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Szene aus "Bardo"

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"Bardo": Ein verrückter Stream of Consciousness

"Bardo": Ein verrückter Stream of Consciousness

Sein letztes Werk "The Revenant", ein Western mit Leonardo DiCaprio, kam vor sieben Jahren in die Kinos. Nun präsentiert der fünffache Oscar-Gewinner Alejandro Iñárritu eine bildgewaltige Reflexion über sein Heimatland Mexiko und die eigene Karriere.

Der Schatten eines Mannes ist zu sehen. Direkt vor unseren Augen bewegt er sich, als wären es die eigenen Körperumrisse, und dann hebt der Schatten nach ein paar schnellen Schritten über einer wüstenartigen Landschaft plötzlich ab, entschwindet in die Lüfte und wird so auf dem Boden immer kleiner. Nach ein paar hundert Metern Flug sinkt er nach unten, landet schließlich wieder auf der Erde, vollführt abermals ein paar schnelle Schritte und erhebt sich erneut.

Diese traumhafte Sequenz umrahmt "Bardo", eine surreal anmutende Tragikomödie, die voller verrückter Bildeinfälle ist und die Geschichte eines populären mexikanischen Journalisten und Dokumentarfilmers erzählt, der mit Frau und Kindern in Kalifornien lebt und für eine gewisse Zeit in seine Heimat zurückkehrt.

Abfolge bizarrer Alptraum-Szenen

Wie "Bardo" funktioniert - nämlich als eine Abfolge bizarrer und auch immer wieder alptraumhafter Szenen - wird schon nach der Eingangssequenz mit dem fliegenden Schatten klar: Da sitzt Hauptfigur Silverio, ein Mann Ende 50, der Regisseur Alejandro Iñárritu durchaus ähnelt, in einer U-Bahn und hält einen durchsichtigen Plastiksack mit zwei großen Goldfischen zwischen den Beinen. Schnitt. Dann ist der Sack plötzlich verschwunden, aber die Hände scheinen ihn trotzdem noch zu halten. Nun steht der gesamte Boden der U-Bahn voller Wasser, um die 20 Zentimeter hoch, und die Fische schwimmen herum.

Silverio bewegt sich auf Händen und Knien durch den Waggon, um sie wieder einzufangen. Schnitt. Jetzt platscht er plötzlich in der derselben Haltung durch das Wohnzimmer seines Hauses, Schnitt, jetzt sieht man das Domizil von oben, das Dach fehlt – und man erkennt, dass alle Zimmer überschwemmt sind.

Netflix scheint Iñárritu freie Hand gegeben zu haben

Das ist verblüffend und so meisterlich wie aufwändig inszeniert, aber läuft doch bald ins Leere. Alejandro Iñárritu hat man offenbar einfach machen lassen. Das Geld kommt von Netflix. Der Streamingdienst verspricht sich von berühmten Regisseuren einen Imagegewinn und eventuell auch ein paar Oscars. Das geht bisweilen gut, wie dieses Jahr bei Jane Campion und "The Power of the Dog", es geht bisweilen aber auch schief wie jetzt bei Iñárritu.

Netflix scheint die Filme redaktionell kaum zu begleiten, weil sie nicht in den Kinos reüssieren müssen, sondern online so oder so abrufbar sind. Der große Name zählt, der Inhalt wird schon passen. Es wirkt, als habe sich Iñárritu für "Bardo" von seinem Freund und Landsmann Alfonso Cuaron inspirieren lassen, der vor vier Jahren mit "Roma" ebenfalls für Netflix einen vom eigenen Leben inspirierten Film drehte und damit 2019 drei Oscars gewann.

"Bardo " wirkt zu protzig

Die Kraft und Poesie von "Roma" erreicht Alejandro Iñárritu mit seinem "Bardo" allerdings nie. Als einen verrückten überbordenden Stream of Consciousness inszeniert er die Auseinandersetzung von Silverio mit seiner Heimat Mexiko, findet auch immer wieder beeindruckende Bilder wie etwa für die Desaparecidos, jene Menschen, die von staatlichen oder quasi-staatlichen Sicherheitskräften verhaftet oder entführt und anschließend gefoltert und ermordet werden, oder für Flüchtende an der Grenze zu den USA.

Doch insgesamt wirkt "Bardo" mit seiner visuellen Großhuberei zu protzig, zu eitel, zu sehr von den eigenen Oberflächen begeistert, als dass man diesen zweieinhalb Stunden Kino eine tiefere Erkenntnis abgewinnen könnte. Die Bildermaschine läuft heiß, es gibt kaum Ruhepausen oder auch mal stillere Momente. "Bardo" funktioniert vor allem als Vehikel für einen Regisseur, der zeigen möchte, wie toll er ist.

"Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten" läuft ab Donnerstag in den Kinos an – ab 16. Dezember wird er dann bei Netflix zu streamen sein.

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