes Leben

So konsequent, wie Tatjana Gürbaca das alles als Kapitalismus-Kritik inszeniert, ist das so unterhaltsam wie erschütternd, auch, wenn das Stück vor allem musikalisch soviel bittere Satire eigentlich gar nicht her gibt und auch, wenn sie es mit manch arg drastischem Detail etwas übertreibt. So aufgeregt, so zappelig, so hysterisch hätten die Mitwirkenden gar nicht sein müssen, um die Botschaft vom schnöden Materialismus rüber zu bringen, der auf die Dauer Geist und Seele tötet. Gleichwohl: Schade, dass Gürbaca nicht, wie ursprünglich geplant, den nächsten "Ring" in Bayreuth inszeniert, da geht es ja auch um die Herrschaft des Kapitals, um die Mechanik der bürgerlichen Gesellschaft. Das hätte die Regisseurin gewiss erfrischend polemisch interpretiert. Doch bekanntlich scheiterte das Vorhaben am Streit um Probenzeiten.

Auf Geld programmiert

"Born that way" ist am Ende auf dem T-Shirt von Manon zu lesen, das sollte wohl heißen, ich konnte nicht anders, ich musste so handeln, auf Geld bin ich programmiert. Hatte da etwa der Teufel seine Hand im Spiel, der mit rotem Umhang einen Kurzauftritt hatte, als ob er gerade Urlaub machte von Goethes "Faust"? Immerhin gehört es ja zur aktuellen politischen Debatte von der "Alternativlosigkeit" zu sprechen, den Kapitalismus also zur Notwendigkeit zu erklären, wenn nicht gar zur Selbstverständlichkeit. Ein in der Tat sehr zeitgemäßer, verstörender Opernabend, der beim Publikum allerdings auf vergleichsweise wenig Resonanz stieß. Der Beifall war lau, Buhrufe gab es nur sehr vereinzelt für den Dirigenten.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Opfer der Verhältnisse

Dabei hatte Guido Johannes Rumstadt ein fahles, bleiches, eisgekühltes Klangbild beigesteuert, was zur Inszenierung passte. So bitter, so konturenlos hört sich Jules Massenet, der eigentlich für seinen überzuckerten Süßkram bekannt ist, selten an. Das störte wohl ein paar Fans des französischen Fachs. Unter den Solisten schien Sopranistin Eleonore Marguerre in der Titelrolle stimmlich anfangs noch sehr nervös, als skrupelloses Playgirl wirkte sie darstellerisch auch eine Spur zu verunsichert - umso glaubwürdiger war sie in ihrer Verzweiflung, im Scheitern.

Wenigstens auf der Bühne Winter

Der polnische Tenor Tadeusz Szlenkier als Chevalier Des Grieux trumpfte stimmlich mächtig auf und spielte den etwas behäbigen, kreuzbraven Liebhaber im Holzfällerhemd jederzeit authentisch - etwas mehr emotionale Leidenschaft wäre noch anrührender gewesen. Großartig diabolisch war Hans Kittelmann als aasiger Lebemann de Morfontaine. Der Chor überzeugte als ausgelassene Partygesellschaft ebenso wie als raue Wachmannschaft: Insgesamt eine überzeugende, wenn auch sehr frostige Gesamtleistung des Nürnberger Staatstheaters. So gesehen war es wenigstens auf der Bühne Winter.

Wieder am 28. Januar, sowie 2. und 6. Februar 2020 am Staatstheater Nürnberg, weitere Termine.

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